Facetten der Sarah Baartman

Sabine Ritter
Facetten der Sarah Baartman – Repräsentationen und Rekonstruktionen der „Hottentottenvenus“
Racism Analysis, Series A: Studies, Volume 1, edited by Wulf D. Hund
LIT Verlag 2010
280 Seiten
29,90 €

g10950-7Wer sich intensiver mit den historischen Hintergründen von Rassismus beschäftigt, trifft früher oder später auf die Geschichte der Sarah Baartman. Sie lebte um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, stammte aus einem kolonialen Grenzgebiet in Südafrika und wurde 1810 nach England gebracht, mit der Absicht, sie aufgrund ihrer für Europäer beeindruckenden Anatomie als „Hottentot Venus“ auf einem Podest und in einem Käfig auftreten zu lassen. Hier konnten Schaulustige sie nicht nur begaffen, sondern auch berühren, kneifen und pieksen. Wurde sie ob zu grober Behandlung unwillig, trat ein Wärter dazwischen. Die Londoner African Institution warf dem Schausteller vor, sie damit gegen ihren Willen ihrer Menschenwürde zu berauben. Laut Baartmans eigener Aussage war dem jedoch nicht so und der Schausteller wurde freigesprochen. Nach dessen Tod zog sie mit einem neuen Impresario nach Frankreich, wo sie in gleicher Weise präsentiert wurde und damit auch in das Interesse der Wissenschaft geriet. Unter der Leitung des bekannten Anatomen Georges Cuvier wurde sie gezeichnet und vermessen und nach ihrem Tod im Dezember 1815 ausgiebig examiniert. Ein kolorierter Gipsabdruck ihres Körpers und ihr Skelett wurden bis 1982 im Musée de l’homme in Paris ausgestellt. Zudem wurden ihr Gehirn und ihre Genitalien konserviert und im Magazin aufbewahrt. Erst nach hartnäckigen Verhandlungen konnten ihre körperlichen Überreste schließlich im August 2002 nahe Kapstadt beerdigt werden.

Die rassismuskritische Forschung rekurriert weithin auf die „Hottetottenvenus“, deren Erzählungen und deren Bilder als Repräsentationen. Sabine Ritter hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese historisch einzuordnen. Sie untersucht und kontextualisiert die Repräsentationen und Rekonstruktionen der „Hottetottenvenus“, um Wahrnehmungsmuster zu hinterfragen, die oft genug unbeabsichtigt reproduziert werden. Ritters Ziel ist eine „Durchdringung der Facetten Sarah Baartmans […], die im besten Sinn aufklärerisch wirkt und weder Stereotype noch voyeuristische Situationen reformuliert und fortschreibt“.

Für ihre Diskursanalyse zieht sie unterschiedlichste Quellen wie Zeitungsartikel und Karikaturen, Gerichtsunterlagen und wissenschaftliche Untersuchungsberichte, aber auch Theaterstücke, Filme und Kunstwerke heran. Zudem wird der aktuelle Stand der Forschung in die Analyse miteinbezogen. Die Kategorien „race“ und „gender“ bilden die Hauptachsen in den Diskursen um die „Hottentottenvenus“ und sie liefern unter anderem im 19. Jahrhundert die Basis, auf der Differenz konstruiert wurde, um das „Andere“ zur europäischen bürgerlichen Norm zu schaffen, das dann der Diskriminierung ausgesetzt wurde. Im Anschluss an Wulf D. Hund stellt Ritter fest: „Mit ihren wechselseitigen Verknüpfungen und argumentativen Überlappungen stellen Geschlecht, Klasse, Nation, Kultur und Rasse Kategorien dar, innerhalb derer der moderne Rassismus als soziales Herrschaftssystem generiert wurde und wird“. Diese Intersektionalität bildet ebenso wie die zwischen Cultural und Postcolonial Studies verortete interdisziplinäre Herangehensweise die Grundlage der vorliegenden Arbeit.

Gegliedert ist der Band in zwei Hauptteile. Im ersten untersucht Ritter die „Repräsentationen im neunzehnten Jahrhundert“ unter den Aspekten der Konstruktion, Präsentation und Verifikation, im zweiten die wissenschaftlichen, politischen und künstlerischen „Rekonstruktionen im zwanzigsten Jahrhundert“. Am Schluss zieht sie eine kritische Bilanz der diversen Zuschreibungen, denen die „Hottentottenvenus“ seitens der Wissenschaft, Politik und Kunst ausgesetzt war. Letztlich, so Ritter, steckt hinter diesem Stereotyp „ein Mensch […], über dessen Handlungskompetenz und Persönlichkeit nur noch bedingt ein Urteil abgegeben werden kann. […] Schon zu Lebzeiten versteckten Bilder und Zeichen die Person, die heute mythisches Symbol der kolonialen Ausbeutung Afrikas ist“.

In diesem Buch geht es also nicht um die reale Person Sarah Baartmans und deren Biografie, als vielmehr darum, wozu sie in den letzten zwei Jahrhunderten benutzt worden ist. Lesenswert ist es auch für nicht wissenschaftlich Interessierte aufgrund seines beeindruckenden Quellenmaterials und dessen Aufbereitung und kontextueller Einordnung. Zudem schärft es den Blick für eine Auseinandersetzung mit Rassismus und damit, wie dieser auch unbeabsichtigt und gut gemeint immer wieder festgeschrieben wird.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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