Halbstarke in der DDR

Wiebke Janssen
Halbstarke in der DDR – Verfolgung und Kriminalisierung einer Jugendkultur
Ch. Links Verlag 2010
320 Seiten
23,90 Euro

9783861535799In ihrer 2009 an der Martin‑Luther‑Universität Halle‑Wittenberg vorgelegten Dissertation mit dem Titel Halbstarke in der DDR widmet sich Wiebke Janssen auf Grundlage von Zeitzeugenberichten und breitem Archivmaterial einem von der Forschung bislang vernachlässigten Phänomen: den Halbstarken in der ehemaligen DDR.

Mussten sich die Halbstarken als erste amerikanisierte Jugendkultur der deutschen Nachkriegszeit in der BRD vor allem mit dem Unverständnis ihrer Elterngeneration auseinandersetzen, trat in der DDR die „unverhältnismäßige Politisierung und ideologische Überfrachtung“ dieser mit dem System nonkonformen Jugendkultur hinzu. Eine Amerikanisierung ließ sich mit der Erziehung zum sozialistischen Menschen nicht vereinbaren, zumal in den 1950er Jahren, als der Aufbaugeist noch nicht vollständig der Ernüchterung Platz gemacht hatte.

Diesen „Erziehungskonflikt“ versucht Janssen nun anhand zweier zentraler Fragen zu ergründen: Welche Formen nahm der Konflikt zwischen Halbstarken und SED an und welche Strategien entwickelten jeweils beide Seiten zur Durchsetzung ihrer Ziele? Zu diesem Zweck nimmt Janssen eine Dreiteilung ihrer Arbeit vor: Zunächst diskutiert sie die sozioökonomischen und politischen Rahmenbedingungen. Es folgt eine umfassende Analyse des Halbstarkenphänomens und seiner subkulturellen Stilelemente. Anhand von drei Fallbeispielen thematisiert sie dabei auch die Halbstarkenkrawalle in der DDR. Mit der Verfolgung und Disziplinierung der Halbstarken durch die Partei- und Sicherheitsorgane endet die Untersuchung.

Dabei wird das Halbstarkenphänomen in größere historische Zusammenhänge eingebettet. Den Betrachtungen zur Überwachung und Kontrolle stellt Janssen einen Exkurs zur Verfolgung informeller Jugendgruppen anhand zweier Fallbeispiele aus der Weimarer Republik und der NS‑Zeit voran. Zudem bettet sie ihre Arbeit in die integrierte deutsche Nachkriegsgeschichte ein.

Neben den sehr ausführlichen Darstellungen bietet die Arbeit auch ein umfangreiches Literaturverzeichnis, das sich hervorragend zur weiteren Recherche eignet. Da es sich um eine Dissertation handelt, ist die Arbeit vorrangig zur vertiefenden Lektüre für wissenschaftliche Vorhaben zu empfehlen. Durch die präzise und logische Gliederung der Arbeit lässt sich durch Querlesen aber auch schnell ein fundierter erster Einblick in das Thema gewinnen.

Jan Sommerfeldt

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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