Metal Matters

Rolf F. Nohr/Herbert Schwaab (Hg.)
Metal Matters – Heavy Metal als Kultur und Welt
Lit Verlag 2011
528 Seiten
34,90 Euro

11086-2NohrZweite.indd„Ein Grund [für die bislang vergleichsweise seltene wissenschaftliche Erforschung des Heavy Metal als Kultur] mag darin zu finden sein, dass Heavy Metal für die Forschenden vage bleibt“, notieren die Herausgeber in ihrer Einleitung. „Heavy Metal entzieht sich eindeutigen Zuschreibungen“. Dass die musikalische Subkultur schwerlich auf widerspruchsfreie Formeln zu reduzieren ist, wird beim Lesen der 28 größtenteils erfreulich fundiert geschriebenen Kapitel deutlich. Angesichts bisheriger pseudo‑soziologischer Arbeiten kann die Zurückhaltung seitens vieler Szenegänger gegenüber Wissenschaftlern und ihren Modellen von sozialer Wirklichkeit kaum verwundern; mit Metal Matters liegt nun ein vielschichtig die Faszination spiegelnder Überblick vor, der vor allem dadurch gefällt, dass die Autoren spannende Details in Augenschein nehmen, anstatt die bekannten Vorurteile zu reproduzieren.In dem schweren Sammelband von Rolf F. Nohr und Herbert Schwaab nähern sich zahlreiche Wissenschaftler dem „unverwüstlichen Metal‑Universum“ mit unterschiedlichen Fokussen. Wie in einem Kaleidoskop entstehen somit verblüffende Perspektiven auf ein komplexes Phänomen, welches in der Tat weit mehr zu bieten hat, als es in Klischees von sich selbst preisgibt. Metal Matters baut auf der gleichnamigen Tagung und Forschungsreihe auf, und nach der Lektüre steht fest, dass dieser Aussage für die Szenegänger eine Substanz innewohnt, die mitunter zur Identitätsbildung und mehr noch zur Stiftung eines Lebenssinns gereicht.

So gelingt es dem Historiker Sören Philipps in einer Analyse von Songtexten nachzuweisen, dass die Erinnerungskultur von geschichtlichen Ereignissen im Heavy Metal keinesfalls nur auf eine Glorifikation von Krieg und männlicher Stärke abzielt, sondern Gemeinschaft stiftend wirken kann, mit der Erinnerungskultur der Gesellschaft kritisch korrespondiert und in zahlreichen Fällen historische Wahrheiten ebenso wie aktuelle Propaganda in Frage stellt. Im Metal geht es um mehr als die Flucht in ein „imaginiertes Walhalla“, so Philipps, es gehe um eine historische Orientierung in unsicheren Zeiten, also um ein Bedürfnis, welches gesamtgesellschaftlich in verschiedenen Bereichen der Populärkultur erkennbar ist. Die widersprüchlichen Geschichtsbilder versteht er somit als für eine jugendliche Szene recht gewöhnliche Beiträge zu einem fortwährenden Verhandlungsprozess der Gesellschaft über ihre „Erinnerungen“ von Vergangenheit.

Dass der in technischer Hinsicht zweifelsohne modernen wie postmodernen Musikform schon immer antimoderne Strömungen innewohnten, die seit den Neunziger Jahren mit einem sprichwörtlichen Heidenaufwand ins rechte Licht gerückt werden, konstatiert der Philosophie-Student Jan Leichsenring unter der bezeichnenden Überschrift „Wir fordern das Unmögliche“; einer Aussage der amerikanischen Band Wolves In The Throne Room, die ihren Black Metal ideologisch mit humanistischen Fragen und menschenverachtenden Ideen keineswegs widerspruchsfrei auflädt. Leichsenring zeigt an konkreten Beispielen auf, durch welche romantischen und neuheidnischen Momente im Metal nahe liegende Anknüpfungspunkte für extrem rechte Ideologien gegeben sind, und dass diese von Teilen der Metal‑Szene als quasi naturgegeben hingenommen werden. Demgegenüber stehen dem Autor zufolge zahlreiche Bands, die in ihrem Metal eine Kultur der Bewahrung und lebendigen Tradierung entwickeln, eine quasi metallische Folklore, in welcher lokale Dialekte, Geschichten und Melodien am Leben gehalten werden.

Mitherausgeber Rolf F. Nohr, Professor für Medienästhetik und Medienkultur, greift John Hartleys Konzept des Transmodernen auf, da der Metal seiner Wahrnehmung nach Elemente verschiedener Epochen aufgreift, verbindet und transzendiert. Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit sind dabei einmal mehr kaum zu erwarten, somit ist Metal einerseits politisch, dann wiederum a‑politisch, einerseits eine große Erzählung und steht andererseits für das Ende aller großen Erzählungen. Was der einzelne daraus macht, bleibt nach Nohr dem Individuum und seiner Entscheidung überlassen, ob es Metal als „Schule des Lebens“ akzeptiert. Die speziellen Vorzüge des Metal liegen dem Medienwissenschaftler zufolge in seinem ungewöhnlichen Erfahrungsangebot und in der Möglichkeit, sich von gängigen Ideen von Konsum, Politik und Leben im Allgemeinen abzugrenzen.

Humorvoll gerät Herbert Schwaabs Blick auf das nicht nur parodistische Werk rund um die zunächst in der gleichnamigen Mock‑Rockumentary auftretende Kunst‑Band Spinal Tap, welche ebenfalls mit Bildern von vergangenen Kulturen spielt und im Song „Stonehenge“ eine Gratwanderung zwischen Verkitschung und Verführung betreibt, welche für die Metal‑Szene als „Community of Imagination“ typisch sei. Der Medienwissenschaftler reflektiert die „kindlich ernste Fantasie“ des Films und erläutert an anschaulichen Beispielen, wie es dem Heavy Metal gelingt, eine eigene Welt (oder zumindest die Vorstellung einer solchen) zu erschaffen. Dass dies dem äußeren Anschein nach auch gelingt, das belegt Andreas Wagenknecht in seinem Beitrag zum Humor im Black Metal bzw. in dessen medialer Aneignung. Wagenknecht zeigt, dass Humor bereits von einem der Gründungsväter des Black Metal genutzt wurde, um eine ironische Distanz zum eigenen Lebenswerk herzustellen, welches in der Folge von anderen Musikern als Inspiration für das quasi ultimativ Böse genannt wurde. „Im Alltag [jedoch] überleben“ kann dem Medienwissenschaftler zu Folge „nur, wer das Böse mit Humor nimmt“ – und dies geschieht nicht selten mit einer bewundernswerten Liebe für jene – in diesem Fall dem Black Metal – eigenen Welten einer scheinbar unberührten Natur, in welcher sich archaische Kriegergestalten mit den Naturkräften verbünden. Diese makellosen Bilder werden vor allem im Internet in mehr oder minder aufwändigen Video‑Parodien so karikiert, dass bei aller Ironie eine grundsätzliche Wertschätzung durchschimmert.

Kurios bemüht wird es allerdings, wenn Birgit Richard und Jan Grünwald die Inszenierungen von Männlichkeit in Black Metal Videos und Photos beleuchten und dabei zu pointierten Beobachtungen kommen: „Der wilde Naturraum […] repräsentiert hier eine Nische für die archaische vormoderne Männlichkeit, der die Naturgewalten ihre Macht verleihen. Die von Caspar David Friedrich oft bemühte Gestalt des Eremiten oder des Mönchs findet sich auch in älteren Präsentationen der Band Gorgoroth. Der ‚große Gaahl‘, ihr früherer Sänger, zeigt sich auf Fotografien […] im Schnee vor einer einsamen Hütte – er erscheint wie Knut der Eisbär auf der Scholle der letzten zu rettenden Männlichkeiten“. Die Autoren haben wohl einen Clown gefrühstückt?!

Doch alles in allem entpuppt sich die Aufsatzsammlung als inspirierende Lektüre mit bemerkenswert ungewöhnlichen Perspektiven, sei es nun auf vermeintlich medial längst erschlossene Themenfelder des Metal, aber auch auf echte gegenkulturelle Bewegungen wie die des Underground Metal in islamischen Ländern.

Entgegen den Befürchtungen einer Tagungs‑Besucherin, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Metal die Freude an der Musik rauben könnte, möchte ich mich Frank Schäfer anschließen, der in seinen anekdotischen „Notes on Metal“ konstatiert: „Ich glaube, hier können wir getrost Entwarnung geben. Die wissenschaftliche Zerlegung des Phänomens Heavy Metal ist meiner unmaßgeblichen Meinung nach ein zusätzlicher Spaß“.

Thor Wanzek

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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