Rechtsradikalismus im Internet

Christoph Busch (Hg.)
Rechtsradikalismus im Internet
(Reihe: Medienwissenschaften – Band 11)
Universitätsverlag Siegen – universi 2010
388 Seiten
14,90 €

ResizeDie rasche Entwicklung und Ausbreitung des Internets erleichterte den Handel mit Waren aus dem Umfeld der extremen Rechten. „Rechtsextremes Material, das früher nur mit Insiderwissen und unter der Theke in einschlägigen Läden zu bekommen war, kann heute bequem online bestellt oder von Websites heruntergeladen werden“, stellt Stefan Glaser, einer der Autoren fest. Das Kapitel „New‑Nazi‑Economy“ widmet sich deshalb den Bestelldaten des Onlineshops Aufruhr‑Versand, um einen Überblick über die Kundenstruktur zu geben. Neben der Kategorisierung der Kundschaft nach Geschlecht, der Höhe der Bestellung sowie der Auswertung der zusätzlichen politischen Kommentare am Ende einer Bestellung zeigt die Datenanalyse ein aufschlussreiches Ergebnis: Die Bestellungen sind keineswegs nur in Ostdeutschland zu verorten, sondern erstrecken sich über den gesamtdeutschen Raum.„Das Internet hat die Verbreitung rassistischer Hasstiraden sowie die Vertriebsmöglichkeiten neonazistischer Schriften, CDs und Devotionalien gewissermaßen revolutioniert“. Aus diesem Grund analysieren die AutorInnen des Bandes Rechtsradikalismus im Internet auf knapp 400 Seiten das umfassende, stetig wachsende Onlineangebot der extrem Rechten und stellen Gegenmaßnahmen wie beispielsweise jugendschutz.net und die Freie Selbstkontrolle Multimedia (FSM) vor.

Die Zunahme der Verbote und Indizierungen schränken jedoch die Möglichkeiten eines aus Deutschland betriebenen Versandshops ein. Bereits 2009 nutzten deshalb über fünfzig Prozent der extrem rechten SeitenbetreiberInnen ausländische Dienste, um die Kundschaft in Deutschland weiter mit verbotener Ware zu versorgen. Daran anknüpfend findet sich auch ein Artikel zum Thema Internationalität von extrem rechten Onlineshops in den USA. Die Recherchen weisen deutlich auf die Schattenseiten der globalen Vernetzung durch das Internet hin: Die in Deutschland verbotenen nationalsozialistischen Symbole unterliegen in Amerika der Meinungsfreiheit. Die meisten amerikanischen Onlineshops machen sich dies zu Nutze und präsentieren sich international. So kann der Käufer oder die Käuferin oftmals die Sprache nicht nur auf Deutsch umstellen und die Rechnung in Euro begleichen, sondern auch teilweise Versandkostenrabatte und Hilfestellungen zum erfolgreichen Versand nach Deutschland erhalten.

Neben den Onlineshops spielen auch die Webseiten extrem rechter Bands eine wichtige Rolle, da „junge Menschen für Neonazi‑Agitation in blutleerer Programmform kaum empfänglich sind. Musik berührt die jungen Leute, die von den Politikern nicht erreicht werden“. Die AutorInnen Laura Irsen und Marcel Fischer analysierten deshalb unter anderem die Internetseiten der Rechtsrock‑Bands Endstufe, Spreegeschwader und Oidoxie und stellten fest, dass die Verwendung von lediglich dezenter Symbolik, wie beispielsweise der Farben schwarz, weiß und rot die menschenverachtenden Einstellungen der Bands verschleiern. So zeigt beispielsweise die Aufmachung der Webseite von Endstufe, dass „die Band zur rechtsradikalen Subkultur gehört, aber auch, dass diese sich nicht deutlich als solche präsentiert“. Im Kapitel „Symbolik auf Homepages rechtsradikaler Bands – eine qualitative Untersuchung“ wird darauf hingewiesen, dass bei der Darstellung der Homepages „eine besondere Konzentration auf den Aussagen [liegt], die mit dieser Symbolik getroffen werden“. In dieser Hinsicht ist auch das Kapitel „Zur Ästhetik rechtsextremer Webseiten“, welches Symbole aufführt und erklärt, sehr informativ. So interpretiert Juliana Brunello Bilder von extrem rechten Internetseiten und erläutert die verwendete Symbolik, wie zum Beispiel Runen oder veränderte Abbildungen aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Trotz der Maßnahmen von jugendschutz.net und der FSM gibt es immer wieder neue extrem rechte Webseiten, die nur schwer zu kontrollieren sind. Die Analysen der diversen Angebote im Netz führen somit zu folgendem Ergebnis: „In dem Maße, in dem sich die Agitation modernisiert und professionalisiert, Strafvermeidungs- und Transstrategien zunehmen, stößt rechtsstaatliche Repression an Grenzen – gerade diese Entwicklungen fordern die Aufklärungsarbeit heraus“. Auch wenn es professionelle Webseiten gibt, die sich gezielt mit der Aufklärungsarbeit in Bezug auf extrem rechte Strukturen beschäftigen, könnten sich diese noch mehr an Jugendlichen orientieren. Zu diesem Resultat kamen Alexander Fuchs und Fabian Klein nach Abschluss von Gruppendiskussionen mit Schulklassen zur Qualität von Aufklärungswebseiten. Jedoch ist die Durchführung der Gruppendiskussionen nicht überzeugend. Anstatt die Ergebnisse lediglich niederzuschreiben und eine ideale Webseite zu erarbeiten, sollten konkrete Handlungen folgen, um zur Verbesserung der Aufklärungsarbeit beitragen zu können.

Angesichts der Stellungnahmen und Lösungsansätze von Bündnis 90/Die Grünen, FDP, Die Linke, SPD, sowie CDU/CSU zu extrem rechten Webseiten zeigt sich zudem, dass „die meisten Parteien das Problem Rechtsextremismus im Internet kaum [thematisieren]“. Auch wenn die Autorinnen Andrea Brilka, Urszula Maria Chenczke und Anna Lena Hahmann zu dem Entschluss kommen, dass „alle demokratischen Parteien Rechtsextremismus als Problem wahr[nehmen] und [in der breiten Öffentlichkeit] diskutieren“, fehlt es an konkreten Maßnahmen beziehungsweise an gesetzlichen Möglichkeiten diese umzusetzen. Deshalb werden in „Grenzen und Probleme der Regulierung bei Rechtsradikalismus im Internet“ verbesserte internationale Zusammenarbeit in Bezug auf die Strafverfolgung sowie präventive Maßnahmen, wie beispielsweise die Verbesserung der Medienkompetenz von Jugendlichen gefordert.

Der Band enthält neben den aufgeführten informativen Kapiteln allerdings auch seine Schwächen. So stellt beispielsweise der Artikel „Internet, Demokratie und Neue Soziale Bewegungen“ keinen direkten Bezug zu dem Thema des Bandes Rechtsradikalismus im Internet her. Auch die unterschiedliche Verwendung der Begriffe „Rechtsextremismus“ und/oder „Rechtsradikalismus“ trägt nicht gerade zum Verständnis bei. Obwohl auf dieses Problem bereits in der Einleitung hingewiesen wird, wäre eine einheitliche Definition wünschenswert gewesen.

Luisa Wingerter

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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