Überzeichnet

Inge Kirsner/Olaf Seydel/Harald Schroeter‑Wittke (Hg.):
Überzeichnet – Religion in Comics
(Reihe: POPKULT 9)
Garamond 2011
256 Seiten
24,90 €

215_0Für den Comicunkundigen eröffnet Jochen Wiedemann den Band mit einer Einführung in das Thema Comic anhand eines Definitionsversuches und einer historischen Einleitung, in der wir z. B. auf die Bildgeschichten von Heiligen oder die Passion Christi in Kirchen aufmerksam gemacht werden, die in den Definitionsbereich Comic fallen, und es werden einige grundlegende Fachbegriffen erklärt. Obwohl es im postmodernen Wissenschaftsbetrieb schon alltäglich ist, dass sich Geisteswissenschaftler mit Popkultur beschäftigen und Medientheoretiker erfolgreiche Romane, Musik oder Filmklassiker analysieren, bleiben Comics in diesem Kontext nach wie vor eine Seltenheit, da ihnen immer noch abgesprochen wird, eine ernstzunehmende Kunst zu sein. Dies gilt besonders, wenn sich Theologen mit Comics in Hinsicht auf Religion beschäftigen. So aber geschehen in dem Sammelband Überzeichnet – Religion in Comics, der das Ergebnis der Jahrestagung 2010 des Arbeitskreises Populäre Kultur und Religion ist. Hier kann man beobachten, was passiert, wenn Theologen Comics lesen.

Weitere Autoren betrachten anschließend einzelne Comicserien genauer. So werden die Qualitäten von Lucky Luke als Verkörperung mancher christlicher Tugenden betrachtet, in Superman die postmoderne Verkörperung von Moses‑ und Messiasvorstellungen der jüdisch‑christlichen Gesellschaft aufgedeckt und die bibelfeste Alltagstheologie der Peanuts (von Charles M. Schulz) analysiert. Aber auch jüngere Comics, wie die Hellsing Mangas und Animés (von Kouta Hirano), die Preacher Comics (Autor: Garth Ennis, Zeichner: Steve Dillon) oder das ungewöhnliche Cages (von Dave McKean) werden besprochen und dadurch eine große Bandbreite verschiedener Stile untersucht. Unterstützt wird dies durch zahlreiche z. T. farbige Abbildungen und ganze Comicstrips. Sie lockern die Texte auf und ermöglichen bei einigen Comics überhaupt erst das Verständnis des Besprochenen.

Abgeschlossen wird durch zwei zusammenfassende Beiträge, die das Vorangegangene noch einmal unter theologisch‑kulturhermeneutischer und religionspädagogischer Perspektive zu betrachten versuchen. Diese weisen wohl die größte wissenschaftliche Tiefe des Bandes auf, denn der Anspruch bzw. Tiefgang der einzelnen Beiträge schwankt. In manchen Aufsätzen, wie dem von Andrea Völkner über Dagobert Duck oder Olaf Seydels über den Preacher, nimmt die Darstellung der Story des behandelten Comics zu viel Platz ein, während die tatsächliche Analyse etwas knapp ausfällt. Andererseits könnten nichtakademische Leser die anspruchsvolleren Beiträge trocken oder langweilig finden. Ob dies beabsichtigt war, um eine breite Zielgruppe anzusprechen, oder es an dem ungewohnten Medium lag, ist schwer zu sagen, aber wahllos sind die einzelnen Beiträge nicht. Die Autoren beziehen sich in ihren Texten aufeinander und erzeugen dadurch eine Geschlossenheit und Zusammengehörigkeit, die nicht in jedem Sammelband zu finden ist.

Zu beachten ist beim Lesen des Bandes, dass die Autoren ausschließlich Theologen sind und die Comics daher aus einem rein christlichen Blickwinkel betrachtet werden. Es ist interessant zu sehen, wie Theologen, die alle ihre Leidenschaft für Comics nicht verbergen, die Verarbeitung der ihnen vertrauten Symbole und Inhalte in den Comics interpretieren oder bewerten. So werden in der Geschichte Supermans zwar christliche Grundmotive gefunden, aber beklagt, dass diese in dem Comic ihre ethische Verbindlichkeit verlieren, oder es werden die stark verzerrte Darstellung von christlichen Institutionen und Lehren in den Hellsing‑Geschichten bemängelt. Leider wird dadurch nur selten betrachtet, was dies über das Christentum und Religion generell in der Gesellschaft und deren Wahrnehmung aussagt. Nichtsdestotrotz können Comicfreunde ihren Spaß an diesem ungewöhnlichen Blickwinkel finden, ebenso wie Religionsinteressierte an diesem noch kaum bearbeiteten Medium.

Florian Klein

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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