Deutschboden

Moritz von Uslar
Deutschboden – Eine teilnehmende Beobachtung
Kiepenheuer & Witsch 2010
379 Seiten
19,95 €

9783462042566Drei Sommermonate in Brandenburg: Mai, Juni, Juli 2009. Moritz von Uslar bemüht sich um größtmögliche Authentizität und gibt den blasierten Hauptstädter mit Kolonialherrenattitüde auf der Suche nach den unbekannten Welten Ostdeutschlands und seiner Eingeborenen. Als Ich-Erzähler mit chauvinistischem Journalistenhabitus unterbreitet er seinem besten Kumpel nebst (namenloser) „Blondine“ zwischen Steak und Champagner den Plan einer „teilnehmenden Beobachtung“ im Umland Berlins. Ausgerüstet wie ein Ethnologe mit albernem Hütchen – eines Tropenhelms bedarf es auch im Sommer in Brandenburg dann doch nicht – und modernstem Aufnahmegerät macht er sich auf den Weg in die Kleinstadt „Oberhavel“, eine Autostunde nördlich von Berlin. Hier säuft er sich erst einmal in einer der Dorfkneipen fest – der beste Weg um in einem eingeschworenen Unterklassen‑Männerbund einen Fuß in die Tür zu kriegen.

Die männlichen Eingeborenen klassifiziert der Autor als Prolls und so beschreibt er sie dann auch, als „Proll‑Fighter“ in mehr oder weniger gut ausgestatteter Variation, so wie ihre Autos. Doch je besser er seine Protagonisten kennen lernt, desto mehr werden sie zu Menschen mit eigener Persönlichkeit und Geschichte. Und damit nimmt die Story den Verlauf einer klassischen, unreflektierten ethnologischen Anfängerforschung. Die zu Beginn zu Prolls herabgewürdigten und verallgemeinerten Wilden werden zunehmend heroisiert, da sie, die Chance der positiven Selbstdarstellung erkennend und nutzend, durchaus freundschaftlich mit dem Großstadtreporter umgehen. Am Schluss kriegt dieser es aber doch ab, ausgerechnet im örtlichen Boxclub, der zweiten Bastion marginalisierter Männlichkeit. „Westsau“ kommentiert der Kleinstadtboxer, nachdem er den Reporter umgehauen hat. Der Trainer schimpft, aber der Pfeil hat getroffen, und der Stachel sitzt. Fazit des Autors: „Das sind schon ziemliche Arschgeigen da“. Das mag Uslar als ein dem Sprachgebrauch der von ihm besuchten Kleinstadt angemessener oder gar witziger Spruch erscheinen. Gelesen klingt es, trotz der nachfolgenden Relativierung („großartige Arschgeigen“) reichlich abfällig. Arme, beleidigte Leberwurst …

Der Text erscheint dokumentarisch und berichtet von einer Männerkultur – zumindest aus dem Blickwinkel des Erzählers sind Frauen lediglich Dekoration (wie die „Blondine“ des Kumpels, die einen Satz sagen darf, oder die zwei sich in der Regionalbahn auftakelnden Mädchen), Staffage (wie Maria, die wortkarge Tresenschönheit, bei der sich der Reporter größte Chancen ausrechnet und am Ende doch abblitzt) oder Ladenhüterinnen, die ihre monotonen, einstudiert freundlichen Verkaufsgespräche führen. Lediglich die „Friseuse“ Janine erhält im Buch ein, wenn auch knappes, persönliches Profil, da sie in der Jungmännerrunde, laut Uslar, „als gleichberechtigt, quasi als Mann akzeptiert wurde“. Ansonsten breitet der Autor in erster Linie seine eigenen Klischees aus, die er dann auch mehr oder weniger bestätigt findet. Mag sein, dass sich der ein oder andere Kleinstadtbewohner darin sogar wieder erkennt. Mag auch sein, dass sich die Stadt Zehdenick, das reale Vorbild des fiktiven „Oberhavel“, über das ungewohnte Medieninteresse freut. Und ob man den bemüht flapsigen Sprachstil des Autors („Aber echt: zum Glück, ey.“) mag, sei dem persönlichen Geschmack überlassen. Originell ist das Ganze jedoch nicht. Der Ansatz, sonst vernachlässigte und verrufene Bevölkerungsschichten in den Fokus zu stellen, ist grundsätzlich nicht schlecht. „Research‑down“ nennt das die Ethnologie. Aber genau da heißt es, objektiver und sensibler vorzugehen. Zu sehr werden die Bewohner hier in ihrer Randständigkeit vorgeführt, für den Westlerblick exotisiert und zu einem Panoptikum verwurstet, das einzig dem Zweck dient, sich der Überlegenheit seines eigenen Lebensstils zu versichern. Absurderweise lässt der Autor zu Beginn den Kumpel des Reporters eben dieses Vorgehen als das „junger Akademiker-Menschen“ kritisieren. Er kennt diese Falle also – und tappt dann genau in dieselbe. Wie dumm.

Mit dem Anspruch, eine „teilnehmende Beobachtung“ in einer Brandenburger Kleinstadt durchzuführen, hat sich Uslar sein Ziel ein ganzes Stück zu hoch gehängt. Über Brandenburg erfährt man hier nur Oberflächliches. Die teilnehmende Beobachtung findet sich am ehesten noch darin, anhand dieses Buches einen westdeutschen Schnösel mit all seinen Vorurteilen und seiner Überheblichkeit zu beobachten. Doch dafür ist keine so umfangreiche Lektüre notwendig. Dazu genügt es, eine halbe Stunde lang „Latte“ in einem trendy Berlin‑Mitte‑Café zu trinken. Empfehlenswert ist der Band daher bestenfalls für Erstsemester im Fachbereich Ethnologie oder Kulturwissenschaft, als mahnendes Beispiel zum Thema ‚Tücken der Feldforschung – So nicht!‘.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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