Dorfdefektmutanten

Markus Köhle
Dorfdefektmutanten – Ein Heimatroman
Milena Verlag 2010
154 Seiten
14,90 €

978-3-85286-186-9Dorfdefektmutanten. Auf so ein Wort muss man erst einmal kommen. Ein „Defektmutant“ ist laut Schweizer Tierschutzverordnung ein „Tier, das durch das Zuchtziel bedingte oder damit verbundene Schmerzen, Leiden, Schäden, Ängste oder andere Verletzungen seiner Würde aufweist. Es können herkömmlich gezüchtete oder gentechnisch veränderte Tiere sein“.

In diesem Buch geht es aber gar nicht um Tiere, sondern um einen jungen Tiroler, der aus seinem Leben erzählt und von dem gescheiterten Versuch, aus der Provinz auszubrechen. Seine Schilderungen bewegen sich auf verschiedenen Zeitebenen, die durch Play‑, Rewind‑ und Stoppsymbole wie auf einem Videorecorder angezeigt werden. Als Ich‑Erzähler liefert er nebenbei mit morbidem Humor eine dichte Beschreibung seines ländlichen Mikrokosmos und seiner etwas beschränkten Fähigkeiten zu sozialer Interaktion.

Das Dorf selbst stirbt nicht aus, es wuchert an den Rändern wie ein Krebsgeschwür. Diese Dorfrandmetastasen werden nicht als Bedrohung wahrgenommen und deshalb nicht behandelt. Ich wohne allein. Ich hatte Beziehungen, aber Probleme damit. Zypriotische Honigbienen bilden gemeinsam eine Kugel um ihre Feinde (beispielsweise orientalische Hornissen) und ersticken sie – fügen ihnen so viel Wärme zu, dass das Innere dieses Bienenballs ihre Todesstätte wird. Es war immer der Freundeskreis meiner Freundinnen, der mir zu schaffen machte. Mit einer Person konnte ich mich arrangieren, Freundinnen, Freunde, Verwandte und noch dazu die meist unerträglichen, potenziellen Schwiegereltern aber brachen mir regelmäßig mein Toleranzkreuz.

Sein Job als Hausmeister im „Raststadel“, einer ländlichen Multifunktionsgaststätte, bietet dem Erzähler gelegentlich unerwartete und zuweilen auch unappetitliche Herausforderungen. Lieber bewegt er sich im Internet und kommuniziert mit virtuellen Freunden, mit denen er lexikalische Mengen angelesenen Wissens austauscht und, wenn das nicht ausreicht, auch mit Zitaten großer Philosophen nachlegen kann. Um das Interesse der von ihm umschwärmten Rasthauskollegin Marika zu wecken, hilft ihm dies jedoch herzlich wenig. Kaum kommt er ihr näher, verpasst er schon wieder seine Chance.

Wir trinken, wir schlucken, wir machen ahh, und dann überrumpelt mich Marika.
Sie sagt: „Willst Du mich heiraten?“
Ich sag: „Was kostet mich das?“
Die Kellnerin sagt: „Ein großer Brauner mit Mitarbeiterbonus EUR 1,50. Aber trinken musst du ihn schon selber.“
Der Kaffee ist kalt. Ich sitze allein an der Bar. Kalter Kaffee macht Bauchweh. Man muss das wohl irgendwie anders angehen.

Köhles Heimatroman, eher die Persiflage eines Heimatromans oder ein Entwicklungsroman ohne Entwicklung, hat einen ganz eigenen Charme. In seiner alltagsuntauglichen Belesenheit erinnert der namenlose Held dieser Erzählung ein wenig an Ingvar Ambjörnsens Elling, ohne jedoch den Sympathiebonus seines norwegischen Pendants zu erreichen. Dafür ist der Tiroler dann doch zu verwurzelt in seinen Dorfritualen aus Besäufnissen, plumper Frauenanmache und zweifelhafter Dienstleisterkarriere. Doch auch gerade aus diesem Grund ist der vorliegende Band ein schön böses, gelungenes Buch. Allein der Einband ist des genaueren Betrachtens wert. Und wer urbanes Leben liebt, weiß auch wieder ganz genau, warum.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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