Echtleben

Katja Kullmann
Echtleben – Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben
Eichborn Verlag 2011
256 Seiten
17,95 €

www.katjakullmann.de

978-3-8387-2335-8-Kullmann-Echtleben-grossNein, der Bezug von Hartz IV war nicht vorgesehen im Lebensplan von Katja Kullmann. 2002 schrieb sie mit Anfang 30 den Bestseller Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein und war danach eine erfolgreiche Journalistin. Sie war eine Angehörige derjenigen zwischen 1965 und 1980 geborenen, die sich für ihr Leben Weitsicht und Würde, Coolness und Dissidenz, Innovation, Emanzipation und Freiheit vorgestellt und auch eine ganze Weile gelebt hatten. Selbstverwirklichung war ihr zentrales Credo.

Aber irgendetwas ging schief. Die Mieten wurden immer teurer, die Honorare sanken, Konkurrenz und Mißtrauen schlichen sich in die Freundschaften ein. Einige konnten ihre Armut nicht mehr so gut verstecken, andere lebten mit Mitte 30 vermutlich immer noch von ihren Eltern, worüber sie selbstverständlich schwiegen. Die Mitte, von der man fälschlicherweise annahm, zu ihr zu gehören, war keine bunte Hüpfburg mehr, sondern ein umkämpftes Floß. 2008 ist es soweit. Kullmann ist pleite und bezieht für ein Jahr Hartz IV.Nein, der Bezug von Hartz IV war nicht vorgesehen im Lebensplan von Katja Kullmann. 2002 schrieb sie mit Anfang 30 den Bestseller Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein und war danach eine erfolgreiche Journalistin. Sie war eine Angehörige derjenigen zwischen 1965 und 1980 geborenen, die sich für ihr Leben Weitsicht und Würde, Coolness und Dissidenz, Innovation, Emanzipation und Freiheit vorgestellt und auch eine ganze Weile gelebt hatten. Selbstverwirklichung war ihr zentrales Credo.

Der Wunsch nach Selbstverwirklichung wurde nicht nur für sie zum Fluch, kreativ war nun jeder, und es wurden immer mehr. Die coole Selbstgestaltung wurde zur Selbstoptimierung, ausgerichtet an von anderen gesetzten Maßstäben und darüber zunehmend zur Sisyphosarbeit. Die durch den Einsatz von Bildung versprochene Sicherheit, von Aufstieg wollen wir gar nicht reden, erwies sich als Illusion. Im Prekariat der Text- und Wissensarbeiter der kreativen Branchen ging und geht die Statusangst um. 4,2 Millionen Solo‑Selbständige gibt es, Tendenz steigend. Der Durchschnittsverdienst der Angehörigen der Künstlersozialkasse beträgt 12 bis 15000 Euro, pro Jahr. Solche Zahlen, wie etwa zur Reichtumsverteilung, streut Kullmann immer wieder in ihre autobiographische Erzählung ein, und holt sie damit auf eine zweite Weise zurück in das Deutschland der Nullerjahre. Kullmann und die Leute über die sie schreibt, sind keine Neoliberalen, aber auch keine Linken. Sie nahmen die Herausforderungen des Neoliberalismus ernst. Nun stellen sie fest, dass sie am Rande stehen und womöglich gar von Armut bedroht sind. Gleichzeitig haben die unheimlich alt aussehenden Jungen, wie etwa Guttenberg oder Kristina Schröder nie privat irgendetwas riskiert oder gar Unternehmergeist gezeigt, sie haben sich schlicht und ganz wie in den 1950ern hochgedient.

Hartz IV macht klein, schreibt Kullmann. Kurz nachdem die Aufforderung eintrifft, sie müsse ihre zu große Wohnung aufgeben, gewinnt sie im übertragenen Sinne im Lotto und bekommt einen Leitungsjob in einem, wie sie es nennt „Shopping‑Luder‑­Magazin“. Pragmatisch sagt sie sich: Ich bin nicht mehr jung und brauche das Geld – und zieht von Berlin nach Hamburg. Dort macht sie erstaunlich gute Erfahrungen, trifft nette und solidarische Kolleginnen („keine wäre je auf die Idee gekommen, sich das Magazin, das wir produzierten, freiwillig am Kiosk zu kaufen“). Als dann eine Kündigungswelle über den Verlag rollt, die sie selbst zwar verschont, kündigt sie aber trotzdem – um das zu tun, was sie gut kann, Haltung bewahren.

Kullmanns Buch wird überall empfohlen und bejubelt. Zurecht, denn es ist eine spannend zu lesende Sozialdiagnose über ein bildungsstarkes Milieu, das nun auf dem Boden der Tatsachen angekommen ist. Sie schreibt sehr ehrlich, auch wenn sie als Autorin eines solchen Buches, das selbstredend Teil dessen ist, was sie kritisiert, zu den Gewinnerinnen gehört, zumindest im Moment. Es gibt ausgesprochen lustige Passagen und viele, die traurig stimmen. Man erfährt, dass nicht Unentschiedenheit das Problem dieser Leute ist, wie ihnen oft vorgeworfen wird, sondern die Ballung von Entscheidungen. Man liest einiges darüber, wie die sich sehr reflektiert fühlenden Freunde nicht in der Lage sind, über ihre Situation zu reden, ja, wie stark die Ökonomie oder auch die eigene Klassenherkunft deren Verhalten prägt. Man kann sogar das Bedürfnis nach Normalität verstehen, das die Autorin empfindet. Kullmanns Buch macht deutlich: Es gibt Eigensinn in und Solidarität zwischen den Menschen. Diese aber sind klein und permanent gefährdet, sie müssen gepflegt werden, und oft sind sie versteckt. Sie können durch Offenheit und Zusammenhalt wachsen. Das müssen viele aus dieser Generation erst lernen, und das wäre dann auch ein spannendes Thema für Gewerkschaften und linke Parteien.

Bernd Hüttner

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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