Jesus Freaks & Sister Freaks

Dc talk/Voice of the Martyrs (Hg.)
Jesus Freaks – Berichte von Menschen, die bereit waren, für ihren Glauben bis zum Äußersten zu gehen
Gerth Medien GmbH 2009
320 Seiten
9,99 €

Rebecca St. James
Sister Freaks – Berichte von jungen Frauen, die bereit waren, für Gott bis zum Äußersten zu gehen
Gerth Medien GmbH 2010
256 Seiten
9,95 €

jesEingeleitet wird das Buch mit vier Vorwörtern, unter anderem von dem Vorsitzenden der deutschen freikirchlichen Gemeinde der Jesus Freaks. Der Hauptteil des Buches besteht aus kleinen Geschichten von Christen, die wegen ihres Glaubens verfolgt, eingesperrt, gefoltert oder sogar ermordet wurden. Da ist zum Beispiel ein chinesischer Arbeiter, der Ende der 1990er im Gefängnis war und gefoltert wurde, weil er eine protestantische Kirche errichten wollte. Die Geschichte von Patrick Hamilton wird erzählt, der 1527 versuchte, den Protestantismus in Schottland zu verbreiten und deshalb von der katholischen Kirche zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde. Oder es wird von Mary Khoury berichtet, ihre Familie wurde während des libanesischen Bürgerkrieges von Moslems umgebracht, weil sie nicht zum Islam konvertieren wollten. Sie selbst überlebte, jedoch mit gelähmten Armen. Auch die Leidensgeschichten einiger Apostel werden auf dieselbe Art beschrieben. Nach diesen Erzählungen findet sich meist ein Bibelvers oder es wird gefragt, ob man genauso mutig für Jesus eintreten würde.1995 veröffentlichte die christliche Band dc talk ihr Album Jesus Freak. Im gleichnamigen Lied betonten sie, dass es sie nicht interessiere, wenn sie manche Menschen Jesus Freaks nennen, denn eigentlich sind sie stolz darauf. Jesus Freaks seien nur Menschen, die ihr ganzes Leben Jesus widmen und keine Gelegenheit verpassen, die christliche Botschaft zu verbreiten. 1999 veröffentlichten sie zusammen mit „Voice of the Martyrs“, einer Organisation, die weltweit auf die Verfolgung von Christen aufmerksam macht, das Buch Jesus Freaks, das Geschichten von eben solchen Christen enthält.

Diese Fragen sind berechtigt, da Leser, die nicht in gleicher Weise vom Christentum begeistert sind, sicherlich eine zunehmende Skepsis und Ablehnung beim Lesen erfahren werden. Die Skepsis ist nicht unbegründet, da viele der Geschichten, ganz abgesehen von den immer wieder auftauchenden Wundern, Engel‑ und Christuserscheinungen, stark übertrieben und idealisiert dargestellt werden. Wir erfahren von letzten Worten und Gedanken dieser Jesus Freaks, bevor sie einsam sterben und einige Geschichten, wie die erste über ein Mädchen, das im Columbinemassaker starb, sind sogar schlicht falsch.

Ablehnung werden viele Leser sicherlich gegenüber der stark evangelikalen Sprache und Sichtweise empfinden. So werden im letzten Teil des Buches Länder beschrieben, in denen Christen verfolgt oder unterdrückt werden und dies mit einem zum Teil abfälligen Ton. Den Herzen der Menschen in Katar wird beispielsweise nachgesagt, so traurig wie ihre Wüstenlandschaft zu sein, weil es dort bis 1980 keine Christen gab. Dies setzt sich in den Geschichten fort. Die Peiniger werden stets als Menschen beschrieben, die entweder das Foltern und Töten genießen oder später selbst Christen werden. Auch sonst sind die Fronten klar verteilt: Kommunisten, Moslems und, für amerikanische Evangelikale nicht unüblich, Katholiken sind diejenigen, die alle verfolgen, die die Wahrheit der Bibel verbreiten und die Worte von Jesus verkünden. Religiöse Toleranz sucht man hier vergeblich und auch die Protagonisten entsprechen durchgängig den konservativen amerikanisch‑evangelikalen Vorstellungen eines Christen, der sein Leben, wenn möglich nach einem Erweckungserlebnis, voll und ganz Jesus unterwirft.

sisDas Buch Sister Freaks folgt im Grunde demselben Muster, wenn auch mit weniger dramatischen und blutigen Geschichten. Ähnlich wie bei Jesus Freaks ist die Autorin Rebecca St. James eine bekannte Größe in der evangelikalen Musikszene Amerikas. Auch hier werden bekannte und ältere Geschichten, wie die der Johanna von Orleans, Klara von Assisi oder Katharina von Bora, der späteren Frau Luthers, mit modernen gemischt. Wie schon bei Jesus Freaks ist jeder Geschichte ein Bibelzitat angehängt, aber hier ist das Buch in zwölf Wochenabschnitte eingeteilt, die jeweils vier oder fünf Erzählungen enthalten und eine Reihe von Fragen an den Leser.

Dieses Mal geht es jedoch seltener um Verfolgung und Märtyrertod der jungen Frauen, die zumeist Teenager oder Mittzwanzigerinnen sind. Es wird von Mädchen erzählt, die nach einem Autounfall oder während einer Krebserkrankung zu Jesus finden. Die darin liegende Ideologie ist jedoch dieselbe, mit Wunderheilungen und Gott, der immer wieder zu den jungen Frauen spricht. Die ungläubigen Mädchen sind promiskuitiv, haben Abtreibungen, nehmen Drogen, trinken Alkohol und sind unglücklich, bis sie zu Jesus finden und ein glückliches und moralisches Leben führen. In einigen Momenten nimmt dies für den Außenstehenden schon fast zynische Züge an, wenn z. B. der Tod eines Babys den Vater endlich zu Gott gebracht hat.

Obwohl sich die Geschichten beider Bücher schnell und einfach lesen lassen, wird die tatsächliche Zielgruppe in Deutschland doch eher klein sein. Beide richten sich an junge, konservative evangelikale Christen, denn dem aufgeklärten und liberalen Christen Europas dürften die Bücher genauso oft ein ungläubiges Kopfschütteln abverlangen wie einem Atheisten. Wer einen Einblick in das Weltbild dieser Christen erhalten will, kann es hier versuchen, aber als Konfirmationsgeschenk ist es ungeeignet, da es keine religiöse Toleranz vermittelt, sondern eine rein schwarz‑weiße Welt zeichnet.

Florian Klein

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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