Wir haben keine Angst

Nina Pauer
Wir haben keine Angst – Gruppentherapie einer Generation
Fischer Verlag 2011
208 Seiten
13,95 €

u1_978-3-596-19155-0.24207469Katja Kullmann stieß im Sommer mit ihrem Buch Echtleben auf viel und positive Resonanz. Sie beschreibt darin eindringlich die soziale und mentale Situation der heute 30 bis über 40‑Jährigen aus den eher kreativen Berufen der neuen Selbständigkeit.

Die 28‑jährige Nina Pauer beschreibt nun genauso offen und stellenweise ironisch das Innenleben eines bestimmten Teils der jüngeren Generation, der der unter 30‑Jährigen. Diese in den 1980er Jahren geborenen Enkel der Wirtschaftswunderzeit hatten alles: gute Bildung, nette, hilfsbereite und pop‑sozialisierte Eltern und jede Menge Katastrophen, an die sie sich aber schnell gewöhnten. Kein Grund also Angst zu haben, denn die Katastrophen sind und waren immer woanders. Trotzdem haben die jungen Leute, so Pauer, eine Scheiß‑Angst. Angst zu versagen, Angst keine oder die falschen Freunde zu haben, Angst von wasauchimmer abgehängt zu werden. Darüber reden sie aber nicht. Die Angst wird unterdrückt. Pauer verarbeitet offensichtlich eigene Erlebnisse und hat in ihr Buch solche ihres Freundeskreises eingespeist.

Dies ist keines dieser Generationenbücher, die mittlerweile zuhauf erschienen sind. Es ist eher ein fragiler Versuch, am Beispiel von zwei ziemlich polarisiert und zugespitzt gezeichneten Charakteren, Bastian und Anna, die Tücken des (neoliberalen?) Selbstverwirklichungsregimes zu zeigen. Der Satz „alles ist möglich” ist da Versprechen und Fluch zugleich.

Anna steht kurz vor dem Burnout, sie will alles richtig machen, arbeitet zuviel, sieht, obwohl es ihr körperlich miserabel geht, gut aus und wirkt nach außen immer zufrieden. Sie gibt alles und verliebt sich selten, sie ist aber auch getrieben und fürchtet abgehängt zu werden, wenn sie etwas ändert. Bastian dagegen ist erst gar nicht Teil der Maschine, er kommt erst gar nicht dahin, von wo Anna schon wieder weg will. Er ist der sympathische und lethargische Loser, er gibt nichts, hat den Kopf voller Ideen, ist dauernd verliebt, fängt vieles an und bringt kaum etwas fertig. Bastian, das verkannte Genie, und Anna, die unter dem ihr zugeschriebenen Genie-Status leidet, haben Angst vor den Sonntagen. Denn dann kommt sie, meist unangemeldet und ohne etwas Nettes mitzubringen, zu Besuch: Die Sinnfrage.

Anna und Bastian sind Angehörige einer leicht verwöhnten Teilgeneration, die genug gesucht hat, die jetzt auch mal etwas finden will. Im Grunde sind das dann aber doch irgendwie family values also Sicherheit, Geborgenheit und rotbackige Kinder. All dies wird aber von der Unmenge an Selbstansprüchen erschwert, wenn nicht verunmöglicht: Beziehung leben, ohne langweilig zu werden, ohne sich selbst oder den anderen einzuschränken. Sich doch fest an jemanden binden und sich gleichzeitig weiter voll selbstverwirklichen. Bloß kein Durchschnitt oder gar langweilig sein. Daran kann man in the long run nur scheitern, und langsam merken sie es. Facebook ist auch keine Heimat, das haben diese Leute schon erkannt. Es erhöht den Kommunikationsstreß und den Zwang zur Selbstdarstellung und ‑vermarktung. Diese Generation ist anscheinend die erste, für die die eigenen Eltern wirklich Vorbilder sind.

Und was ist mit der Politik? Zu der wahrt man und frau Distanz, diese Generation ist eher still. Sie ist im postmodernen anything goes etwas durcheinander geraten und hat dabei eine Sichtweise kultiviert, die jedes ernsthafte politische Statement unter Pathos‑Verdacht stellt. Was man tun könnte, weiß sie auch nicht.

Blind ist das Buch da, wo Pauer davon ausgeht, dass das „wir”, das sie benutzt, für alle ihrer Alterskohorte gleich zutreffend ist. Nein, es haben nicht alle ein iPhone und Akademikereltern, nein, es haben nicht alle Eltern unbegrenzt Geld und es ist auch nicht jede_r bei Facebook.

Für die gleichaltrigen ist das angenehm unzynische Buch vermutlich deshalb interessant, weil es, wie das von Kullmann, vieles anspricht und damit öffentlich macht, was sonst nie oder höchstens mit der besten Freundin angesprochen wird.

Für die älteren, also diejenigen, die ihre erste Zigarette rauchten oder ihren ersten Stein warfen, als Nina Pauer geboren wurde, ist es ebenfalls zu empfehlen. Es zeigt viel vom Denken und Fühlen dieser Teilgeneration. Pauer zeigt keine Lösung auf, wie Anna oder Bastian sich und ihre Situation ändern könnten. Aber dass sie sich ändern muss, ist klar und das ist dann irgendwie wieder Politik, möchte man hinzufügen …

Bernd Hüttner

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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