Angriff von Rechtsaußen

Ronny Blaschke
Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen
Verlag Die Werkstatt 2011
223 Seiten
16,90 €

9783895337710_0„Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ war einer der harmloseren Gesänge, die die Zuschauerinnen und Zuschauer des Spiels der neugegründeten SG Leipzig‑Leutzsch gegen Roter Stern Leipzig im September dieses Jahres vernehmen durften. Etwas deutlichere Rufe wie beispielsweise „Teutonisch, barbarisch – wir Leutzscher, wir sind arisch!“, von anwesenden Anhängern des Roten Sterns per Handy‑Video dokumentiert, wurden im Nachhinein durch die Vereinsführung der SGLL schlicht geleugnet. Dem Gegner drohte man mit rechtlichen Schritten, sollte dieser die Vorfälle weiter öffentlich thematisieren. Nachdem der Druck auf die Verantwortlichen des Vereins wuchs und sich der sächsische Fußballverband sowie die Stadt Leipzig einschalteten, wurde man in Leutzsch ein wenig kleinlauter. Im Stadionheft ließ der Vorstand in einem Vorwort dennoch verlauten, die Gesellschaft drücke „dem Fußball ihr hässliches Gesicht auf“, „politisch unkorrekte Fangesänge“ führten nicht dazu, „dass ein aufrechter Bürger nach dem Abpfiff zur Eisenstange greift“. Unterschrieben war der Text mit „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ – übersetzt in sieben Sprachen.

Mit Eisenstangen wiederum hatte der Rote Stern Leipzig bereits im Oktober 2009 leidvolle Erfahrungen machen müssen, als eine Gruppe von fünfzig Neonazis Fans, Spieler und Funktionäre während eines Auswärtsspiels in Brandis angriff und zum Teil schwer verletzte. Mit den Vorfällen von Brandis findet das Buch Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen von Ronny Blaschke seine Einleitung. Blaschke hat Sport- und Politikwissenschaften an der Universität Rostock studiert und lebt als freier Journalist und Autor in Berlin. Für ein Dossier in der ZEIT, welches die Unterwanderung eines anderen Leipziger Fußballclubs, des 1. FC Lokomotive durch organisierte Neonazis zum Thema hatte, wurde er 2009 zum Sportjournalisten des Jahres gekürt. Sein Buch, erschienen im Verlag Die Werkstatt, nimmt sich nun, in Form einer Sammlung von Reportagen und Interviews, der Thematik über die Grenzen Leipzigs hinaus an. Dabei verfährt Blaschke wie schon bei o. g. Dossier: Er stützt sich nicht auf Statistiken oder andere Quellen, sondern recherchiert vor Ort. So führten ihn seine Reisen etwa nach Rönsahl, unweit von Lüdenscheid, wo der NPD‑Funktionär Stephan Haase als Schiedsrichter Spiele der Kreisliga leitet, oder in eine thüringische Kleinstadt, in der ein Neonazi der SG Germania vorsteht, um Jugendliche an die örtliche Kameradschaftsszene heranzuführen. Dass der Autor nicht nur mit Sozialarbeitern, einer Sportmediatorin oder einem Gewaltforscher spricht, sondern auch Neonazis in Interviews ausführlich zu Wort kommen lässt, erscheint zunächst zumindest ungewöhnlich. Er hofft hingegen, dass, wer deren „abstruse Opfer‑ und Verschwörungstheorien wortwörtlich“ dokumentiere, ihnen damit „die demagogische und aufrührerische Kraft“ nehme. Dies gelingt dem Buch insbesondere dann, wenn deutlich wird, wo für Rechtsextreme theoretische Anknüpfungspunkte an Fußball‑Fanszenen entstehen, etwa bei der in Fankreisen populären, meist wenig reflektierten Kritik an einem sogenannten modernen Fußball, sprich der Kommerzialisierung und Globalisierung des Profibereichs.

In der zweiten Hälfte verlässt der gut 200‑seitige Band das mit dem Titel sehr eng gesteckte Themenfeld und begibt sich auf Ursachenforschung und die Suche nach Lösungsansätzen. Erziehungswissenschaftler, Fanprojekte, aber auch DFB‑Präsident Theo Zwanziger und der in Deutschland aufgewachsene türkische Nationalspieler Halil Altintop werden befragt. Blaschke berichtet über die jüdische Makkabi‑Bewegung und beschäftigt sich mit Antiziganismus in Ungarn. Oft bleibt das Buch dabei nur an der Oberfläche der zahlreichen Themen, schafft es damit aber, einen Überblick zu verschaffen über die ebenso vielen Probleme, mit denen der Fußballsport behaftet ist – Probleme, die ihm oftmals sein „hässliches Gesicht“ zeichnen und denen er sich als Teil dieser Gesellschaft zu stellen hat. Dass die Sensibilität hierfür vielerorts noch nicht vorhanden ist, zeigen Blaschkes Bestandsaufnahmen des Alltags auf deutschen Sportplätzen und in den Stadien nur allzu deutlich. Seinem Buch bleibt zu wünschen, dass es diesem Zustand entgegen wirken kann.

Leyla Dewitz

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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