Engagiert Euch!

Stéphane Hessel
Engagiert Euch!
Ullstein 2011
64 Seiten
3,99 €

9783550088858_coverDer 93‑jährige Franzose Stéphane Hessel ist im Jahr 2010 durch seinen 30 Seiten starken internationalen Bestseller Empört Euch! zu einer Art Rädelsführer einer neuen Widerstandsbewegung geworden. Seine Biografie liest sich beeindruckend: 1917 in Berlin geboren, wurde er bald französischer Staatsangehöriger und Mitglied der Résistance‑Bewegung. Während des Zweiten Weltkriegs geriet er zweimal in Kriegsgefangenschaft in deutsche Konzentrationslager, aus denen er nur durch Glück entkommen konnte. 1948 wirkte er an der Ausarbeitung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mit und agierte anschließend als UNO‑Funktionär, Diplomat und Botschafter Frankreichs.

Das Nachfolgewerk Engagiert Euch!, ein ebenfalls nur knapp 60 Seiten starkes Büchlein (wobei ca. 25 Seiten auf die im Anhang abgedruckte Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte und die Biografie Hessels entfallen), besteht aus einem Interview Stéphane Hessels mit dem mittezwanzigjährigen Journalisten Gilles Vanderpooten. Die Thematik ist dabei nahezu dieselbe wie in Empört Euch!: Hessels Hauptanliegen ist zum einen die Verminderung der sozialen Ungleichheit, dem immer weiteren Auseinanderklaffen zwischen extremer Armut und extremem Reichtum, und zum anderen sind es die Bewahrung und der Schutz des Planeten Erde, um den es angesichts der Klimaerwärmung und der schonungslosen Ausbeutung der Natur nicht sonderlich gut bestellt ist.

Hessel nimmt zur Verfolgung dieser Ziele vor allem die Jugend in die Pflicht. Es genüge nicht, sich nur aufzuregen, sondern es müssen auch Taten folgen. Passivität war gestern, heute ist Engagement gefragt! Die große Schwierigkeit des heutigen Widerstandes sei dabei, dass man nicht mehr wie zu Zeiten der Résistance gegen ein klar definiertes Feindbild auf nationaler Ebene ankämpfe, sondern an mehreren Stellen gleichzeitig auf globaler Ebene lokal agieren müsse. Sei dies nun in der Kapitalismuskritik, dem Umweltschutz oder in der Entwicklungspolitik. Dabei bestünden stets höchst komplexe Zusammenhänge, sodass ein Schritt vorwärts an einer Stelle meist einen Schritt zurück an einer anderen zur Folge habe. Deshalb bedürfe es gewaltiger Anstrengungen, Lebensweisheit und vor allem Ausgewogenheit, um Neues zu gestalten und nicht auf halber Wegstrecke liegen zu bleiben.

Um die Aufgaben der heutigen Zeit zu meistern, macht Hessel auch einige Vorschläge: So fordert er, als bedingungsloser Anhänger der UNO, zum Schutze der Umwelt eine Allgemeine Erklärung der Rechte der Natur und die Einführung einer UNEO (UN Environment Organization). Auch plädiert er für die Institutionalisierung einer „Weltregulierung“, die sich aus den 20 bis 30 verantwortungsvollsten Staaten zusammenzusetzen habe und in der Verfolgung einer „Weltstrategie“ durch mehr Regulierung wirtschaftliche und soziale Sicherheit erzeugen und Chaos, wie die jüngste Weltwirtschaftskrise, verhindern solle. Allgemein bedürfe es einer sehr viel stärkeren Regulierung und Kontrolle der liberalen Wirtschaftspolitik. Man müsse abweichen von der kapitalistischen Steigerungslogik und sich stattdessen auf nachhaltige Produktions‑ und Konsumverfahren konzentrieren. Dies hieße nicht weniger zu produzieren, sondern in Einklang mit der Umwelt und den natürlichen Ressourcen. Der Mensch solle sich nicht mehr als Krone der Schöpfung verstehen, sondern als Bestandteil der Umwelt und dementsprechend in Einklang mit ihr leben.

In der Entwicklungspolitik bedarf es laut Hessel neben der Steigerung des Bruttosozialprodukts der geförderten Länder auch einer Ausweitung und Förderung des Bildungsstandards, der Kultur, der Identität und der Gesundheitsversorgung und keiner weiteren Ausbeutung durch die „kommerziellen Raubritter der Weltwirtschaft“. Dazu gehörten auch die Etablierung einer eigenbedarfsgerechten, ökologischen und nachhaltigen Landwirtschaft in den Entwicklungsländern und der Stopp von Agrarimporten aus den Industrieländern. Nur so könne die Armut gemindert und der Graben zwischen Entwicklungs‑ und Industrieländern geschmälert werden. Als Kulturrelativist liegt Hessel die Vielfalt der Kulturen und Völker besonders am Herzen. Es geht ihm dabei um einen friedlichen und respektvollen Umgang miteinander und um die Beseitigung des gegenwärtig vorherrschenden Kulturimperialismus westlicher und chinesischer Prägung. Hessel setzt große Hoffnungen in die Nicht‑Regierungsorganisationen, deren Ideen und Vorschläge aber auch zukünftig von den Regierungen beherzigt werden sollten. Auch der Dialog zwischen den Generationen spielt für ihn eine bedeutende Rolle: Die Erfahrung der Alten und die Kreativität der Jungen seien nötig, um die Welt eine Bessere zu machen.

Es sind also große Themen und noch größere Ziele, die Stéphane Hessel in diesem Büchlein aufwirft. Bei allem (mehr oder weniger berechtigten) Zweifel am Erfolg dieses Unterfangens bleibt er stets gnadenlos optimistisch, ohne den Glauben an das große, seiner Meinung nach noch nicht ausgeschöpfte Potenzial der Menschheit zu verlieren. Hessel wird oft vorgeworfen, nur Probleme und Missstände zu benennen und zu kritisieren, jedoch keine konkreten Handlungsoptionen vorzugeben. Diese Handlungsoptionen werden auch im vorliegenden Band nur sehr bedingt und wenig konkretisierend dargelegt. Doch genau in dieser vermeintlichen Schwäche liegt auch die Leistung des Buches: Es bedarf zuerst einer Aufzählung und Benennung der Missstände, um anschließend nach Lösungsvorschlägen zu suchen und diese gegebenenfalls auch umsetzen zu können.

Natürlich sind die Sachverhalte und Probleme an anderer Stelle schon mehrfach geschildert worden, und dies auch oft besser und ausführlicher, sodass die Lektüre Vielen nichts Neues bieten wird. Und ob die angedeuteten „Lösungsvorschläge“ Hessels wirklich Verbesserungen bewirken können, ist wieder eine andere Frage. Auch wirkt der erhobene Zeigefinger Hessels an manchen Stellen des Buches mitunter etwas großväterlich altklug und nervend. Hessels Verdienst liegt vielmehr darin, eine breite Öffentlichkeit für drängende und wichtige Probleme der Gegenwart zu sensibilisieren, auch wenn sein durchschlagender Erfolg möglicherweise nur seinem hohen Alter und seinem bewegten Leben geschuldet sein mag. Die Inhalte jedoch bleiben wichtig und sollten jeden etwas angehen.

Dominik Redemann

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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