Heile Welten

Astrid Geisler/Christoph Schultheis
Heile Welten – Rechter Alltag in Deutschland
Hanser Verlag 2011
223 Seiten
15,90 €

heile-welten.de

coverIn den deutschen Medien treten Rechtsradikale meist als Skinheads in Erscheinung, gewalttätig und uniformiert mit Bomberjacken und Springerstiefeln. Eine skandalöse Situation wird als Aufhänger genommen, Schlagzeilen zu machen und über Rechtsextremismus zu debattieren. Doch was ist mit den alltäglichen Rassisten, den netten Menschen von Nebenan, die sich nicht durch Kleidung und Verhalten zu erkennen geben. Sind sie weniger schlimm, weniger gefährlich, weniger rechts?

Das Autorenpaar versucht anhand von neun beispielhaften Reportagen aus ganz Deutschland zu zeigen, dass es neben kahlköpfigen Nazi‑Schlägern auch Menschen mitten unter uns gibt, die rechtsradikales Gedankengut unbemerkt oder sogar geduldet verbreiten und ausleben. Das reicht von der zur Schöffin berufenen Hausfrau und Mutter, die sowohl im Elternbeirat der Schule als auch in der NPD aktiv ist, bis hin zu den Jugendlichen aus der ostdeutschen Provinz, die vom Gericht bescheinigt bekommen, eher aus Langeweile als aus politischen Gründen linke Mitschüler zu verprügeln.

Die im Buch vorgestellten Begebenheiten sind sehr gut recherchiert und bieten viele Hintergrundinformationen. Sie suchen nicht den Skandal, sondern greifen Geschichten auf, die die Normalität widerspiegeln, mit der sich fremdenfeindliche und antidemokratische Mitbürger in unserer Gesellschaft bewegen. Leider bedienen sie auch das ein oder andere Klischee, z. B. wenn in der brandenburgischen Provinz am Spanferkelgrill nationale Lieder gesungen werden, während in der schwäbischen Kleinstadt die wohlhabende, weltoffene Lehrerfamilie nicht verstehen kann, wie sich ihr rechtsgerichteter Sohn vom Gymnasium in den Knast manövriert hat.

Wer sich mit dem Thema schon etwas ausführlicher beschäftigt hat, dem wird nicht viel Neues offenbart. Doch die Darstellung von Alltagssituationen verschiedener Menschen in einzelnen Kapiteln und die wenig reißerische Sprache der Autoren machen das Buch leicht lesbar und bieten einen guten Einstieg für interessierte LeserInnen. Am Ende fehlt jedoch eine Auseinandersetzung mit den gegebenen Zuständen, einige Fragen bleiben offen. Es werden keine Tipps gegeben, wie man mit solchen Gegebenheiten umgehen kann und keine Lösungen angeboten. Doch das ist auch nicht die Intention der Autoren. Sie wollen vielmehr zum Nachdenken anregen und die Sinne schärfen, denn rechtes Gedankengut ist oft genauso schwer zu erkennen wie seine VerbreiterInnen.

Lydia Busch

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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