Mädelsache!

Andrea Röpke/Andreas Speit
Mädelsache! – Frauen in der Neonazi-Szene
Ch. Links Verlag 2011
240 Seiten
16,90 €

615 Maedelsache US.inddDie Rolle der Frauen in der Neonazi Szene hat sich verändert. Sie sind keineswegs nur noch Ehefrauen und Mütter, sondern treten als aktive Parteimitglieder auf, sind in Kameradschaften organisiert oder unterstützen tatkräftig ihre Ehemänner. Die Veränderungen des weiblichen Engagements werden in dem Buch Mädelsache! Frauen in der Neonazi-Szene ausführlich dargestellt. Andrea Röpke und Andreas Speit recherchierten detailliert über Frauen in der NPD sowie über Gruppierungen wie den Ring Nationaler Frauen (RNF), die Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF), die Frauengruppen der Freien Kräfte und die Autonomen Nationalistinnen.

„Die NPD will die Frau zeigen – vorzeigen, um bürgernah, frauenfreundlich und wählbar zu erscheinen.“ Die Rede ist hier von der sächsischen Landtagsabgeordneten Gitta Schüßler. Sie steht – gemeinsam mit den anderen Frauen der Szene – für den Strategiewandel der NPD, in der immer mehr Frauen in die Parteiarbeit einbezogen werden. Frauen übernehmen in der Politik Bereiche wie Familie und Bildung mit dem Ziel, soziale Themen mit nationalen Forderungen zu besetzen. Sie sprechen mit den Themen Arbeitslosigkeit, Altersarmut oder einem geforderten Müttergehalt gezielt die Ängste und Wünsche der Menschen an. Das Buch macht deutlich: Die Partei hat das politische Potential von Mädchen und Frauen für die gesellschaftliche Akzeptanzgewinnung erkannt.

Aufgrund der fortschreitenden kommunalen Unterwanderung durch die NPD kommt der Rolle der Frau eine neue, wichtigere Bedeutung zu. Die AutorInnen sprechen sogar davon, dass das Vorhaben der Neonazis, sich kommunal zu verankern, nur mit weiblicher Unterstützung stattfinden kann. Neben der Strategie, über soziale Berufe menschenverachtendes Gedankengut in die Erziehung von Kindern mit einfließen zu lassen, engagieren sich Frauen beispielsweise ehrenamtlich in Elternvertretungen oder Sportvereinen. So können sie soziale Kontakte knüpfen und sich als engagierte, hilfsbereite Mütter präsentieren. Da Frauen meist im Hintergrund der NPD oder anderen extrem rechten Organisationen agieren, sind die politischen Ansichten im sozialen Umfeld meist nicht bekannt. Die Mitmenschen wissen nichts von den Einstellungen der freundlichen Nachbarin, Kollegin oder Sportlehrerin des Kindes. Wird aber der politische Hintergrund der Frauen bekannt, reagieren die Menschen aus dem Umfeld geschockt und fassungslos. So engagierte sich auch beispielsweise Stella Hähnel, RNF Mitgründerin, ehrenamtlich in einem Familiencafé und ließ die MitarbeiterInnen im Bezug auf ihre Überzeugungen im Dunkeln.

Das Buch weist außerdem auf die Gefahr der Verharmlosung menschenverachtender Einstellungen durch das Auftreten der extrem rechten Frauen hin. Dies wird beispielsweise beim Gründungstreffen des RNF im Jahr 2006 deutlich. Frauen wirken aufgrund ihres Erscheinungsbildes auf die Bewohner des Ortes Sotterhausen in Sachsen Anhalt eher konservativ als radikal. Nachbarn verkennen die Gefahr und treffen Aussagen wie „die sind doch nett“, oder „die Frau ist höflich und die Kinder gut erzogen“.

Die AutorInnen berichten auch über die größere kulturelle Freiheit innerhalb der Partei, die durch den seit 1996 aktiven Parteivorsitzenden Udo Voigt vorangetrieben wurde. So feiern „völkische Familien in Trachten neben Glatzköpfen, ehrgeizige Studentinnen neben Frauen in Lack und Leder“. Die Toleranz in Bezug auf die Kleidung der Szeneangehörigen sowie das vermehrte Auftreten von Frauen in der Öffentlichkeit könnte den Anschein erwecken, dass sich auch das traditionelle Geschlechterverständnis der NPD gelockert hat. Doch keineswegs ist von einer Gleichstellung zwischen Frauen und Männern innerhalb der Partei und den außerparteilichen Organisationen zu sprechen. Immer wieder kritisieren Frauen die Dominanz der Männer und die Ungleichbehandlung der Geschlechter in der NPD. Diese Kritik ist aber in den eigenen Reihen weder gern gesehen noch wird sie geduldet. Einen stetigen Konflikt zwischen Emanzipation und einem traditionellem Rollenbild gibt es nicht nur innerhalb der Partei, sondern auch bei den Autonomen Nationalisten. Diese erscheinen zwar aufgrund der Übernahme von aktuellen Modetrends modern, Sexismus und Gewalt gegenüber Frauen gibt es nach Insiderberichten aber auch hier.

Einen Teil des Buches widmen die AutorInnen der Gemeinschaft Deutscher Frauen (GDF), die sich am traditionellen Frauenbild des Dritten Reiches orientiert. So sollen die Frauen Mütter von möglichst vielen Kindern werden. Andrea Röpke und Andreas Speit tragen auch Einzelheiten über die ideologischen Ziele der Kindererziehung und der Schaffung einer nationalen Gegenkultur der GDF zusammen.

Der Leser oder die Leserin wird zusätzlich über die Freizeitaktivitäten der Rechtsextremen informiert. Es gibt nicht nur neonazistische Ausflüge oder Zeltlager für den Nachwuchs, sondern auch Familien Überlebenscamps. Dort treffen Frauen gemeinsam mit ihren Familien Vorbereitungen, um die Zeit nach dem Zusammenbruch des Landes zu überstehen. Die TeilnehmerInnen verzichten während des Camps auf moderne Technologien. „So kann das deutsche Volk, dank den Frauen, überleben“. Nach den ausführlichen Recherchen über die in den Medien viel zu lange nicht beachteten nationalistischen Frauenorganisationen und Frauen innerhalb der NPD wird deutlich, was die Frauen der Szenen schon seit langem kundtun: Nationalismus ist auch „Mädlsache“. Aufgrund dessen widmet sich das letzte Kapitel ganz dem Umgang mit rechten Frauen im Alltag. Dabei können die AutorInnen selbstverständlich keine ausgearbeitete Handlungsanweisung liefern, aber Erfahrungen und Auseinandersetzungen von Betroffenen aufführen. Was haben andere BürgerInnen gegen die Unterwanderung lokaler Strukturen getan? Und wie haben sie sich beispielsweise gegenüber nationalistischen Erzieherinnen verhalten?

Das AutorInnenduo kommt zu dem Ergebnis: Frauen der extrem rechten Szene weichen der Zivilcourage. Deshalb muss die Gesellschaft aufmerksamer werden und sich bewusst machen, dass ein höfliches Auftreten der Frauen nicht die menschenverachtenden Einstellungen ändert. Auch eine Frau kann radikal sein. Nur so können die Aktivitäten aufgedeckt und die Handlungsfelder eingeschränkt werden. Dabei fordern die AutorInnen bereits ein Einschreiten, wenn Diskriminierungen beginnen und nicht erst bei Bekanntwerden einer NPD-Mitgliedschaft. Denn die Abgrenzungen zwischen Autonomen Nationalisten, Kameradschaften und der NPD sind aufgeweicht und eine offizielle Mitgliedschaft in der NPD ist längst nicht mehr notwendig.

Luisa Wingerter

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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