Multikultur 2.0

Susanne Stemmler (Hg.):
Multikultur 2.0 – Willkommen im Einwanderungsland Deutschland
Wallstein Verlag 2011
336 Seiten
19,90 €

Eine Publikation des Hauses der Kulturen der Welt

9783835308404l„Multikultur 2.0“ ist eine aktuelle und aufschlussreiche Sammlung von Essays und Gesprächen, in denen die AutorInnen die Anerkennung der Vielfalt (Superdiversity) und die Öffnung der Gesellschaft (Interkultur) als wesentliche Bedingung für ein friedliches Zusammenleben der Kulturen voraussetzen. Es werden innovative, philosophische Ansätze für das Miteinander und den Dialog in politischen, sozialen und rechtlichen Bereichen diskutiert. Begriffe wie Integration und Multikultur sind dabei schon von Beginn an in Frage gestellt. Die Problematik des bestehenden Integrationsbegriffs betrifft die Vorstellung, dass Migrant_innen sich zu assimilieren haben, ohne dass dabei ein gegenseitiger Austausch stattfindet. Eine erfolgreiche Integration sollte aber keine Anpassung an die Leitkultur im jeweiligen Einwanderungsland sein. Die Einwanderungsgesellschaften müssen sich den Einwanderern öffnen und einen Austausch zulassen. Auch Multikultur ist in dem Sinn irreführend, als dass es die Herausbildung von Parallelgesellschaften suggeriert. Gesellschaften sind jedoch dynamisch und selten einseitig.

Die Themenauswahl des Buches ist sehr umfassend: In „Jenseits des Multikulturalismus“ werden verbreitete Denkansätze in Frage gestellt. „Risiko des Dialogs“ zum Beispiel erinnert daran, wie wichtig ein erfolgreicher Dialog im Zeitalter der globalen Kulturströme ist.

Mit Bezug auf die kosmopolitischen Theorien der Antike sollte man gerade im Dialog berücksichtigen, Missverständnisse zu vermeiden und dass die eigene Sichtweise nicht immer die einzig Richtige ist. Insofern ist die Einwanderung gerade deshalb eine besondere Herausforderung, da sie die Werte und Normen einer Gesellschaft immer wieder in Frage stellt, so wie es im Gespräch „Der Islam ist unsere eigene Frage als Gestalt“ thematisiert wird. Weitere philosophische Aufsätze folgen unter „Denkansätze für ein postethnisches Zeitalter“. Hier geht es darum, dass weniger die Ethnizität bei sozialen Problemen eine Rolle spielen sollte, da die wirtschaftliche Situation oder auch das Milieu viel ausschlaggebender für die eigene Identität ist. Dadurch wird auch der Nationalstaat in Frage gestellt, der die Gesellschaften politisch unterteilt und auch strukturell hinderlich für eine Einbeziehung sein kann.

Was sich auf internationaler Ebene abspielt, zeigt der Text „Einwanderungsgesellschaften im internationalen Vergleich“. Einbindungsstrategien typischer Einwanderungsländer wie Australien, die USA oder Brasilien sind besonders interessant, gerade im rechtlichen und institutionellen Bereich. Meistens von philosophischen Überlegungen und der Geschichte ausgehend, werden Institutionen und Aktionen genannt und Vergleiche gezogen. Deutschland schneidet im internationalen Vergleich mittelmäßig ab und erntet im Themenkomplex „Einwanderungsland Deutschland – eine Bestandsaufnahme der Integrationsdebatte“ immer wieder Kritik für u. a. folgende Punkte:

  1. Die späte Einsicht und damit auch die fehlende Reaktion darauf, dass Deutschland tatsächlich ein Einwanderungsland ist
  2. Das Verbot der doppelten Staatsbürgerschaft
  3. Den Ausschluss der Bürger aus Drittländern an der politischen Teilhabe, selbst auf kommunaler Ebene.

Es stellt sich die Frage, wie man praktisch mit den strukturellen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten umgehen soll, die die Migration verursacht. Eine Änderung der generellen Wahrnehmung reicht laut Meinung der Experten nicht. Gerade Institutionen müssen sich neu orientieren bzw. neu entstehen. Politikfelder wie Bildung, Menschenrechte und Soziales müssen in das Zentrum der Diskussion gerückt werden. Auf kommunaler Ebene sind die Migrationsbeiräte, die von Migranten selbst gewählt werden, nur ein nennenswertes Beispiel neben Sozial‑AGs oder diversen kulturellen Projekten.

Die Auswahl Susanne Stemmlers ist sehr vielseitig und beleuchtet die Migrationsthematik aus verschiedenen Perspektiven, sei es aus der Sicht eines australischen Botschafters oder einer türkischen und lesbischen DJane aus Berlin. Gespräche, Diskussionen und Statistiken vertiefen bestimmte Problematiken. Der letzte Abschnitt „Transnationale Kulturen und nationale Institutionen“ betont die Diversität und die Dynamiken des gesellschaftlichen Austausches. Viele Künstler, die vorgestellt werden, versuchen die vielfältigen Entwicklungen zu analysieren und zu verarbeiten. Hier reicht die Bandbreite von Musik über Theater bis hin zu einer Installation in Richtung experimenteller Kunst, eine Mischung aus Actionpainting und „Chaos TV“, mit verschiedenen religiösen und sozialen Gruppen.

Dem vorliegenden Band gelingt es, die aktuellen Entwicklungen und Probleme der Integration darzustellen. Gleichzeitig werden diesen unterschiedlichste Lösungsansätze und Bemühungen von der internationalen bis zur regionalen Ebene gegenübergestellt.

Die Herausgeberin Susanne Stemmler leitet den Bereich Literatur, Gesellschaft und Wissenschaft am Haus der Kulturen der Welt. Sie studierte Romanistik, Germanistik und Literaturübersetzung.

Julia Dalmer

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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