Revolutionäre Frauen

Queen of the Neighbourhood Collective
Revolutionäre Frauen – Biografien und Stencils
Edition assemblage 2011
128 Seiten
12,80 €

queen_revolutionaere_frauen_rgb_web-189x300Sie sind Aktivistinnen, Anarchistinnen, Feministinnen, Freiheitskämpferinnen, Visionärinnen: Dreißig Frauen, deren Geschichten mehr oder weniger – eher weniger – bekannt sind, werden in diesem Buch in kurzen Porträts vorgestellt und anhand von so genannten Stencils optisch präsentiert. Stencils, das sind die in der Streetart bekannten Schablonen zum Sprühen von Graffitibildern. Praktisch könnte man sie hier direkt ausschneiden, um selbst aktiv zu werden, wäre dieses Buch nicht viel zu schön zum Zerschneiden.

Ausgangspunkt dieser Zusammenstellung war die Feststellung, dass revolutionäre Ikonen eigentlich immer ein männliches Antlitz haben. Ches verträumter Rebellenblick prangt ohne Ende auf schwarz‑roten T‑Shirts alternativer oder auch nur trendbewusster Jugendlicher und an künstlerisch umgestalteten Hauswänden. Aber Frauenköpfe? – Fehlanzeige. Ihre Bilder und ihre Geschichten bleiben meist im Verborgenen. Das Queen of the Neighbourhood Collective, ein Frauenkollektiv aus Autorinnen, Forscherinnen und Künstlerinnen in Aotearoa, Neuseeland, hat sich mit der vorliegenden Publikation zum Ziel gesetzt, dies zu ändern, den Che‑Glamour zu entlarven und gleichzeitig einen Kommentar zur Pop‑Kultur abzugeben. Stellvertretend für die Kollektiv‑Autorinnen (u. a. Hoyden, Melissa Steiner, Anna Kelliher, Rachel Bell, Anna‑Claire Hunter, Janet McAllister) schreibt Tui Gordon im Vorwort:

In Revolutionen geht es um Umkehr, um Umbruch, darum, einen radikalen Wandel in unserem Denken und Handeln zu initiieren. […] Alle Frauen dieses Buches handelten – bzw. wurden zum Handeln gezwungen – aufgrund eines tiefgehenden Gespürs für Ungerechtigkeiten und dem Drang, diese anzugehen oder ihnen zu entfliehen. Alle vorgestellten Frauen sind radikale, außergewöhnliche und nonkonformistische Freidenkerinnen; Menschen, die die Regeln der Gesellschaft zwar kennen, aber nicht nach ihnen leben; „Outlaws“, die sich nicht notwendigerweise selbst für ein Leben außerhalb der Konventionen entschieden haben, die aber in ihrem Sein schlichtweg unkonventionell sind.

Auf der Grundlage des ursprünglichen Zines Revolutionary Women Stencil Book werden sie vorgestellt: Harriet Tubman, Louise Michel, Vera Zasulich, Emma Goldman, Qui Jin, Nora Connolly O’Brien, Lucia Sanchez Saornil, Angela Davis, Leila Khaled, Comandante Ramona, Phoolan Devi, Ani Pachen, Anna Mae Aquash, Hannie Schaft, Rosa Luxemburg, Brigitte Mohnhaupt, Lolita Lebron, Djamila Bouhired, Malalai Joya, Vandana Shiva, Olive Morris, Assata Shakur, Sylvia Rivera, Haydée Santamaría, Marie Equi, Mother Jones, Doaria Shafik, Ondina Peteani, Whina Cooper und Luci Parsons. Es sind Frauen mit unterschiedlichsten Anliegen, Philosophien und Handlungsmaximen. Einige anerkannt, andere höchst umstritten. Das Buch versteht sich auch nicht als Mittel, Heldinnen zu schaffen. Die Intention des vorliegenden Bandes ist vielmehr, ein „satirisches Spiel mit dem Konzept von Ikonen und Held_innenverehrung“ anzubieten.

Klargestellt wird zu Beginn auch, dass die Mitwirkenden nicht unreflektiert an ihr Projekt herangegangen sind. Zunächst wurde kritisch hinterfragt, ob es überhaupt im Sinne aller Porträtierten sei, in einem Buch, das unvermeidbar auch dem Konsum der Kaufkräftigen dient und anteilmäßig trotz globaler Perspektive tendenziell mehr Geschichten weißer Frauen beinhaltet, vereint zu werden. Weitere Aspekte waren die Frage nach dem unterschiedlichen Stellenwert von Militanz und Pazifismus unter den Rebellinnen ebenso wie ihre divergierenden kulturellen Hintergründe, die deren Auffassungen von Feminismus durchaus ambivalent erscheinen lassen. Letztlich bleiben, so Tui Gordon, „zwei zentrale Punkte: Erstens der tief verankerten patriarchalen Geschichte eine Tritt in die Eier zu verpassen und zweitens die Freude über starke Frauen zu verbreiten und Lust auf Revolution zu machen“.

Herausgekommen ist ein wunderbares Stöber‑ und Lesebuch für alle Altersklassen und Gender. Die einzelnen Geschichten sind spannend und informativ geschrieben und die beigefügten Stencils kleine Kunstwerke – hervorragend dazu geeignet, kopiert zu werden und damit, wie augenzwinkernd im Buch empfohlen wird, „Aufnäher, T‑Shirts, Geschirrtücher“ zu gestalten oder den Schlafzimmerwänden „eine schicke revolutionäre Ästhetik“ zu verleihen. Schön zu sehen, dass Feminismus nicht immer spaßfrei sein muss und so originelle Projekte und gelungene Umsetzungen hervorbringen kann.

Gabriele Vogel 

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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