Storch Heinar

Julian Barlen/Mathias Brodkorb/Robert Patjedl (Hg.)
Storch Heinar: Mein Krampf – 18 Episoden aus dem selbst gefälschten Tagebuch des F. H.
Adebor Verlag 2011
88 Seiten
8,88 €

storchDer Rückstoß seiner – durch Froschfleischintoleranz verursachten – Flatulenzen befördert den bedauernswerten Storch Heinar schon früh unsanft aus dem Nest. Auch in seiner Storchenpeergroup ist der schwächliche Heinar endlosen Demütigungen ausgesetzt. Noch dazu fühlt er sich zum Künstler berufen und sieht seine Zukunft in der schillernden Welt der Mode. Doch trotz eifrig angefertigter Sommersocken‑Kollektion nimmt auch die Modeakademie ihn nicht auf. Als er schließlich sogar den Vogel‑Zug ins afrikanische Winterquartier verpasst, ist für Heinar das Maß voll. Mit seinen Storchenkumpels, dem debilen Rudolf, dem lahmen Joseph und dem fetten Hermann macht er sich als selbsternannter Führer nach einigen, von weiteren Peinlichkeiten gekrönten Erlebnissen auf den Weg nach Mailand, um die Herausforderung des berühmten Modezaren Benito Storcholini aufzunehmen.

Im weiteren Verlauf der Geschichte geht es dann eigentlich nur noch um eines: des Führers Ei. Denn, so stellt es sich heraus, Führer Heinar hat schlichtweg keine Eier. Und darum zettelt er einen Krieg an. Dieser will jedoch auch nicht so recht gelingen, zumal ausgerechnet der versoffene Rudolf mit dem Bau einer Wunderwaffe beauftragt wird. Nach einer gewaltigen Explosion gerät Heinar in einen Hinterhalt:

Ich blickte mich um, sah mich mit einem Schlag umringt von muskelbepackten Schlagstörchen, die mich in die kleine Seitengasse abdrängten. Dort stand er, der König der Verräter: Graf Straußenberg! Wie böse er lachte!

Ich stand wie angesteinart da. Was wollte er? Ich wusste es nicht. Wollte er sich nur wurzeln? „Du dreckiger Verräter!“, zischte ich ihm entgegen. Er selbst, ganz Aristokrat, zupfte an seinen Flügelhandschuhen. Dann wurde er wütend, begann zu schnauben, schrie herum und behauptete, er sei selbst der Verratene, denn unsere Wunderwaffenfabrik, für die er Millionen seiner besten und größten Eier geopfert und niemals einen roten Heller gesehen habe, wäre in Wahrheit nichts als eine riesige Eierlikörmaschine gewesen!

Wie dieses bizarre Storchen-Epos endet, soll hier nicht verraten werden. Offensichtlich hatten die Verfasser ihre helle Freude daran, so viele Details wie nur möglich aus der nationalsozialistischen Geschichte in Verbindung mit dem Brandenburger Modelabel „Thor Steinar“ zu ver‑eiern und das ist ihnen durchweg amüsant gelungen.

Die zweite Hälfte des mit Bedacht 88 Seiten zählenden Bandes berichtet über den realen Werdegang des politischen „Satire- und Klamottenprojekt Storch Heinar“. Die von der SPD und den Jusos Mecklenburg-Vorpommern getragene und gegen Rechtsextremismus eintretende Initiative „Endstation Rechts“ gründete das Storchenprojekt als Persiflage auf die in rechtsextremen Kreisen beliebte Modemarke „Thor Steinar“ und zog mit der Figur eines dümmlich dreinblickenden Storches mit Hitlerbärtchen den Unmut der Media Tex GmbH, Mutterschiff des „Thor Steinar“‑Labels, auf sich.

Mit der Klage gegen „Storch Heinar“ – wegen vermeintlicher Urheberrechtsverletzung und Verunglimpfung, Streitwert 180.000 Euro – hatte sich die Media Tex jedoch einen Bärendienst erwiesen. Nicht nur sorgte sie damit für Publicity zugunsten des ungeliebten Mode-Konkurrenten, sie verlor auch den Prozess und finanzierte so unfreiwillig weitere Aktionen des Storchenprojektes: Als Anti‑NPD‑Kampagne wurde ein Bandcontest veranstaltet, eine eigene Marschmusikkappelle namens „Storchkraft“ ins Leben gerufen und eine CD produziert, welche rechtsrockige „Schulhof‑CDs“ ebenso wie deutschtümelnde Musik der Lächerlichkeit preisgeben.

Dieses Büchlein ist erheiternd und informativ und damit bestens geeignet, als kleines Geburtstagsgeschenk nicht nur für 18‑ oder 28‑Jährige zu dienen. Es zeigt zudem, wie mit Humor, Kreativität und geringen Mitteln auch jenseits von handfesten Attacken auf einschlägige Modegeschäfte einem sich ausbreitenden Rechtsextremismus entgegengetreten werden kann.

www.endstation-rechts.de
www.storch-heinar.de

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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