access denied

Jonas Engelmann u. a. (Hg.):
testcard – Beiträge zur Popgeschichte #20:
access denied – Ortsverschiebungen in der realen und virtuellen Gegenwart
Ventil 2011
296 Seiten
15,00 Euro

tc20_rgbDie 20. Ausgabe der testcard‑Reihe wird überschattet vom Tod Martin Büssers, der im September 2010 in Folge einer kurzen heftigen Krebserkrankung verstarb. Er wurde nur 42 Jahre alt und hinterlässt als Autor, Herausgeber, Zeichner und Musiker nicht nur in der testcard und im Ventil‑Verlag, sondern in der gesamten deutschen Poplinken eine Lücke, die nicht mehr zu füllen sein wird. Auch ein halbes Jahr später fällt es Johannes Ullmaier und Jonas Engelmann in ihrem Nachruf, der der Ausgabe vorangestellt ist, immer noch schwer, ihre Fassungslosigkeit in Worte zu fassen. Zudem wird deutlich, wie kurz das gesamte Projekt aufgrund dieser Tragödie vor dem Aus stand. Da Martin Büsser aber auf die Fortführung bestand, steht die Nummer 20 auch für einen Neuanfang im testcard‑Universum, das bis zuletzt sehr stark von ihm geprägt wurde und jetzt ohne ihn, aber in seinem Sinne weitergeführt werden soll, was mit dieser mehr als lesenswerten Ausgabe auch gelungen ist.

Der Titel access denied. Ortsverschiebungen in der realen und virtuellen Gegenwart lässt vermuten, dass es vornehmlich um die Auswirkungen neuer medialer Technologien auf das alltägliche Leben im Hier und Jetzt geht, doch der Band greift weiter. Vor allem auf den ersten hundert Seiten geht es insbesondere um linke Orte und (Frei‑)Räume und wie sich diese über die Jahre verändert haben und wo sie heute noch anzutreffen sind; umrandet von zwei Gesprächsrunden Kulturschaffender aus dem Norden und Süden, die sich über Städte wie Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, Wien, Belgrad oder Sarajevo austauschen. Dazwischen rollt Roger Behrens in „Post Pop City Life“ die Entstehung der modernen Großstadt auf und wie sich in ihr die Popkultur entwickelte. Der Stadtsoziologe Klaus Ronneberger unterhält sich mit Pascal Jurt über Stuttgart 21, die Proteste im Hamburger Gängeviertel und Berlin als Zentrum kritischen Denkens in Deutschland. Außerdem schreibt Dagmar Brunow über künstlerische Strategien gegen Gentrifizierung in Hamburg, Annika Mecklenburg untersucht den Hipness‑Faktor von Köln‑Ehrenfeld, Bernd Volkert begibt sich auf Ortsbegehungen mit dem Unsichtbaren Komitee und Florian Neuner erliegt im Winter der Tristesse der „Kulturhauptstadt“ Hamm. Besonders hervorzuheben sind die Artikel „Linke Räume – Short Cuts“ von Torsten Nagel und „Queere Subkultur – Geboren aus der Randständigkeit, bedingt durch den radikalen Moment“ von Verena Spilker. Nagel liefert einen kurzen Abriss der Neuen Linken in Deutschland und stellt die Frage, was Linkssein heutzutage eigentlich bedeuten soll; während Spilker das Wechselverhältnis von queerer Subkultur und Mainstream und Orte, in denen sich Identitäten jenseits der tradierten bürgerlichen Rollenbilder ausformen können, analysiert.

In der zweiten Hälfte folgt dann ein Schwenk hin zur Musik, wobei dem eigenen Selbstverständnis folgend eher abseitiges behandelt und der internationale Fokus erweitert wird. So erfährt man von Ewgeniy Kasakow etwas über die Geschichte des sibirischen Underground-Rocks, Avi Pitchon, in den 1980er Jahren Sänger bei Noon Mem, einer der ersten Punkbands Israels, wird interviewt und Thomas Burkhalter schreibt über „Weltmusik 2.0. Musikalische Positionen zwischen Spaß und Protestkultur“. Außerdem gibt es einen Abriss der deutsprachigen Popmusik mit den Schwerpunkten NDW und Hamburger Schule oder die Aufarbeitung von nationalistischen Tendenzen im Neofolk und Black Metal.

Nach Johannes Ullmaiers großem Abschlussessay „Ortsverschiebungen“ folgen wie immer zahlreiche Rezensionen aus den Bereichen Musik, Film und Literatur, wobei die Besprechungen des Geschriebenen aus den Kategorien Orte, Popkultur/Musik, Politik/Gesellschaft, Sex/Gender, Kunst, Literatur, Comic und Film stammen.

Lohnt sich also wieder mal vollends. Es bleibt zu hoffen, dass uns die testcard noch viele weitere Jahre erhalten bleiben wird.

Jan Ahrens

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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