Real Niggaz Don’t Die

Andreas Litzbach
Real Niggaz Don’t Die – Männlichkeit im Hip Hop
Tectum 2011
89 Seiten
19,90 €

9783828825710Hip Hop hat sich in den letzten 30 Jahren von einer Subkultur zu einer der kommerziell erfolgreichsten Musikrichtungen entwickelt und rückt immer wieder durch skandalöse Auftritte in den Mittelpunkt. Die teilweise gewaltverherrlichenden oder sexistischen Texte werden häufig von den Medien als schlechter Einfluss auf Jugendliche angeprangert. Man sollte aber nicht vergessen, dass Hip Hop unglaublich vielseitige und unterschiedliche Richtungen entwickelt hat. Viele Jugendliche können sich in den vielfältigen Kunstformen, aus denen sich die Hip-Hop‑Kultur zusammensetzt, ausdrücken. Ob als Breaker, Rapper, Sprayer oder DJ, der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Es ist verständlich, dass Andreas Litzbach in seiner 80‑seitigen Untersuchung Real Niggaz Don’t Die – Männlichkeit im Hip Hop nur einen Einblick in das Lebensgefühl und die Attitüden des Hip Hop und der Künstler geben kann. Von der Fragestellung ausgehend, inwiefern sich im Hip Hop ein übersteigertes Männlichkeitsgefühl oder Sexismus manifestiert, nähert sich der Autor aus soziologischer Sicht dessen Ursprüngen und Erscheinungsformen an.

Einleitend gibt er einen Überblick über die vier Basiselemente des Hip Hop. Dabei legt er seine Schwerpunkte besonders auf den Wettkampfgedanken und die in den 1980ern frisch entstandene Gegenbewegung zur Pop‑Kultur, die sich völlig neue Ausdrucksformen aneignete. Wenn man bedenkt, dass Hip Hop in den Vierteln entstand, die von Armut und Kriminalität geprägt sind, ist es naheliegend, dass sich konkurrierende Künstler nichts schenken und es auch zu Gewalt kommt. Die Idee der Battles ist dafür ein ganz bezeichnendes Beispiel.

Neben Genres wie dem Party‑Rap, wie ihn Will Smith verkörpert, entwickelten sich Genres wie z. B. der Gangsta-Rap (Public Enemy) oder Polit‑Rap (engl.: conscious Rap; Dead Prez, Mos Def). Auf den Gangsta‑Rapper geht der Autor in seiner Untersuchung besonders ein, da sich vor allem dieser als „einsamer Krieger, der typische Mann der Straße“ darstellt. Bei all diesen Kategorien sollte man nicht vergessen, dass die Grenzen fließend oder eigentlich fast nicht vorhanden sind. 2Pac wäre seinen Texten nach zu urteilen eher eine Mischung aus allen Formen und auch von Public Enemy gibt es Lieder zum Feiern. Da Hip Hop aus vielfältigen Kunstformen besteht, lebt man als leidenschaftlicher Hip Hopper nicht nur eine davon. Viele DJs rappen oder sprühen, ebenso wie sich Sprayer in der Musikbranche beweisen.

Weiter geht Litzbach auf die Ursprünge der sprachlichen Kultur ein, die in den Rap‑Texten Ausdruck findet und beschreibt diese als eine orale Kultur, in der Rhythmus, Reim und Sinnlichkeit eine größere Rolle spielen als in schriftlich geprägten Kulturen. Das kämpferische Element ist auch hier eines der Merkmale, auf die der Autor verweist. Bezogen auf den Körper, der als Ausdrucksmittel unverzichtbar ist, werden Themen wie die Soziologie des Körpers und dessen Einsatz in der Performance aufgegriffen. Auch hier werden theoretische, geschichtliche und kulturelle Besonderheiten erläutert.

In der wissenschaftlichen Darstellungsform liegt der Schwerpunkt auf dem Männlichkeitsideal, das sich besonders in Songtexten und in der Präsentation des eigenen Körpers erkennen lässt. Dieses Ideal wird von den Gangsta‑Rappern oft in übersteigerter und aggressiver Form angestrebt. Songzitate von Crews wie N.W.A. oder Public Enemy sowie bildliches Anschauungsmaterial sind als Quellen gut geeignet und authentisch. Der Spielraum für aktuelle Bezüge und Beispiele aus anderen Stilrichtungen bleibt dabei leider begrenzt.

Andreas Litzbach gelingt es, über seiner Kritik am Machismo hinaus die Geschichte und Werte des Hip Hop zu beleuchten und soziologische Fragen in Bereichen wie Musik‑, Sprach‑ und Körperkultur zu beantworten. Wer schon immer mal wissen wollte, welche gesellschaftlichen Ursprünge der Hip Hop‑Kultur zugrunde liegen und was einen „real Gangsta“ ausmacht, sollte sich auf jeden Fall Real Niggaz don’t die beschaffen. Die Diskussion war oftmals von einer moralischen Entrüstung geprägt, und Rap wurde zum Signifikant(en) für die Folgen ungelöster politischer Probleme. So wurde nicht der Verfall der urbanen Zentren und die ökonomische Benachteiligung der afroamerikanischen Bevölkerung diskutiert, sondern, wie diese Probleme im Rap repräsentiert wurden.

„Die Diskussion war oftmals von einer moralischen Entrüstung geprägt, und Rap wurde zum Signifikant(en) für die Folgen ungelöster politischer Probleme. So wurde nicht der Verfall der urbanen Zentren und die ökonomische Benachteiligung der afroamerikanischen Bevölkerung diskutiert, sondern, wie diese Probleme im Rap repräsentiert wurden.“

Julia Dalmer

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s