Der Junge von nebenan

Martin Büsser
Der Junge von nebenan
Verbrecher Verlag 2009
100 Seiten
14,00 €

1162_LIllustrierte Erzählung, Graphic Novel oder irgendwo dazwischen: Der Junge von nebenan ist der Titel der ersten und leider auch letzten fiktionalen Erzählung von Martin Büsser. Gewidmet „all jene[n], die nie Männer werden wollen oder es geschafft haben, nie Männer zu werden“, ihre Hauptfigur ein Junge in den 1970er Jahren zwischen Erwachsenwerden, Coming out und der Ohnmacht gegenüber den Eltern. Während diese sich für den Kampf im Untergrund entscheiden, beginnt für den Jungen der Kampf mit der eigenen Sexualität. Vom 18. Stockwerk hinabblickend in eine „unbestimmte Zukunft“, voller „Liebschaften, Möglichkeiten“ und „wie auch immer geratene Wege“. Nachdem Mutter und Vater verfolgt, gefunden und „in der spektakulärsten Polizeiaktion des ausgehenden 20. Jahrhunderts“ erschossen werden, kommt der Junge zu den Großeltern. Dort träumt er von Berlin, der einzigen Stadt, die groß genug ist und deren Sprache er spricht. Um der Tristesse zu entkommen, flüchtet er in Fantasiewelten und entdeckt Literatur, Politik und Popmusik.
Die Coming of Age Story reißt nicht nur queere Diskurse und Identitätssuche an, sondern thematisiert auch ganz nebenbei ein Stück BRD Geschichte, wunderbar naiv und zugleich entlarvend ehrlich und direkt. In seinen Zeichnungen pflegt Büsser einen bewussten Dilettantismus, eine Art D.I.Y. Ästhetik, rotzig, unfertig und simpel. Mit wenigen Sätzen und schlichten Zeichnungen geht die Geschichte nah, durch die Einfachheit der Dinge, das Minimalistische. Martin Büsser hat das „offenste aller offensten Bücher“ geschrieben. Als ob er sich mit diesem Werk verabschieden wollte. Das ist ihm fürwahr gelungen. Er wird fehlen.

Martin Büsser ist im September 2010 gestorben. Er schrieb unter anderem für das ehemalige Punk Hardcore Fanzine Zap, für die Intro und Konkret. Er war Mitbegründer und Herausgeber des Mainzer Ventil Verlags und der Buchreihe testcard, außerdem Musiker, Autor, Theoretiker und einiges mehr. Roger Behrens schrieb über ihn: „Pop war ihm mehr als Musik, Musik mehr als Pop – es ging um Gender, Filme, Comics, Fernsehen, Romane, Nationalismus, D.I.Y., es ging ums Ganze.“

Leyla Dewitz

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

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Jesus Freaks & Sister Freaks

Dc talk/Voice of the Martyrs (Hg.)
Jesus Freaks – Berichte von Menschen, die bereit waren, für ihren Glauben bis zum Äußersten zu gehen
Gerth Medien GmbH 2009
320 Seiten
9,99 €

Rebecca St. James
Sister Freaks – Berichte von jungen Frauen, die bereit waren, für Gott bis zum Äußersten zu gehen
Gerth Medien GmbH 2010
256 Seiten
9,95 €

jesEingeleitet wird das Buch mit vier Vorwörtern, unter anderem von dem Vorsitzenden der deutschen freikirchlichen Gemeinde der Jesus Freaks. Der Hauptteil des Buches besteht aus kleinen Geschichten von Christen, die wegen ihres Glaubens verfolgt, eingesperrt, gefoltert oder sogar ermordet wurden. Da ist zum Beispiel ein chinesischer Arbeiter, der Ende der 1990er im Gefängnis war und gefoltert wurde, weil er eine protestantische Kirche errichten wollte. Die Geschichte von Patrick Hamilton wird erzählt, der 1527 versuchte, den Protestantismus in Schottland zu verbreiten und deshalb von der katholischen Kirche zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wurde. Oder es wird von Mary Khoury berichtet, ihre Familie wurde während des libanesischen Bürgerkrieges von Moslems umgebracht, weil sie nicht zum Islam konvertieren wollten. Sie selbst überlebte, jedoch mit gelähmten Armen. Auch die Leidensgeschichten einiger Apostel werden auf dieselbe Art beschrieben. Nach diesen Erzählungen findet sich meist ein Bibelvers oder es wird gefragt, ob man genauso mutig für Jesus eintreten würde.1995 veröffentlichte die christliche Band dc talk ihr Album Jesus Freak. Im gleichnamigen Lied betonten sie, dass es sie nicht interessiere, wenn sie manche Menschen Jesus Freaks nennen, denn eigentlich sind sie stolz darauf. Jesus Freaks seien nur Menschen, die ihr ganzes Leben Jesus widmen und keine Gelegenheit verpassen, die christliche Botschaft zu verbreiten. 1999 veröffentlichten sie zusammen mit „Voice of the Martyrs“, einer Organisation, die weltweit auf die Verfolgung von Christen aufmerksam macht, das Buch Jesus Freaks, das Geschichten von eben solchen Christen enthält.

Diese Fragen sind berechtigt, da Leser, die nicht in gleicher Weise vom Christentum begeistert sind, sicherlich eine zunehmende Skepsis und Ablehnung beim Lesen erfahren werden. Die Skepsis ist nicht unbegründet, da viele der Geschichten, ganz abgesehen von den immer wieder auftauchenden Wundern, Engel‑ und Christuserscheinungen, stark übertrieben und idealisiert dargestellt werden. Wir erfahren von letzten Worten und Gedanken dieser Jesus Freaks, bevor sie einsam sterben und einige Geschichten, wie die erste über ein Mädchen, das im Columbinemassaker starb, sind sogar schlicht falsch.

Ablehnung werden viele Leser sicherlich gegenüber der stark evangelikalen Sprache und Sichtweise empfinden. So werden im letzten Teil des Buches Länder beschrieben, in denen Christen verfolgt oder unterdrückt werden und dies mit einem zum Teil abfälligen Ton. Den Herzen der Menschen in Katar wird beispielsweise nachgesagt, so traurig wie ihre Wüstenlandschaft zu sein, weil es dort bis 1980 keine Christen gab. Dies setzt sich in den Geschichten fort. Die Peiniger werden stets als Menschen beschrieben, die entweder das Foltern und Töten genießen oder später selbst Christen werden. Auch sonst sind die Fronten klar verteilt: Kommunisten, Moslems und, für amerikanische Evangelikale nicht unüblich, Katholiken sind diejenigen, die alle verfolgen, die die Wahrheit der Bibel verbreiten und die Worte von Jesus verkünden. Religiöse Toleranz sucht man hier vergeblich und auch die Protagonisten entsprechen durchgängig den konservativen amerikanisch‑evangelikalen Vorstellungen eines Christen, der sein Leben, wenn möglich nach einem Erweckungserlebnis, voll und ganz Jesus unterwirft.

sisDas Buch Sister Freaks folgt im Grunde demselben Muster, wenn auch mit weniger dramatischen und blutigen Geschichten. Ähnlich wie bei Jesus Freaks ist die Autorin Rebecca St. James eine bekannte Größe in der evangelikalen Musikszene Amerikas. Auch hier werden bekannte und ältere Geschichten, wie die der Johanna von Orleans, Klara von Assisi oder Katharina von Bora, der späteren Frau Luthers, mit modernen gemischt. Wie schon bei Jesus Freaks ist jeder Geschichte ein Bibelzitat angehängt, aber hier ist das Buch in zwölf Wochenabschnitte eingeteilt, die jeweils vier oder fünf Erzählungen enthalten und eine Reihe von Fragen an den Leser.

Dieses Mal geht es jedoch seltener um Verfolgung und Märtyrertod der jungen Frauen, die zumeist Teenager oder Mittzwanzigerinnen sind. Es wird von Mädchen erzählt, die nach einem Autounfall oder während einer Krebserkrankung zu Jesus finden. Die darin liegende Ideologie ist jedoch dieselbe, mit Wunderheilungen und Gott, der immer wieder zu den jungen Frauen spricht. Die ungläubigen Mädchen sind promiskuitiv, haben Abtreibungen, nehmen Drogen, trinken Alkohol und sind unglücklich, bis sie zu Jesus finden und ein glückliches und moralisches Leben führen. In einigen Momenten nimmt dies für den Außenstehenden schon fast zynische Züge an, wenn z. B. der Tod eines Babys den Vater endlich zu Gott gebracht hat.

Obwohl sich die Geschichten beider Bücher schnell und einfach lesen lassen, wird die tatsächliche Zielgruppe in Deutschland doch eher klein sein. Beide richten sich an junge, konservative evangelikale Christen, denn dem aufgeklärten und liberalen Christen Europas dürften die Bücher genauso oft ein ungläubiges Kopfschütteln abverlangen wie einem Atheisten. Wer einen Einblick in das Weltbild dieser Christen erhalten will, kann es hier versuchen, aber als Konfirmationsgeschenk ist es ungeeignet, da es keine religiöse Toleranz vermittelt, sondern eine rein schwarz‑weiße Welt zeichnet.

Florian Klein

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Alternativmedien

Bernd Hüttner/Christiane Leidinger/Gottfried Oy (Hg.):
Handbuch Alternativmedien
Verlag AG SPAK 2010
280 Seiten
22,00 €

titel2011Dieses Buch ist ein Nachschlagewerk der besonderen Art: Zunächst bietet es, sorgsam zusammengetragen, um die 1000 Adressen zum Thema Alternativmedien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, davon etwa 700 von Zeitungen und Zeitschriften und weitere 300 von Verlagen, freien Radios und Archiven. Damit gibt es einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der deutschsprachigen alternativen Medienlandschaft, die aufgrund ihres permanenten Wandels sonst schwer zu fassen ist. Hilfreich sind dabei die verschiedenen Register, welche die Adressen nach Sachgebieten, Orten und alphabetisch ordnen. Zudem ergänzen Print‑ und Online‑Literaturhinweise diesen praktischen und informativen Teil des vorliegenden Bandes. Die dazugehörige Datenbank der Alternativmedien wird ständig aktualisiert und lädt auch zu Korrekturmeldungen ein.

Der redaktionelle Teil beinhaltet 15 Beiträge aus diversen Perspektiven, die über den thematischen Mainstream hinausgehen u. a. auf die Praxis alternativer Medien. Genderaspekte werden von Elke Zobl anhand ihrer Forschung zu feministischen Fanzines ebenso wie von Anne Frisius zu feministischer Videoarbeit und Manuela Kay zum Magazin L‑MAG aufgegriffen. Weitere Beiträge aus sonst marginalisierten Feldern beschäftigen sich mit der von Menschen mit Down Syndrom hergestellten Zeitschrift Ohrenkuss oder auch mit neuen Möglichkeiten zu antirassistischer Arbeit anhand des Senders Kanak TV. Über Fussballfanzines alternativer Fan‑Initiativen berichtet Stefan Hebenstreit und eine kritische Auseinandersetzung mit der Medienarbeit der Partei Die Linke liefern Mitherausgeber Bernd Hüttner und Christoph Nitz. Eher theoretischen Aspekten widmen sich die Artikel von Marisol Sandoval, die zu einer Neudefinierung des Begriffes der Alternativmedien auffordert oder Jeffrey Wimmer, der den Umgang dieser Medien mit ihren ökonomischen Grundlagen thematisiert.

In der breiten Öffentlichkeit werden alternativen Medien zumeist kaum wahrgenommen und auch in den Sozialen Bewegungen ist ihre Relevanz umstritten. Diesem Umstand Abhilfe schaffend, bietet das Handbuch eine gelungene Hilfestellung für alle, die Inspirationen und Informationen abseits der ausgetretenen Pfade suchen und offen für Ideen jenseits des kulturellen Mainstreams sind.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Allmächtiger!

Andreas C. Knigge
Allmächtiger! – Hansrudi Wäscher. Pionier der deutschen Comics
Edition Comics 2011
496 Seiten
49,90 €

97ad9ab02000d01816dccdd07c33cc73_0042057Andreas C. Knigge, bekannt als Comicexperte seit den 1970er Jahren und Mitbegründer des legendären Comicmagazins „Comixene“, setzt sich auf 496 Seiten mit der deutschen Comiclegende schlechthin – Hansrudi Wäscher – auseinander. Um es vorweg zu sagen: Es ist ein großartiger Band über die Frühzeit des deutschen Comics geworden. Knigge ging auf Spurensuche, recherchierte eifrig die vorhandene Literatur und veranschaulicht neben dem Leben von Hansrudi Wäscher, der 1928 in St. Gallen in der Schweiz geboren wurde, gleich die Schwierigkeiten der „Heftchenliteratur“ in Form von Piccolos und Großbänden in den 1950er Jahren mit. Vieles erfahren wir von den Produktionsbedingungen, unter denen Hansrudi Wäscher beim Walter‑Lehning‑Verlag arbeitete und für diesen Serien schuf, die heute noch sehr beliebt sind. Helden wie Sigurd, Nick – der Weltraumfahrer, Tibor und Falk. Aber wir erfahren auch von den Schwierigkeiten, die Hansrudi Wäscher beim Konkurs des Verlages hatte. Letztendlich landete er beim Bastei‑Verlag und arbeitete hier bei den Serien Buffalo Bill und den Gespenstergeschichten mit. Zu großen Ehren führte ihn dann ein weiterer Verleger, Norbert Hethke, der ihn in der Fanszene bekannt machte und zahlreiche neue Projekt mit ihm auf den Weg brachte. Es ist aber mehr als die Geschichte eines Autors, die in dem Buch gewürdigt wird. Knigge hat innerhalb kürzester Zeit alle Wäschercomics gelesen und die Geschichten in ausführlichen Serienporträts und mit einer umfangreichen Bibliografie gewürdigt.

Werner Fleischer

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

We Love Magazines

Andrew Losowsky (Hg.)
We Love Magazines
Gestalten 2007
392 Seiten
35,00 Euro

magThe sincerity of the title of We Love Magazines is certainly confirmed in the views of the numerous writers who have come together to produce this book. Throughout the book it is obvious that the authors, journalists, and magazine creators are very proud of the impact that the magazine industry has had on the world. A lot of love and care has been given to the production of We Love Magazines as it takes an in‑depth look into the different aspects of the magazine industry in an attractive and eye catching fashion.

We Love Magazines looks at the varying techniques and substantial effort needed to produce a high quality magazine which will succeed in the congested market. The importance of the content, cover and design are all explained. The detailed analysis of these aspects is easy to understand for a person not familiar with the magazine industry and is always interesting.

The book also charts the history of magazines and explores publications which broke the mould. In addition to this there are profiles of seven great moments in the history of magazine journalism from around the globe. The creators of various pioneering independent magazines are also interviewed in the book. The insight of people who have set up a variety of magazines is intriguing.

One of the finest qualities of the book is that it takes a global outlook at the magazine industry. We Love Magazines does not just concentrate on North America and Europe. Magazines from South America, Asia, Africa and Oceania are all profiled. It also devotes attention to mainstream brands and independent creations. However, it must be acknowledged that the book does concentrate more on independent magazines. It is obvious that a considerable amount of time has been taken researching magazines worldwide. This is a major strength of the book as it gives you an insight into the diversity of magazines produced by different cultures. At the end of the book a comprehensive catalogue of independent magazines from around the globe is provided.

The design of We Love Magazines is consistently good. The pictures and text compliment each other very well. The reader is kept interested by the unique style that the content is displayed. Ironically the section covering the work of magazine designers is probably the weakest chapter in the book. Twelve designers write about their experiences working on magazines. The articles have been jumbled up which makes it very long and tiresome to find and read.

We Love Magazines is a celebration of the magazine industry. Everyone who has contributed to this book obviously loves magazine culture. It is very biased in the celebration of magazines but it does not try to hide this fact. The book contains a lot of information and in-depth analysis of the magazine industry but is always enjoyable to read. The magazine industry constantly has to find new ways to modernise in this technological age. It will be interesting to see how magazines develop over the coming years.

Rhodri Lewis

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Wir haben keine Angst

Nina Pauer
Wir haben keine Angst – Gruppentherapie einer Generation
Fischer Verlag 2011
208 Seiten
13,95 €

u1_978-3-596-19155-0.24207469Katja Kullmann stieß im Sommer mit ihrem Buch Echtleben auf viel und positive Resonanz. Sie beschreibt darin eindringlich die soziale und mentale Situation der heute 30 bis über 40‑Jährigen aus den eher kreativen Berufen der neuen Selbständigkeit.

Die 28‑jährige Nina Pauer beschreibt nun genauso offen und stellenweise ironisch das Innenleben eines bestimmten Teils der jüngeren Generation, der der unter 30‑Jährigen. Diese in den 1980er Jahren geborenen Enkel der Wirtschaftswunderzeit hatten alles: gute Bildung, nette, hilfsbereite und pop‑sozialisierte Eltern und jede Menge Katastrophen, an die sie sich aber schnell gewöhnten. Kein Grund also Angst zu haben, denn die Katastrophen sind und waren immer woanders. Trotzdem haben die jungen Leute, so Pauer, eine Scheiß‑Angst. Angst zu versagen, Angst keine oder die falschen Freunde zu haben, Angst von wasauchimmer abgehängt zu werden. Darüber reden sie aber nicht. Die Angst wird unterdrückt. Pauer verarbeitet offensichtlich eigene Erlebnisse und hat in ihr Buch solche ihres Freundeskreises eingespeist.

Dies ist keines dieser Generationenbücher, die mittlerweile zuhauf erschienen sind. Es ist eher ein fragiler Versuch, am Beispiel von zwei ziemlich polarisiert und zugespitzt gezeichneten Charakteren, Bastian und Anna, die Tücken des (neoliberalen?) Selbstverwirklichungsregimes zu zeigen. Der Satz „alles ist möglich” ist da Versprechen und Fluch zugleich.

Anna steht kurz vor dem Burnout, sie will alles richtig machen, arbeitet zuviel, sieht, obwohl es ihr körperlich miserabel geht, gut aus und wirkt nach außen immer zufrieden. Sie gibt alles und verliebt sich selten, sie ist aber auch getrieben und fürchtet abgehängt zu werden, wenn sie etwas ändert. Bastian dagegen ist erst gar nicht Teil der Maschine, er kommt erst gar nicht dahin, von wo Anna schon wieder weg will. Er ist der sympathische und lethargische Loser, er gibt nichts, hat den Kopf voller Ideen, ist dauernd verliebt, fängt vieles an und bringt kaum etwas fertig. Bastian, das verkannte Genie, und Anna, die unter dem ihr zugeschriebenen Genie-Status leidet, haben Angst vor den Sonntagen. Denn dann kommt sie, meist unangemeldet und ohne etwas Nettes mitzubringen, zu Besuch: Die Sinnfrage.

Anna und Bastian sind Angehörige einer leicht verwöhnten Teilgeneration, die genug gesucht hat, die jetzt auch mal etwas finden will. Im Grunde sind das dann aber doch irgendwie family values also Sicherheit, Geborgenheit und rotbackige Kinder. All dies wird aber von der Unmenge an Selbstansprüchen erschwert, wenn nicht verunmöglicht: Beziehung leben, ohne langweilig zu werden, ohne sich selbst oder den anderen einzuschränken. Sich doch fest an jemanden binden und sich gleichzeitig weiter voll selbstverwirklichen. Bloß kein Durchschnitt oder gar langweilig sein. Daran kann man in the long run nur scheitern, und langsam merken sie es. Facebook ist auch keine Heimat, das haben diese Leute schon erkannt. Es erhöht den Kommunikationsstreß und den Zwang zur Selbstdarstellung und ‑vermarktung. Diese Generation ist anscheinend die erste, für die die eigenen Eltern wirklich Vorbilder sind.

Und was ist mit der Politik? Zu der wahrt man und frau Distanz, diese Generation ist eher still. Sie ist im postmodernen anything goes etwas durcheinander geraten und hat dabei eine Sichtweise kultiviert, die jedes ernsthafte politische Statement unter Pathos‑Verdacht stellt. Was man tun könnte, weiß sie auch nicht.

Blind ist das Buch da, wo Pauer davon ausgeht, dass das „wir”, das sie benutzt, für alle ihrer Alterskohorte gleich zutreffend ist. Nein, es haben nicht alle ein iPhone und Akademikereltern, nein, es haben nicht alle Eltern unbegrenzt Geld und es ist auch nicht jede_r bei Facebook.

Für die gleichaltrigen ist das angenehm unzynische Buch vermutlich deshalb interessant, weil es, wie das von Kullmann, vieles anspricht und damit öffentlich macht, was sonst nie oder höchstens mit der besten Freundin angesprochen wird.

Für die älteren, also diejenigen, die ihre erste Zigarette rauchten oder ihren ersten Stein warfen, als Nina Pauer geboren wurde, ist es ebenfalls zu empfehlen. Es zeigt viel vom Denken und Fühlen dieser Teilgeneration. Pauer zeigt keine Lösung auf, wie Anna oder Bastian sich und ihre Situation ändern könnten. Aber dass sie sich ändern muss, ist klar und das ist dann irgendwie wieder Politik, möchte man hinzufügen …

Bernd Hüttner

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Echtleben

Katja Kullmann
Echtleben – Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben
Eichborn Verlag 2011
256 Seiten
17,95 €

www.katjakullmann.de

978-3-8387-2335-8-Kullmann-Echtleben-grossNein, der Bezug von Hartz IV war nicht vorgesehen im Lebensplan von Katja Kullmann. 2002 schrieb sie mit Anfang 30 den Bestseller Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein und war danach eine erfolgreiche Journalistin. Sie war eine Angehörige derjenigen zwischen 1965 und 1980 geborenen, die sich für ihr Leben Weitsicht und Würde, Coolness und Dissidenz, Innovation, Emanzipation und Freiheit vorgestellt und auch eine ganze Weile gelebt hatten. Selbstverwirklichung war ihr zentrales Credo.

Aber irgendetwas ging schief. Die Mieten wurden immer teurer, die Honorare sanken, Konkurrenz und Mißtrauen schlichen sich in die Freundschaften ein. Einige konnten ihre Armut nicht mehr so gut verstecken, andere lebten mit Mitte 30 vermutlich immer noch von ihren Eltern, worüber sie selbstverständlich schwiegen. Die Mitte, von der man fälschlicherweise annahm, zu ihr zu gehören, war keine bunte Hüpfburg mehr, sondern ein umkämpftes Floß. 2008 ist es soweit. Kullmann ist pleite und bezieht für ein Jahr Hartz IV.Nein, der Bezug von Hartz IV war nicht vorgesehen im Lebensplan von Katja Kullmann. 2002 schrieb sie mit Anfang 30 den Bestseller Generation Ally. Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein und war danach eine erfolgreiche Journalistin. Sie war eine Angehörige derjenigen zwischen 1965 und 1980 geborenen, die sich für ihr Leben Weitsicht und Würde, Coolness und Dissidenz, Innovation, Emanzipation und Freiheit vorgestellt und auch eine ganze Weile gelebt hatten. Selbstverwirklichung war ihr zentrales Credo.

Der Wunsch nach Selbstverwirklichung wurde nicht nur für sie zum Fluch, kreativ war nun jeder, und es wurden immer mehr. Die coole Selbstgestaltung wurde zur Selbstoptimierung, ausgerichtet an von anderen gesetzten Maßstäben und darüber zunehmend zur Sisyphosarbeit. Die durch den Einsatz von Bildung versprochene Sicherheit, von Aufstieg wollen wir gar nicht reden, erwies sich als Illusion. Im Prekariat der Text- und Wissensarbeiter der kreativen Branchen ging und geht die Statusangst um. 4,2 Millionen Solo‑Selbständige gibt es, Tendenz steigend. Der Durchschnittsverdienst der Angehörigen der Künstlersozialkasse beträgt 12 bis 15000 Euro, pro Jahr. Solche Zahlen, wie etwa zur Reichtumsverteilung, streut Kullmann immer wieder in ihre autobiographische Erzählung ein, und holt sie damit auf eine zweite Weise zurück in das Deutschland der Nullerjahre. Kullmann und die Leute über die sie schreibt, sind keine Neoliberalen, aber auch keine Linken. Sie nahmen die Herausforderungen des Neoliberalismus ernst. Nun stellen sie fest, dass sie am Rande stehen und womöglich gar von Armut bedroht sind. Gleichzeitig haben die unheimlich alt aussehenden Jungen, wie etwa Guttenberg oder Kristina Schröder nie privat irgendetwas riskiert oder gar Unternehmergeist gezeigt, sie haben sich schlicht und ganz wie in den 1950ern hochgedient.

Hartz IV macht klein, schreibt Kullmann. Kurz nachdem die Aufforderung eintrifft, sie müsse ihre zu große Wohnung aufgeben, gewinnt sie im übertragenen Sinne im Lotto und bekommt einen Leitungsjob in einem, wie sie es nennt „Shopping‑Luder‑­Magazin“. Pragmatisch sagt sie sich: Ich bin nicht mehr jung und brauche das Geld – und zieht von Berlin nach Hamburg. Dort macht sie erstaunlich gute Erfahrungen, trifft nette und solidarische Kolleginnen („keine wäre je auf die Idee gekommen, sich das Magazin, das wir produzierten, freiwillig am Kiosk zu kaufen“). Als dann eine Kündigungswelle über den Verlag rollt, die sie selbst zwar verschont, kündigt sie aber trotzdem – um das zu tun, was sie gut kann, Haltung bewahren.

Kullmanns Buch wird überall empfohlen und bejubelt. Zurecht, denn es ist eine spannend zu lesende Sozialdiagnose über ein bildungsstarkes Milieu, das nun auf dem Boden der Tatsachen angekommen ist. Sie schreibt sehr ehrlich, auch wenn sie als Autorin eines solchen Buches, das selbstredend Teil dessen ist, was sie kritisiert, zu den Gewinnerinnen gehört, zumindest im Moment. Es gibt ausgesprochen lustige Passagen und viele, die traurig stimmen. Man erfährt, dass nicht Unentschiedenheit das Problem dieser Leute ist, wie ihnen oft vorgeworfen wird, sondern die Ballung von Entscheidungen. Man liest einiges darüber, wie die sich sehr reflektiert fühlenden Freunde nicht in der Lage sind, über ihre Situation zu reden, ja, wie stark die Ökonomie oder auch die eigene Klassenherkunft deren Verhalten prägt. Man kann sogar das Bedürfnis nach Normalität verstehen, das die Autorin empfindet. Kullmanns Buch macht deutlich: Es gibt Eigensinn in und Solidarität zwischen den Menschen. Diese aber sind klein und permanent gefährdet, sie müssen gepflegt werden, und oft sind sie versteckt. Sie können durch Offenheit und Zusammenhalt wachsen. Das müssen viele aus dieser Generation erst lernen, und das wäre dann auch ein spannendes Thema für Gewerkschaften und linke Parteien.

Bernd Hüttner

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Vom „Techno‑Underground“ zum Recht auf Stadt

von Max Lill (aus dem Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Hedonistische Szenen und urbane soziale Bewegungen in der großen Krise

Unter dem Slogan „Recht auf Stadt“ sind in den letzten Jahren weltweit neue Grassroots‑Bewegungen entstanden. Es ist anzunehmen, dass ihre Bedeutung in der absehbaren Zuspitzung der Krise des neoliberalen Finanzmarktkapitalismus weiter zunehmen wird. In Berlin werden die stadtpolitischen Mobilisierungen unter anderem von jungen Menschen aus dem Umfeld der (post‑)autonomen Linken und der (Techno‑)Clubkultur getragen. Die basslastigen Proteste gegen das Stadtentwicklungsprojekt „Media Spree“ oder die Aktionen rund um das Tempelhofer Flugfeld entfachten eine Debatte über das Verhältnis von sozialer Bewegung und hedonistisch geprägter Szenepraxis – ein in der Jugendkultur‑ wie der Bewegungsforschung stark vernachlässigtes Thema. Wie lassen sich die neuen Koalitionsbildungen in die Geschichte der Neuen Sozialen Bewegungen und ihres subkulturellen Umfeldes seit 1968 einordnen? Und wie kann aus der Verteidigung alternativer Nischen ein Beitrag zum Aufbau eines gegenhegemonialen Projektes werden?

Soziale Bewegungen in der Krise des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus

Ein neuer Zyklus sozialer Bewegungsproteste hat begonnen. Zwar wurde der „arabischen Frühling“ hierzulande zunächst noch überwiegend als regionales Phänomen wahrgenommen und allein aus „inneren“ Ursachen erklärt. Seit aber mit der Euro‑ und Schuldenkrise die Welle der Massenproteste über die europäischen Festungsmauern geschwappt ist, wird es immer schwieriger, den fundamentalen Charakter der Gesellschaftskrise zu leugnen. Die Ausläufer der seit dem weltwirtschaftlichen Schock der Lehman‑Pleite 2008 auf allen Kontinenten verstärkt auftretenden Sozialproteste branden zwar erst zaghaft bis nach Deutschland, das als neoliberaler Musterschüler bisher noch eine Sonderstellung „genießt“. Vieles spricht jedoch dafür, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich das ändert.

Dabei zeichnet sich eine politische Polarisierung ab: Einerseits erleben wir einen Aufstieg rechtspopulistischer Parteien, eine Renaissance nationaler Chauvinismen und ein Leerlaufen der über Jahre hinweg ausgehöhlten Institutionen der bürgerlichen Demokratie. Andererseits kommt es zu einer Ausweitung sozialer Protestmobilisierungen mit politisch diffuser, aber überwiegend basisdemokratischer Orientierung und (angesichts des desolaten Zustandes linker Parteien) schwacher bis nicht vorhandener parlamentarischer Repräsentation.

Für definitive Aussagen über den Charakter und die Perspektiven der neuen Protestbewegungen ist es sicher noch zu früh. Bewegungen sind lernende und hoch dynamische Handlungszusammenhänge. In ihren Expansionsphasen und ihrem weiteren Verlauf schaffen sie neue Bedingungen des politischen und sozialen Kampfes, die sich vorab weder prognostizieren noch steuern lassen. Das gilt erst recht, wenn sie Teil einer übergreifenden Krisendynamik sind, die in den einzelnen Milieus und sozialen Feldern zunächst verstreut entlang heterogener Widersprüche aufbricht und deren systemischer Charakter nur schrittweise deutlich werden kann.

In Deutschland sind die Anlässe und Konjunkturen der Proteste meist noch thematisch und lokal begrenzt. Ihr Schwerpunkt liegt bisher vielfach jenseits der Lohnarbeit und des öffentlichen Sektors, von denen die Schockwellen der Krise wesentlich ausgehen. Das gilt etwa für die seit 2009 verstetigten Netzwerke gegen Gentrifizierung und für ein „Recht auf Stadt“ (vgl. Holm/Gebhardt 2011). Sie treten zwar, ähnlich wie die Occupy‑Proteste, in fast allen Weltteilen auf, schließen aber in der Regel direkter an lebensweltliche Erfahrungen der Menschen an. Ihre Hauptstoßrichtung hat sich vor allem in Hamburg und Berlin jüngst verschoben: Von der Verteidigung subkultureller und künstlerischer „Freiräume“ auf eine Thematisierung der sozialen Frage. Vor allem die Mietsteigerungen und Verdrängungsprozesse in den Innenstadtbezirken der Metropolen rücken ins Zentrum der neu entfachten Debatte. Die Kritik richtet sich etwa gegen die Deregulierung des Immobilienmarktes, die Privatisierung und Kürzung im sozialen Wohnungsbau oder die zunehmende Kommerzialisierung und Überwachung des Stadtraumes.

Die Prämissen neoliberaler Stadtpolitik werden damit zunehmend grundsätzlich in Frage gestellt. Auch die expliziten Bezugnahmen auf die Krise des finanzmarktgetriebenen Kapitalismus nehmen zu. Die neu entstandenen Koalitionen, die Mieterinitiativen, selbstständige Kulturunternehmer_innen und sogar Kleingärtner_innen einschließen, sind sozial heterogen und reichen deutlich über den Kreis der „üblichen Verdächtigen“ hinaus. Zudem kommt es auch zu konstruktiven Diskussionsprozessen quer zu den Lagern kritischer Raumwissenschaft, Bewegungslinker und der Partei DIE LINKE (vgl. Holm/Lederer/Naumann 2011). Eine Vernetzung mit Arbeitskämpfen und eine Mobilisierung sozial marginalisierter Gruppen, etwa von Arbeitslosen und Menschen aus migrantisch geprägten Milieus, gelingen bisher aber bestenfalls in Ansätzen (anders als beispielsweise im Rahmen des US‑amerikanischen „Recht auf Stadt“‑Bündnisses). Dies zu ändern, ist eine entscheidende politische Herausforderung für die urbanen sozialen Bewegungen.

Junge, modernisierte Bildungsmilieus zwischen Protest, Prekarisierung und Hedonismus

Auch wenn die weitere Entwicklung noch offen ist, eines lässt sich schon jetzt sagen: Die Mehrheit der Krisen‑Proteste in Europa wird (sieht man von gewerkschaftlichen Kämpfen ab) überproportional stark von jungen Menschen mit hoher Bildungsqualifikation getragen. Darin zeigt sich eine Kontinuitätslinie zu 1968 und den Neuen Sozialen Bewegungen. Auch deren ehemalige Protagonist_innen, inzwischen überwiegend etabliert und als „Ökobürger“ lange Lieblingsfeinde der jüngeren und oft radikaleren Aktivist_innen, artikulieren heute wieder zahlreicher ihre Empörung – sei es in Stuttgart, Gorleben oder Frankfurt (oder auch im Rahmen von attac). In Hamburg, wo das bisher erfolgreichste „Recht auf Stadt“‑Bündnis existiert, spielen zudem einstige Hausbesetzer_innen und Autonome im mittleren Alter zwischen ca. 30 und 60 Jahren eine wichtige, integrierende Rolle (vgl. Füllner/Templin 2011, S. 94).

Der sozial‑kulturelle Hintergrund dieser drei Protestgenerationen weist Ähnlichkeiten auf. Früher nannte man sie etwas unpräzise die „neuen Mittelschichten“. Heute lässt sich ihre soziale Verortung auf der Grundlage differenzierter Milieumodelle genauer bestimmen, etwa im Anschluss an die Studien der Hannoveraner agis‑Gruppe um Michael Vester (vgl. Vester 2010 und Vester u. a. 2007).[i] Es dominieren enttraditionalisierte Bildungsaufsteiger_innen, häufig mit kleinbürgerlichem Elternhaus, die sich beruflich auf die expandierenden sozialen und kulturellen Dienstleistungssektoren mit ihrem hohen Potential zur Subjektivierung von Arbeit orientieren. Ihre Alltagskultur und Weltanschauung sind besonders oft durch emanzipatorische Werte wie Partizipation, Selbstverwirklichung und egalitäre Geschlechterverhältnisse geprägt. Diese „selbstverantwortlichen“ oder „avantgardistischen“ Milieus wachsen seit Jahrzehnten relativ konstant und zeichnen sich durch eine deutliche Affinität zu linken Positionen aus (vgl. Matuschek/Kränke/Kleemann/Ernst 2011).

Im Gegensatz zur bemerkenswerten Stabilität in den Wertorientierungen haben sich die sozialen Rahmenbedingungen der modernisierten Bildungsmilieus grundlegend gewandelt: Als Folge von Massenarbeitslosigkeit, Prekarisierung und wachsender Verteilungsungleichgewichte schrumpfen die „Mittelschichten“ (im sozio‑ökonomischen Sinne) seit Jahren wieder (vgl. Goebel/Gornig/Häußermann im DIW‑Wochenbericht 24/2010). Die sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufe sind von der Prekarisierung und den Kürzungen im öffentlichen Sektor überproportional betroffen. In zahlreichen europäischen Ländern steht schon heute ein großer Teil der jungen Akademiker_innen ohne greifbare Perspektive da. Man schlägt sich mit Gelegenheitsjobs und Praktika durch oder hängt weiter am finanziellen Tropf der Eltern. Mit der Eskalation der (Schulden‑)Krise und der Verschärfung von Sozialkürzungs‑ und Privatisierungspolitiken wird die Situation für viele nun rapide weiter verschlechtert und kollidiert mit den gewachsenen Ansprüchen auf Selbst‑ und Mitbestimmung.

Anders als die sozial ausgegrenzten Jugendlichen der sog. „Unterschichten“, die in den zurückliegenden Jahrzehnten eine brutale Deklassierung erlebt haben und deren Wut in den Vorstädten von London und Paris explodiert, verfügt das hoch qualifizierte, junge Prekariat über das nötige kulturelle und soziale Kapital, um sich zu organisieren und seinen Widerstand relativ differenziert zu artikulieren. Es ist international gut vernetzt und prinzipiell in der Lage, sich das vorhandene Wissen der kritischen Sozialwissenschaften über die Krisenursachen und die aktuellen Entwicklungen anzueignen. Ein Teil verfügt bereits über längere Protesterfahrungen innerhalb der globalisierungskritischen Bewegungen. Über Jahre hinweg hat man dazu beigetragen, einen kapitalismuskritischen Gegendiskurs aufzubauen, dessen Plausibilität derzeit selbst einem Frank Schirrmacher, einzuleuchten beginnt.[ii]

Dennoch erfasst der Protest bisher nur eine Minderheit der nachwachsenden Generation aus den modernisierten Bildungsmilieus. Die Jahre der neoliberalen Hegemonie haben deutliche Spuren hinterlassen: Die Konzentration auf das individuelle Fortkommen durch Leistung erscheint vielen noch immer Erfolg versprechender als soziale Organisierung. Und das Glücksversprechen einer individualisierten Eigentümergesellschaft mit autonomeren Arbeits‑ und Lebensbedingungen, das eine zentrale Grundlage der neoliberalen Hegemonie bildete, ist noch keineswegs ganz verblasst. Bei den höher Qualifizierten herrscht hierzulande trotz aller widrigen Umstände und der (bisher vornehmlich medial erlebten) Krisenprozesse noch immer überwiegend Optimismus hinsichtlich der persönlichen Perspektiven (vgl. Albert/Hurrelmann/Quenzel 2010).

Der größere Teil dieser jungen Menschen ist zwar nicht politisch desinteressiert oder per se angepasst, wie immer wieder gern unterstellt wird, schätzt aber die Chancen auf effektive Veränderung durch direktes Engagement (bisher wohl nicht ganz zu Unrecht) eher gering ein. Zudem ist man mehrheitlich nicht mehr bereit, sich in die zähen und ritualisierten Verfahren der etablierten Institutionen von Parteien, Gewerkschaften und Verbänden einbinden zu lassen. Dafür ist nicht nur der Widerwillen gegen jede Form verfestigter Autoritätsverhältnisse zu stark. Es fehlt in der Regel auch an der Bereitschaft zur Selbstentsagung in endloser, langweiliger Gremienarbeit. Politisches Engagement muss in partizipativen und flexiblen Formen stattfinden, es muss sichtbare Ergebnisse produzieren und der individuellen Kreativität Raum geben. Und nicht zuletzt: Es muss auch Spaß machen.

Damit wären wir beim schillernden Begriff des „Hedonismus“ – allem verinnerlichten Leistungsdruck zum Trotz eine der wirkmächtigsten Lebensphilosophien in den jüngeren Generationen (Vester u. a. 2007): Sinnlicher und ästhetischer Genuss im Hier und Jetzt statt Bedürfnisaufschub und protestantischer Verzichtsethik. Diese Haltung wird auch unter Bedingungen einer ständig weiter hochgeschraubten Wettbewerbs‑ und Verunsicherungsspirale eisern beibehalten – und sei es um den Preis eines radikalen Eskapismus mit nicht selten exzessivem Drogenkonsum. Die emotionalen Fluchtpunkte des Nachtlebens sind ebenfalls zunehmend bedroht: Teils angesichts der verschärften Prekarisierung, der ruppiger werdenden Alltagskultur und dem Zwang zur Selbstvermarktung, der die expressiven Energien in eine strategische Wettbewerbsrationalität hineinzwingt. Teils angesichts steigender Mieten und immobilienwirtschaftlicher Verdrängungsprozesse.

Berlin ist in dieser Hinsicht noch immer eine relative Oase in der Wüste gentrifizierter und festivalisierter Innenstädte, wie sie für die meisten Metropolen des Nordens inzwischen charakteristisch sind. Während die vitalen Szeneknotenpunkte etwa in London, New York oder Paris bereits zu großen Teilen ausgetrocknet und von kommerziellen Raumnutzungen verdrängt worden sind, ist Berlin mit seiner alternativen Clubkultur, seinen moderaten Mieten und Freiflächen zu einem regelrechten Wallfahrtsort für Hedonisten, Lebenskünstler und Unangepasste (vorwiegend aus den mittleren und modernisierten sozialen Milieus der westlichen Welt) geworden. Es ist daher der ideale Ort, um der Frage nachzugehen, inwieweit sich mit der gegenwärtigen Zuspitzung der Krisenprozesse eine Re‑Politisierung dieser zu „Szenen“ verflüssigten sub‑ und gegenkulturellen Räume abzeichnet.[iii]

Dialektik von Aktivismus und Expression als Erbe von 1968

Hinter dieser Frage steht folgende, hier im Anschluss an Stuart Hall formulierte, These: Die Neuen Sozialen Bewegungen waren seit 1968 immer von einer dialektischen Bewegung zwischen zwei Polen bestimmt: Einem aktivistischen und einem expressiven (vgl. Hall 1969, S. 198 ff., sowie Stamm 1988). Diese Dialektik reicht von der Folk‑ und Hippie‑Gegenkultur im Umfeld der Studentenbewegung, über die Alternativ‑ und Hausbesetzerbewegungen der 70er und 80er Jahre bis zur aktuellen Nähe zwischen stadtpolitischen Bewegungen, linker Szene und dem, was Anja Schwanhäußer mit Blick auf Berlin „Techno Underground“ nennt (vgl. Schwanhäußer 2010).[iv]

Diese Verbindung zwischen lebensweltlichen oder popkulturell‑avantgardistischen Experimenten und politischem Protest ist in den Jahrzehnten des Aufstiegs und Niedergangs des Neoliberalismus immer wieder überdeckt und (auch von den Akteuren selbst) oft polemisch gegeneinander gewendet worden. Wirklich abgerissen ist sie aber nie. Die charakteristische Politisierung der Reproduktions‑ und „Privatsphäre“ konnte nur auf dem Boden dieses alltagskulturellen Humus gedeihen. Die Bewegungen in der Nachfolge von 1968 waren damit Anzeiger und Katalysatoren eines umfassenden Strukturwandels der Öffentlichkeit, der in wachsenden sozialen Milieus zu einer verstärkten Einforderung von persönlicher Mitbestimmung in allen Lebensbereichen – vor allem auch der Arbeit und Politik – führt und der zugleich das öffentliche Leben mit subjektiven Bedeutungen auflädt und ästhetisiert (vgl. Lill 2011).

Die zahlreichen Wellen subkultureller und meist musikzentrierter Stil‑Innovationen zwischen den 1960er und 1980er Jahren, deren vielleicht letzte große Erfindung das Genre „Techno“ ist, projizierten immer neue Fassetten einer im Spätfordismus entfesselten Subjektivitätsentwicklung in alltagsästhetische Formen hinein. Sie schufen damit keineswegs nur neue performative Schablonen der Selbststilisierung, die sich kommerziell verwerten und in das neoliberale Versprechen der Selbstverwirklichung integrieren ließen. Sie kreierten vielmehr auch zahllose Imaginationen einer reicheren, lustvolleren Existenzweise, die über den frustrierenden Status Quo hinaus wiesen. Dies wird bis heute in unzähligen Revivals und Neukombinationen erinnert und teilweise neu belebt. Und bis heute bilden diese Alltagspraxen ein fruchtbares Hinterland für den Aktivismus eines Teils des hoch qualifizierten, jungen Prekariats. Eine breitere Mobilisierung der mehrheitlich um ihre Zukunftschancen betrogenen Erben der Neuen Sozialen Bewegungen setzt daher voraus, dass die Verbindung zwischen alternativer Öffentlichkeitsproduktion in lebensweltlich verankerten Szenekontexten und politischem Protest (wieder) bewusster reflektiert wird.

Als Vermittlungsglied zwischen dem aktivistischen und dem expressiven Pol der Bewegungsmilieus kann die Wiederentdeckung der sozialen Frage wirken. Sie bildet zugleich den entscheidenden Schritt zur Überwindung der lang gepflegten Borniertheiten einer relativ privilegierten Kultur- und Gesellschaftskritik, die sich sehr unterschiedlich äußern konnte: Etwa in einer Fixierung auf Identitätspolitik und kulturelle Distinktion oder einem Hang zur selbstzentrierten, radikalen Pose. Auch die Ablösung ökologischer von sozialen Fragen oder die pauschale Kritik der Arbeiterbewegung als „reformistisch“, autoritär und angepasst machte vor allem seit dem zweiten Protestzyklus der Neuen Sozialen Bewegungen am Übergang zu den 1980er Jahren breitere Bündnisse über Milieugrenzen hinweg schwierig.

Individuelle Entfaltungsansprüche gerieten im Zuge der „passiven Revolution“ des Neoliberalismus, die zum selben Zeitpunkt einsetzte, tendenziell in einen Gegensatz zu sozialer Solidarität. Allerdings kann die Konsequenz aus dieser Einsicht m. E. nicht sein, dass die alte „Sozialkritik“ nun die viel geschmähte „Künstlerkritik“ einfach ersetzt (vgl. Boltanski/Chiapello 2003). Vielmehr müssten beide Kritikformen in ihrer Widersprüchlichkeit bewusster aufeinander bezogen werden, statt sie miteinander zu verwechseln oder sie gegeneinander auszuspielen (vgl. in diesem Sinne zur „Recht auf Stadt“‑Bewegung auch Birke 2011).

Dazu müssen auch die kritischen Sozialwissenschaften ihren Beitrag leisten. Sie bilden, wenn man so will, den dritten Pol im Spannungsfeld der Neuen Sozialen Bewegungen. Diese Rolle wäre wieder ernster zu nehmen, statt sich in die verselbstständigte Spezialisierungslogik des ebenfalls ökonomisierten Wissenschaftsfeldes zu verstricken. Die jüngsten stadtpolitischen Proteste bilden hierzu eine gute Gelegenheit. Dies soll im Folgenden am Berliner Beispiel veranschaulicht werden.

Die „jungen Kreativen“ im Kampf um die Hegemonie

Berlin gilt als Welthauptstadt des Techno und Hochburg der „linken Szene“. Hier lässt sich das Wechselverhältnis beider Phänomene wie im Brennglas untersuchen. Erstaunlich ist, wie wenig das jenseits von szenespezifischen Internetforen und popjournalistischen Beiträgen bisher geschieht. Dass auf Berliner Antifa‑Partys mehr Techno als Punkrock gespielt wird, ist ja wahrlich keine Neuigkeit. Seit den 1990er Jahren und vor allem nach der Jahrtausendwende ist der Wandel in den vorherrschenden musikalischen Repräsentationsformen der linken Szene für alle Beteiligten unübersehbar. M. E. zeigt er einen tiefer liegenden Transformationsprozess an, bei dem die Grenzen zwischen der (ehemals) autonomen Hausbesetzerkultur und dem weiteren Feld der hedonistischen Clubkulturen immer fließender werden.[v]

Diese Konstellation ist hegemoniepolitisch durchaus brisant: Denn in der Berliner Techno‑Clubkultur und ihrem Schnittfeld mit der linken Szene finden sich besonders viele jener meist prekär, aber relativ selbstbestimmt arbeitenden Kleinstunternehmer_innen und Kulturarbeiter_innen, die mal als „neue Boheme“ idealisiert, mal wegen ihrer Neigung zu Selbstausbeutung und libertärer Ideologie kritisiert werden. Diese Gruppe spielt in den städtischen Selbstvermarktungskampagnen, die den Aufwertungs‑ und Verdrängungsprozess mitbefeuern, unter dem Schlagwort „creative class“ (Richard Florida) eine zentrale Rolle als Träger symbolischen Kapitals. Das gilt ganz besonders für Berlin, dürfte aber auch in Hamburg zur Konzessionsbereitschaft des Senats und dem enormen medialen Echo im Falle der Besetzung des Gängeviertels beigetragen haben (vgl. Füllner/Templin 2011).

Die „jungen Kreativen“ sind zugleich Pioniere der Gentrifizierung wie Träger des Protests dagegen. Außerdem sind sie Repräsentanten einer (scheinbar) geglückten Selbstverwirklichung durch autonome Arbeit, bei der Selbst‑Ökonomisierung, hedonistischer Genuss und persönliche Sinnproduktion unmittelbar ineinander greifen. Das bringt eine deutliche Anfälligkeit für neoliberale Alltagsmythen mit sich. Es macht aber auch für linke, auf Emanzipation gerichtete Positionen empfänglich, bei denen Mit‑ und Selbstbestimmung auch in der Erwerbsarbeit eingefordert (statt bloß autosuggestiv inszeniert) werden – vorausgesetzt die sozialen Grundlagen der eigenen Spielräume bzw. ihres Entzugs oder ihrer Verweigerung gegenüber anderen Gruppen werden sichtbar. Genau das passiert nun in Ansätzen und dürfte sich in der weiteren Zuspitzung der Krise verstärken. Mit Antonio Gramscis Worten ließe sich also argumentieren: Wenn diese Bastion im „Stellungskrieg“ um die gesellschaftliche Hegemonie fällt, dann sind erhebliche Geländegewinne für die progressiven gesellschaftlichen Kräfte möglich.

Die Sozialwissenschaften haben den Prozess der Verschränkung von linker Szene und hedonistischen (Techno‑)Clubkulturen dennoch lange verschlafen. Das gilt auch für die „kritischen“ und dabei besonders die materialistisch informierten Stränge der Bewegungsforschung, die aus dem Kontext der studentischen „Neuen Linken“ heraus entstanden sind und die innerhalb des Krisendiskurses eine bescheidene Renaissance erleben. Sowohl bei der Betrachtung der kulturellen Einbettung von Protestnetzwerken in alltagsweltliche Szenen und Milieus als auch bei der Analyse des (post‑)autonomen Spektrums im Speziellen bestehen noch immer große empirische Lücken.[vi] Verwunderlich ist diese Leerstelle angesichts der Tatsache, dass viele jüngere Protagonist_innen (meist im scharfen Gegensatz zu ihren älteren Mentor_innen) dem Szenegeschehen mindestens nahe stehen, manchmal sogar direkt Teil davon sind (zu möglichen Ursachen hierfür vgl. Haunss 2004, S. 15/40 ff.; Schmidt 2002; Lill 2011). Inzwischen lösen sich einige dieser Blockaden allmählich. Dazu dürfte die langfristige Tendenz zur Transformation der autonomen Gegenkultur in eine weniger klar konturierte „linke Szene“ beigetragen haben, deren Bündnisfähigkeit gegenüber anderen Spektren deutlich zugenommen hat.

Von den Autonomen zur „linken Szene“

Entstanden waren die Autonomen, die in der BRD besonders deutlich als eigenständiger Bewegungsflügel hervortraten, vor allem im Kontext der Anti‑AKW‑ und Hausbesetzerbewegungen seit Ende der 1970er Jahre (vgl. im Folgenden Geronimo 2002; Haunss 2005; Golova 2011). Sie knüpften an die Sponti‑ und Alternativ‑Bewegungen an und orientierten sich ideologisch an einer Rezeption des italienischen Operaismus, mit seiner Betonung des „subjektiven Faktors“ und der Notwendigkeit von Militanz, Sabotage und konsequenter Verweigerung. Vor dem Hintergrund der bereits Mitte der 1970er Jahre vertieften Polarisierung zwischen Außerparlamentarischer Opposition und der Mehrheitsströmung der Gewerkschaften, die unter der Regierung Schmidt korporativ in die Spar‑ und Industriepolitik eingebunden war, verschoben sich in den Protestmobilisierungen, die die Tendenzwende zum Neoliberalismus am Übergang zu den 1980er Jahren begleiteten, die Kämpfe und Debatten der Neuen Sozialen Bewegungen immer deutlicher auf den Reproduktionsbereich. In den Fraktionierungsprozessen, die das Abklingen des Bewegungszyklus begleiteten, kristallisierten sich die Autonomen als radikal gegenkulturell orientierte Strömung innerhalb des Bewegungsspektrums heraus. Daraus entstand ein, trotz der hohen Fluktuation der mehrheitlich sehr jungen Akteur_innen, relativ stabiles Bewegungsmilieu.

Politischer Ausgangspunkt war die anti-autoritäre Abgrenzung von den orthodox‑marxistischen K‑Gruppen, der in Gründung begriffenen „Grünen/AL“ sowie der Friedensbewegung. Zentrale Prinzipien waren: „Politik in der 1. Person“ (unmittelbare Betroffenheit statt Stellvertreterpolitik), dezentrale Basisdemokratie in allen Bereichen, Schaffung lokaler Gegenöffentlichkeiten und umfassend politisierter Lebenswelten sowie keine Kompromisse gegenüber „dem System“. Die Autonomen waren in sehr heterogenen Kämpfen präsent. Schwerpunkte lagen in den Feldern Antifaschismus, Hausbesetzungen, Internationalismus und Flüchtlingsarbeit. Nach innen war zudem stets eine radikale Kritik patriarchalischer Geschlechterverhältnisse grundlegend. Protest- und Abgrenzungssymbole, die das gesellschaftliche „Unten“ zitierten und provokativ gegen Normen wie Disziplin, Leistung und Bedürfnisaufschub gerichtet waren (besonders prominent im „Punk“) waren konstitutiv für den subjektivistischen Lebens‑ und Politikstil der Autonomen.

Politisch ließe sich der Beginn des langfristigen Öffnungsprozesses des linksradikalen Spektrums beispielsweise an der Gründung der postautonomen Gruppe „FelS“ (Für eine linke Strömung) oder „Avanti“ am Übergang zu den 1990er Jahren festmachen, auch wenn damit zunächst nur der verstärkt artikulierte Wille zur Überwindung der gegenkulturellen Selbstbezüglichkeit und ein erhöhtes intellektuelles Reflexionsniveau verbunden waren (vgl. FelS 2011). Innerhalb der globalisierungskritischen Bewegungen seit Ende der 1990er Jahre gelang es dann zunehmend besser, diesen Willen auch in die Tat umzusetzen – etwa in der Sozialforumsbewegung (vgl. Lebuhn 2008) oder im Rahmen der „Interventionistischen Linken“ und der „Block G8“ Kampagne 2008.[vii]

Diese Re‑Integration der „linken Szene“ in ein breiteres Bewegungsspektrum ging vielfach mit einer neuen Lust am performativ verspielten Protest jenseits des militanten Auftretens des „schwarzen Blocks“ einher. Hierzu passte auch der parallele Aufschwung queer‑politischer Aktivitäten und die Rezeption de‑konstruktivistischer Theorie vor allem entlang des Geschlechterthemas (vgl. die „Paul‑und‑Paula“‑Debatte in der „Interim“ Ende der 1990er Jahre). Diese Entwicklungen dürften wesentlich zur Anschlussfähigkeit gegenüber Teilen der heterogenen Techno‑Szenelandschaft beigetragen haben.

Techno als unpolitische Spaßkultur?

Auch zum Thema Techno ist der deutschsprachigen linken Sozialwissenschaft lange wenig eingefallen. Die einschlägigen Analysen sind dementsprechend überwiegend von pauschalen individualisierungstheoretischen Annahmen geprägt (vgl. Hitzler/Bucher/Niederbacher 2005; Hitzler/Pfadenhauer 2001).[viii]

Techno wird innerhalb dieses Debattenstranges vor allem als sozialstrukturell kaum zu verortende Spaß‑ und Freizeitkultur wahrgenommen. Ganz nach dem Motto „work hard, party harder“ stünden die Glückserfahrungen des Dancefloor und die (v. a. persönlichen) Gespräche in der Afterhour nahezu unvermittelt neben der sonstigen Alltagserfahrung, die oft durch eine bürgerliche Existenz jenseits des Wochenendes geprägt sei (vgl. Hitzler/Bucher/Niederbacher 2005; ähnlich speziell zu Berlin Werner 2001). Erik Meyer kommt zu dem Ergebnis, dass sich Technobegeisterte allein über Werte und Darstellungsformen von Individualität und kultureller Differenz definierten. Allerdings betont er auch „Phänomene der Politisierung“ bzw. einer „Subpolitik“ im Sinne Ulrich Becks, die sich über die „demonstrative Inszenierung von Andersartigkeit“ vermittelten und dauerhafte Distinktionskriterien ausschlössen (Meyer 2000, S. 158/159).

Selbst wenn sich für all das Indizien finden mögen: Das gezeichnete Bild erinnert doch stark an das Klischee von „Friede, Freude, Eierkuchen“. Das klassische Motto der „Loveparade“ erscheint bis heute auch der breiten Öffentlichkeit und vielen linken Intellektuellen und Aktivist_innen der älteren Generation als Programm einer narzisstischen Jugendkultur – symbolisch auf den Punkt gebracht in einem kommerziellen Massenspektakel, das als Demo verkauft wurde, damit der Staat auf den Kosten sitzen blieb. Die Sicht bürgerlicher Soziologen und die Verfallsszenarien kulturkritischer Linker treffen sich in dieser Konstruktion von „Techno“ recht gut.

Dagegen drängen sich, abgesehen von den problematischen theoretischen Grundannahmen, zwei zentrale Einwände auf:

  1. Es existieren mindestens zwei Techno‑Szenen parallel, die untereinander nur relativ wenige Berührungspunkte besitzen (vgl. Schneider 2010, S. 9 ff.): Da ist einerseits eine Rave-Kultur, die mit der Loveparade Ende der 1990er Jahre ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte und in der die großen, kommerziellen Labels und Vertriebsunternehmen stark involviert sind. Sie stützt sich z. B. auf Stile wie „Eurodance“ und „Trance“, reicht deutlich in den popkulturellen Mainstream hinein („Scooter“) und wird zu einem erheblichen Teil von eher unterprivilegierten Jugendlichen aus kleinstädtischen oder ländlichen Regionen getragen.

Die urbane und sehr international geprägte Szene, die in Berlin ihren Mittelpunkt gefunden hat, grenzt sich gegenüber dieser als „massentauglich“ kritisierten Variante von Techno scharf ab: Sie versteht sich vielfach als Underground-Kultur und wird ökonomisch nahezu ausschließlich von Kleinstunternehmen und Independent-Labels getragen. Sie pflegt einen umfangreichen intellektuellen Diskurs und hat den Anspruch, historische Reflexion und zeitgenössische Aktualität miteinander zu verbinden. Es handelt sich überwiegend um eine Kultur modernisierter Milieus der mittleren sozialen Schichten: Viele Student_innen, junge Selbstständige und hoch qualifizierte, aber prekär Beschäftigte aus dem Kulturbereich. Die ebenfalls eher akademisch geprägte linke Szene findet hier ihre Anknüpfungspunkte. Gegenwärtig lockt diese Techno-Kultur jedes Wochenende tausende Party-Touristen nach Berlin, was mit dazu beiträgt, dass sich die Szene weiter ausdifferenziert, ohne allerdings ganz in ihre Einzelteile zu zerfallen, wie sich an konsensfähigen Clubs – vor allem dem „Berghain“ – zeigt (vgl. Rapp 2009).

  1. Mit Blick auf diese „Techno‑Hochkultur“ der Künstler‑ und Clubszene in Berlin kann weder von einer scharfen Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, noch von einer Abwesenheit von Politik bzw. ihrer generellen Reduzierung auf lebensweltliche „Subpolitik“ die Rede sein. Die kritische Distanz gegenüber dem Big Business der Kulturindustrie paart sich mit einer Professionalisierung, die ökonomische Rationalität mit künstlerischer Unabhängigkeit versöhnen soll. Dieser Spagat bleibt zwar stets gefährdet, er gelingt in der Berliner Techno-Szene aber bisher offenbar relativ Vielen.

Diese Clubkulturen sind natürlich nicht per se politisiert oder gar links. Dennoch gab es schon lange vor den jüngsten Protesten gegen „Media Spree“ Berührungspunkte zu linken Perspektiven und Bewegungen. Bereits Anfang der 1990er Jahre, der inzwischen zum Mythos gewordenen Gründungsphase der Berliner Techno‑Kulturen, als auch die Hausbesetzerbewegung in den östlichen Innenstadtbezirken einen dritten Frühling erlebte, hatte es hierzu Ansätze gegeben – auch wenn sich die linksgerichteten Positionierungen dabei oft auf eine performative Dimension beschränkten.[ix]

Flexible Vergesellschaftung der Subjektivität und die Fensterfront zum Politischen

Gründe für die Anschlussfähigkeit an die linke Gegenkultur lassen sich ohne weiteres finden: Die Techno‑Szene war von Beginn an auffallend tolerant gegenüber sexuellen Vorlieben jenseits der Hetero‑Normativität. Macho‑Verhalten war verpönt. Sie war zudem zu wesentlichen Teilen eine Besetzer_innenkultur, die danach trachtete, sich der staatlichen und gesellschaftlichen Kontrolle zu entziehen.

Auffällig war auch eine ausgeprägte Skepsis gegenüber naiven Subjektkonzepten, die eine Affinität zu de‑konstruktivistischer Theorie nahe legte. Die Abstraktion und Körperlichkeit der Rhythmen und Sounds und die Technik des Sampelns unterliefen die alte bürgerlich-romantische Vorstellung von der ursprünglichen Schöpfungskraft des in sich selbst versunkenen Individuums. Im Mittelpunkt standen die kollektiven Assoziationen und Gefühlswallungen der tanzenden „Crowd“, das „Umherschweifen“ zwischen den suggestiven Bildern und Bedeutungsfragmenten einer post-industriellen, apokalyptischen Szenerie, die in den leeren Hallen und verfallenen Industriebrachen von Detroit, Manchester oder Berlin ihre imaginativen Räume fand. Techno bildet insofern einen adäquaten Soundtrack für die flexible Vergesellschaftung der Subjektivität in der Krise des Fordismus.

In der Neigung zur Verflüssigung der Selbst‑ und Welterfahrung, zum expressiven und erotisierten Eskapismus, zur Erzeugung von utopischen Raumatmosphären und „Momenten“ lag eine Parallele zu den Gegenkulturen, die die Revolte Ende der 1960er Jahre begleitet hatten – neben dem Situationismus gilt das vor allem für die „Hippies“ (die erste große Acid‑House‑Welle in England 1988 wurde nicht zufällig als „Summer of Love“ betitelt). Allerdings verselbstständigte sich der hippieske Traditionsstrang in der „Goa‑Szene“, die vor allem mystisch umrankte Festivals in der Natur veranstaltete und sich deutlich gegenüber der härteren, urbanen Techno‑Kultur, die in düsteren Berliner Keller‑Clubs ihre Glutkerne fand, abgrenzte.

Interessant ist, dass sich etwa seit der Jahrtausendwende, also parallel zu den breiter werdenden Schnittflächen mit der linken Szene, immer mehr Anzeichen für eine partielle Annäherung dieser beiden Entwicklungsstränge von Techno finden. Anja Schwanhäußer hat in ihrer ethnographischen Studie zu Beginn der Nuller‑Jahre den Prozess der Vermischung von Punk‑, Techno‑ und Hippie‑Elementen in einem Teil der Berliner Szene sehr treffend eingefangen (vgl. Schwanhäußer 2010).

Natur‑ und Stadtsymboliken – und damit klassische Repräsentationen von Innerlichkeit und Öffentlichkeit, von organischer Gemeinschaft und technisierter Zivilisation – wurden in den temporären Raumbesetzungen zunehmend kombiniert. Hinzu kamen die dissidenten und „proletarischen“ Stile der Hausbesetzer_innen und Wagenburgler_innen. Auch musikalische Genres, die stärker als Techno in der Tradition des persönlichen Erzählens und der expliziten (politischen) Aussagen stehen, waren Teil der Szenepraxis. Das gilt vor allem für die klassische Rockmusik, die mit den Revolten der 1960er Jahre assoziiert wird und die ein Indiz für das gewachsene, wenn auch noch überwiegend intuitive Bewusstsein für die eigene Geschichte sein könnte. Diese eklektizistische und historisch reflexive Praxis verband sich mit kulturellen Techniken, die – neben der ironischen Zitation des eigenen, kleinbürgerlichen Stammmilieus – eine symbolische Umkehrung und De‑Konstruktion von sozialen Hierarchien und vorgeprägten Erwartungen anstrebten.

Ähnliches lässt sich, aller Professionalisierung zum Trotz, einige Jahre später, als Techno in Berlin einen neuerlichen Hype erlebt, sowohl an Clubs wie der „Bar 25“ als auch an Festivals wie der „Fusion“ beobachten, die inzwischen zu Magneten für ein breites Spektrum an (ebenfalls eher bildungsnahen und mit Vester gesprochen „selbstverantwortlichen“) Milieus geworden sind. Das verträumte Spiel mit Verkleidungen und Bildern der Unschuld und der sozialen Abweichung ist in die coole Innenstadtszene zurückgekehrt. Es bleibt aber in engem Kontakt zu Clubs mit einer existenzialistischen und düsteren Atmosphäre wie dem „Berghain“, die einen subtilen Sinn für die Abgründigkeit der Gegenwartsgesellschaft – und der nächtlichen Flucht vor ihr – kultivieren. Harter Realismus und Utopie liegen hier dicht beieinander und sind Teil einer Alltagskultur, die die Grenzen von Arbeit und Leben oftmals längst hinter sich gelassen hat.

So sprichwörtlich die rigorose Türpolitik dieser Clubs ist: Sie stehen doch für eine neue Mischung der Szenelandschaft, in der lange gegeneinander verselbstständigte Entwicklungsstränge wieder stärker interagieren und neue Formen hervorbringen. Innerhalb dieses Prozesses kommt auch die ehemals autonome Linke in engeren Kontakt mit der Breite des hedonistischen Milieus. Es ist diese Gemengelage, die nicht nur die Attraktivität der Berliner Clubkultur ausmacht, sondern auch eine Grundlage für die jüngsten stadtpolitischen Mobilisierungen bildet.

Bleibt die soziale Frage: Die über den Habitus vermittelten, impliziten Ausschluss- und Abgrenzungsmechanismen der hedonistischen Szenen werden sich sicher nicht ohne weiteres überwinden lassen. Die Intensitätserfahrungen, die sie vermitteln, basieren – zumindest unter den gegebenen Bedingungen – auf der relativen Nähe der Alltagsmilieus (auch wenn zuviel Nähe Langeweile produziert). Progressive und avantgardistische Kultur sollte also nicht mit Politik im engeren Sinne verwechselt werden. „Denn das wäre sozusagen als die eigentliche Aufgabe zu verstehen: Nicht die Politik zu ästhetisieren oder die ästhetische Erfahrung zu politisieren, sondern deren soziale Seite, deren Fensterfront zur ganz anderen Ordnung des Politischen nicht verwittern zu lassen, sondern selber politisch zu gestalten“ (Diederichsen 2003, S. 28).

Dort, wo aus der Party eine performative Rahmung sozialer Bewegungsproteste und kollektiver Lernprozesse werden soll, spräche daher viel für eine gezielte Stärkung ästhetischer Heterogenität. Speziell Hip Hop, als der in den unteren sozialen Schichten dominierenden Jugendkultur mit ihrer Fähigkeit zur sehr expliziten Sozialkritik, ist hier von besonderem Interesse. Zudem erscheint es sinnvoll, sich von der situationistischen Fixierung auf „Momente“ und utopische „Nicht‑Orte“, die in Techno‑Kulturen, aber auch der (post‑)autonomen Linken sehr häufig anzutreffen ist, ein Stück weit zu lösen. Die narrative Seite des subkulturellen Erbes – besonders pointiert verkörpert im Folk als der musikalischen Rahmung des Aufbruchs der frühen 1960er Jahre (und zuvor von Teilen der Arbeiterbewegung) – könnte dabei helfen. Auch dessen Spuren sind in Berlin zahlreich zu finden, wenn auch meist, spiegelbildlich zur Party‑Kultur, ins Introvertierte und Melancholische gewendet. In jedem Fall gilt: Nichts ist uninteressanter und auch politisch ungesünder als die fetischistische Pflege von Genregrenzen und ästhetischen Reinheitsgeboten oder der Versuch, tradierte Stile zu konservieren.

Ein bewusster Umgang mit den populärkulturellen Darstellungsformen einer zunehmend flexibilisierten und öffentlich artikulierten Subjektivität wird in jedem Fall wichtig sein. Denn in den neuen Basisbewegungen wird die alte Forderung nach einer Überwindung der Entfremdung zwischen Subjektivität und politischer Öffentlichkeit, die für die Neue Linke um 1968 konstitutiv war, aktualisiert. Das gilt leider auch für die oft pauschale Ablehnung jeder Form der Repräsentation und Organisation. Und dennoch: In der Parole „Das Private ist politisch!“ liegt ein bis heute unvollendetes Projekt der sozialen Umwälzung begründet, das in den globalen Protesten gegen die Exzesse des Finanzmarktkapitalismus und die autoritäre politische Bearbeitung der Schuldenkrise aktuell wieder massenhaft hervortritt – sei es in den Praktiken der direkten und sehr persönlich gefärbten Demokratie in den Protestcamps, die die zentralen Plätze in den Metropolen der Welt besetzt halten, sei es in den Kämpfen für ein „Recht auf Stadt“ oder eine „Wirtschaftsdemokratie“ und Formen der „solidarischen Ökonomie“. Zur Nagelprobe für die Lern‑ und Bündnisfähigkeit der in anti-autoritärer Tradition stehenden Bewegungsmilieus dürfte ihr Umgang mit dem linken Spektrum der Gewerkschaftsbewegung werden. Dass heute, anders als in der zweiten Welle der Neuen Sozialen Bewegungen am Übergang zu den 1980er Jahren, zunehmend auch die andere Seite des im Kapitalismus vermeintlich „Privaten“ – die Welt der Arbeit und Ökonomie – wieder im Zentrum der Kritik steht, macht Hoffnung. Und Hoffnung werden wir angesichts der kommenden Turbulenzen wohl brauchen.

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Meyer, Erik (2000): Die Techno-Szene – Ein jugendkulturelles Phänomen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive, Wiesbaden.

Rapp, Tobias (2009): Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset, Frankfurt a. M.

Schäfer, Christoph (2011): „Die Rückkehr der verratenen Versprechen, Gespräch mit Johannes Springer“, in: Skug – Journal für Musik, Online-Ressource: http://www.skug.at/article5456.htm, Zugriff am 01.11.2011.

Schmidt, Robert (2002): Pop – Sport – Kultur. Praxisformen körperlicher Aufführungen, Konstanz.

Schneider, Daniel (2010): Detroit Techno und die Frage nach der Hautfarbe, Magisterarbeit, John‑F.‑Kennedy‑Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin, Online‑Ressource: http://edocs.fu‑berlin.de/docs/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDO
CS_derivate_000000000860/Magisterarbeit_Daniel_Schneider.pdf?hosts, Zugriff am 15.12.2010.

Schwanhäußer, Anja (2010): Kosmonauten des Underground. Ethnographie einer Berliner Szene, Frankfurt a. M./New York.

Stamm, Karl-Heinz (1988): Alternative Öffentlichkeit: die Erfahrungsproduktion neuer sozialer Bewegungen, Frankfurt a. M.

Vester, Michael/Teiwes‑Kügler, Christel/Lange‑Vester, Andrea (2007): Die neuen Arbeitnehmer. Zunehmende Kompetenzen – wachsende Unsicherheit, Hamburg.

Vester, Michael (2010): Wahlstrategie, Wählerpotential, Wählerstruktur der ‚Linken’, Online-Ressource: http://www.rosalux.de/publication/37196/waehlerpotential-waehlerstruktur-und-wahlstrategie-der-linken.html, Zugriff am 15.08.2011.

Werner, Julia (2001): Die Club-Party: Eine Ethnographie der Berliner Techno-Szene, in: Hitzler, Ronald/Pfadenhauer, Michaela (Hg.): Techno‑Soziologie. Erkundungen einer Jugendsoziologie, Opladen.

[i] Die Zugehörigkeit zu alltagskulturellen Milieus hat sich demnach keineswegs von anderen sozialen Statusmerkmalen entkoppelt, wie Individualisierungstheorien annehmen. Fragen von Geschmack und Lebensstil, die für die Nähe oder Distanz zu bestimmten Bewegungsspektren von hoher Bedeutung sind, zeichnen sich zwar durch eine relative Autonomie gegenüber Faktoren wie Bildungsabschluss, Stellung innerhalb der Erwerbsarbeit oder soziale Herkunft aus. Es bestehen aber nach wie vor signifikante Schwerpunkte der einzelnen Milieus in bestimmten sozio‑ökonomischen Lagen, vor allem hinsichtlich der Berufsfelder.

[ii] Frank Schirrmacher ist Chefredakteur des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und war viele Jahre einer der Chefideologen des bürgerlich‑konservativen Lagers. Am 15. August diesen Jahres erschien von ihm in der FAZ ein viel beachteter Leitartikel unter dem Titel: „Ich beginne zu glauben, dass die Linke Recht hat“.

[iii] Die Begriffe „Sub‑ und Gegenkultur“ werden im Rahmen der Cultural Studies vor allem mit einer deutlichen Abgrenzung und (impliziten) Kritik der Jugendkulturen gegenüber der hegemonialen Kultur, sowie dem Stammmilieu der Eltern assoziiert. Diese Konnotation soll hier übernommen werden – im Gegensatz zur eindeutigen Zuordnung zu einem Klassenstandpunkt, wie er für den „Resistance‑through‑Rituals“‑Ansatz der Birminghamer Schule in den 1970er Jahren noch charakteristisch war (Subkulturen waren demnach Arbeiterkulturen, Gegenkulturen dagegen Mittelschichtenkulturen). Der Begriff „Szene“, der in der jüngeren Forschung genauso wie in der Alltagssprache geläufig ist, signalisiert dagegen die stärker fließenden Grenzen dieser ästhetisch gerahmten und thematisch fokussierten Vergemeinschaftungsformen. Das heißt allerdings nicht, dass sozioökonomische Statusmerkmale keine Rolle mehr spielten (vgl. Schmidt 2002). Ich gehe zudem davon aus, dass auch Szenen noch subkulturelle Merkmale einschließen. Subkulturen, mit eigenen Institutionen sowie dauerhafteren und tendenziell alle Lebensbereiche umfassenden Zugehörigkeiten, bilden häufig deren stabile Kernstrukturen (vgl. Schwanhäußer 2010, S. 261 ff.).

[iv] Ähnliches dürfte für personelle und ideologische Kontinuitäten zwischen Aktivist_innen der „Recht auf Stadt“‑Bewegung in Hamburg und der „Hamburger Schule“ gelten (vgl. Schäfer 2011).

[v] Wenn ich hierzu im Folgenden einige Thesen formuliere, dann geschieht dies aus der Position eines sympathisierenden Beobachters, der sich selbst eher im weiteren Dunstkreis der linken Szene verortet und sich auch nur sporadisch in Berliner Techno‑Clubs aufhält. Ich nehme also gewissermaßen eine Perspektive der „distanzierten Nähe“ ein.

[vi] Die neuere Debatte innerhalb der Bewegungsforschung um die Rolle performativer Repräsentationen bei der Konstruktion kollektiver Protestidentitäten ist leider bisher von einem starken Übergewicht kulturalistischer Positionen geprägt. Die Frage nach sozialstrukturellen und polit-ökonomischen Ursachen, die im Zentrum der klassischen Ansätze der Neuen Sozialen Bewegungsforschung stand, gerät dabei in der Regel aus dem Blickfeld. Besonders die zahlreichen neueren Beiträge zur Revolte von 1968 deuten diese zudem oft affirmativ als bloßen Wegbereiter des deregulierten Konsumkapitalismus (vgl. Kimke/Scharloth 2008).

[vii] Hiermit korrespondieren allerdings z. T. auch Rückzüge in dogmatische Splittergruppen und Militanzfetischismen sowie ein existenzialistischer Kult der Unmittelbarkeit, der noch weit jenseits des autonomen Umfeldes viele fasziniert und in den bevorstehenden Kämpfen zu einem ernsten Problem werden könnte (vgl. hierzu aktuell etwa den Erfolg des Textes „Der kommende Aufstand“).

[viii] In dieser Spielart der „Szenesoziologie“ dominiert die fragwürdige These, die Bedeutung von Herkunft, Bildung und Berufsstatus für die Zugehörigkeit zu den alltagsästhetischen Vergemeinschaftungsformen nehme generell ab. „Die Jugend“ bastele sich ihre Identitäten entlang subjektiver Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung und Genuss immer neu zusammen: Eine schöne neue „Erlebnisgesellschaft“ (Schulze).

[ix] Ein Beispiel hierfür ist die euphorische Rezeption von „Underground Resistance“ innerhalb der so genannten „Poplinken“. Das Projekt schwarzer und eher intellektuell geprägter Musiker aus Detroit, die in engem Kontakt zum Berliner „Tresor“‑Club standen, bediente sich einer militanten Ästhetik. Zugleich war mit Detroit‑Techno hierzulande eine melancholische Innerlichkeit assoziiert, die auch Sehnsüchte und Schmerzen artikulierte (vgl. Schneider 2010). In England ging die Politisierung vielfach weiter: Der Konflikt mit der autoritären Politik der Tory‑Regierung, die eine regelrechte Hetzjagd auf die zahlreichen Raves veranstaltete, radikalisierte einen Teil der Szene – überwiegend zugunsten anarchistischer Positionen (vgl. etwa das „Spiral Tribe“‑Kollektiv und im internationalen Rahmen die „Freetekno“‑Bewegung).

Dorfdefektmutanten

Markus Köhle
Dorfdefektmutanten – Ein Heimatroman
Milena Verlag 2010
154 Seiten
14,90 €

978-3-85286-186-9Dorfdefektmutanten. Auf so ein Wort muss man erst einmal kommen. Ein „Defektmutant“ ist laut Schweizer Tierschutzverordnung ein „Tier, das durch das Zuchtziel bedingte oder damit verbundene Schmerzen, Leiden, Schäden, Ängste oder andere Verletzungen seiner Würde aufweist. Es können herkömmlich gezüchtete oder gentechnisch veränderte Tiere sein“.

In diesem Buch geht es aber gar nicht um Tiere, sondern um einen jungen Tiroler, der aus seinem Leben erzählt und von dem gescheiterten Versuch, aus der Provinz auszubrechen. Seine Schilderungen bewegen sich auf verschiedenen Zeitebenen, die durch Play‑, Rewind‑ und Stoppsymbole wie auf einem Videorecorder angezeigt werden. Als Ich‑Erzähler liefert er nebenbei mit morbidem Humor eine dichte Beschreibung seines ländlichen Mikrokosmos und seiner etwas beschränkten Fähigkeiten zu sozialer Interaktion.

Das Dorf selbst stirbt nicht aus, es wuchert an den Rändern wie ein Krebsgeschwür. Diese Dorfrandmetastasen werden nicht als Bedrohung wahrgenommen und deshalb nicht behandelt. Ich wohne allein. Ich hatte Beziehungen, aber Probleme damit. Zypriotische Honigbienen bilden gemeinsam eine Kugel um ihre Feinde (beispielsweise orientalische Hornissen) und ersticken sie – fügen ihnen so viel Wärme zu, dass das Innere dieses Bienenballs ihre Todesstätte wird. Es war immer der Freundeskreis meiner Freundinnen, der mir zu schaffen machte. Mit einer Person konnte ich mich arrangieren, Freundinnen, Freunde, Verwandte und noch dazu die meist unerträglichen, potenziellen Schwiegereltern aber brachen mir regelmäßig mein Toleranzkreuz.

Sein Job als Hausmeister im „Raststadel“, einer ländlichen Multifunktionsgaststätte, bietet dem Erzähler gelegentlich unerwartete und zuweilen auch unappetitliche Herausforderungen. Lieber bewegt er sich im Internet und kommuniziert mit virtuellen Freunden, mit denen er lexikalische Mengen angelesenen Wissens austauscht und, wenn das nicht ausreicht, auch mit Zitaten großer Philosophen nachlegen kann. Um das Interesse der von ihm umschwärmten Rasthauskollegin Marika zu wecken, hilft ihm dies jedoch herzlich wenig. Kaum kommt er ihr näher, verpasst er schon wieder seine Chance.

Wir trinken, wir schlucken, wir machen ahh, und dann überrumpelt mich Marika.
Sie sagt: „Willst Du mich heiraten?“
Ich sag: „Was kostet mich das?“
Die Kellnerin sagt: „Ein großer Brauner mit Mitarbeiterbonus EUR 1,50. Aber trinken musst du ihn schon selber.“
Der Kaffee ist kalt. Ich sitze allein an der Bar. Kalter Kaffee macht Bauchweh. Man muss das wohl irgendwie anders angehen.

Köhles Heimatroman, eher die Persiflage eines Heimatromans oder ein Entwicklungsroman ohne Entwicklung, hat einen ganz eigenen Charme. In seiner alltagsuntauglichen Belesenheit erinnert der namenlose Held dieser Erzählung ein wenig an Ingvar Ambjörnsens Elling, ohne jedoch den Sympathiebonus seines norwegischen Pendants zu erreichen. Dafür ist der Tiroler dann doch zu verwurzelt in seinen Dorfritualen aus Besäufnissen, plumper Frauenanmache und zweifelhafter Dienstleisterkarriere. Doch auch gerade aus diesem Grund ist der vorliegende Band ein schön böses, gelungenes Buch. Allein der Einband ist des genaueren Betrachtens wert. Und wer urbanes Leben liebt, weiß auch wieder ganz genau, warum.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Deutschboden

Moritz von Uslar
Deutschboden – Eine teilnehmende Beobachtung
Kiepenheuer & Witsch 2010
379 Seiten
19,95 €

9783462042566Drei Sommermonate in Brandenburg: Mai, Juni, Juli 2009. Moritz von Uslar bemüht sich um größtmögliche Authentizität und gibt den blasierten Hauptstädter mit Kolonialherrenattitüde auf der Suche nach den unbekannten Welten Ostdeutschlands und seiner Eingeborenen. Als Ich-Erzähler mit chauvinistischem Journalistenhabitus unterbreitet er seinem besten Kumpel nebst (namenloser) „Blondine“ zwischen Steak und Champagner den Plan einer „teilnehmenden Beobachtung“ im Umland Berlins. Ausgerüstet wie ein Ethnologe mit albernem Hütchen – eines Tropenhelms bedarf es auch im Sommer in Brandenburg dann doch nicht – und modernstem Aufnahmegerät macht er sich auf den Weg in die Kleinstadt „Oberhavel“, eine Autostunde nördlich von Berlin. Hier säuft er sich erst einmal in einer der Dorfkneipen fest – der beste Weg um in einem eingeschworenen Unterklassen‑Männerbund einen Fuß in die Tür zu kriegen.

Die männlichen Eingeborenen klassifiziert der Autor als Prolls und so beschreibt er sie dann auch, als „Proll‑Fighter“ in mehr oder weniger gut ausgestatteter Variation, so wie ihre Autos. Doch je besser er seine Protagonisten kennen lernt, desto mehr werden sie zu Menschen mit eigener Persönlichkeit und Geschichte. Und damit nimmt die Story den Verlauf einer klassischen, unreflektierten ethnologischen Anfängerforschung. Die zu Beginn zu Prolls herabgewürdigten und verallgemeinerten Wilden werden zunehmend heroisiert, da sie, die Chance der positiven Selbstdarstellung erkennend und nutzend, durchaus freundschaftlich mit dem Großstadtreporter umgehen. Am Schluss kriegt dieser es aber doch ab, ausgerechnet im örtlichen Boxclub, der zweiten Bastion marginalisierter Männlichkeit. „Westsau“ kommentiert der Kleinstadtboxer, nachdem er den Reporter umgehauen hat. Der Trainer schimpft, aber der Pfeil hat getroffen, und der Stachel sitzt. Fazit des Autors: „Das sind schon ziemliche Arschgeigen da“. Das mag Uslar als ein dem Sprachgebrauch der von ihm besuchten Kleinstadt angemessener oder gar witziger Spruch erscheinen. Gelesen klingt es, trotz der nachfolgenden Relativierung („großartige Arschgeigen“) reichlich abfällig. Arme, beleidigte Leberwurst …

Der Text erscheint dokumentarisch und berichtet von einer Männerkultur – zumindest aus dem Blickwinkel des Erzählers sind Frauen lediglich Dekoration (wie die „Blondine“ des Kumpels, die einen Satz sagen darf, oder die zwei sich in der Regionalbahn auftakelnden Mädchen), Staffage (wie Maria, die wortkarge Tresenschönheit, bei der sich der Reporter größte Chancen ausrechnet und am Ende doch abblitzt) oder Ladenhüterinnen, die ihre monotonen, einstudiert freundlichen Verkaufsgespräche führen. Lediglich die „Friseuse“ Janine erhält im Buch ein, wenn auch knappes, persönliches Profil, da sie in der Jungmännerrunde, laut Uslar, „als gleichberechtigt, quasi als Mann akzeptiert wurde“. Ansonsten breitet der Autor in erster Linie seine eigenen Klischees aus, die er dann auch mehr oder weniger bestätigt findet. Mag sein, dass sich der ein oder andere Kleinstadtbewohner darin sogar wieder erkennt. Mag auch sein, dass sich die Stadt Zehdenick, das reale Vorbild des fiktiven „Oberhavel“, über das ungewohnte Medieninteresse freut. Und ob man den bemüht flapsigen Sprachstil des Autors („Aber echt: zum Glück, ey.“) mag, sei dem persönlichen Geschmack überlassen. Originell ist das Ganze jedoch nicht. Der Ansatz, sonst vernachlässigte und verrufene Bevölkerungsschichten in den Fokus zu stellen, ist grundsätzlich nicht schlecht. „Research‑down“ nennt das die Ethnologie. Aber genau da heißt es, objektiver und sensibler vorzugehen. Zu sehr werden die Bewohner hier in ihrer Randständigkeit vorgeführt, für den Westlerblick exotisiert und zu einem Panoptikum verwurstet, das einzig dem Zweck dient, sich der Überlegenheit seines eigenen Lebensstils zu versichern. Absurderweise lässt der Autor zu Beginn den Kumpel des Reporters eben dieses Vorgehen als das „junger Akademiker-Menschen“ kritisieren. Er kennt diese Falle also – und tappt dann genau in dieselbe. Wie dumm.

Mit dem Anspruch, eine „teilnehmende Beobachtung“ in einer Brandenburger Kleinstadt durchzuführen, hat sich Uslar sein Ziel ein ganzes Stück zu hoch gehängt. Über Brandenburg erfährt man hier nur Oberflächliches. Die teilnehmende Beobachtung findet sich am ehesten noch darin, anhand dieses Buches einen westdeutschen Schnösel mit all seinen Vorurteilen und seiner Überheblichkeit zu beobachten. Doch dafür ist keine so umfangreiche Lektüre notwendig. Dazu genügt es, eine halbe Stunde lang „Latte“ in einem trendy Berlin‑Mitte‑Café zu trinken. Empfehlenswert ist der Band daher bestenfalls für Erstsemester im Fachbereich Ethnologie oder Kulturwissenschaft, als mahnendes Beispiel zum Thema ‚Tücken der Feldforschung – So nicht!‘.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag

Katrin Rothe
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag – die Mainzer wird geräumt
Neue Visionen – Unabhängiger Film Verleih 2010
DVD
12,99 Euro

83351Kurz nach der Wende, im Januar 1990, wurden die ersten leer stehenden Häuser in Ostberlin besetzt. Hintergrund dieser Besetzungen waren die extreme Wohnungsknappheit in West‑Berlin einerseits und andererseits die Aufbruchstimmung in Ost‑Berlin und die dort herrschenden unklaren Besitzverhältnisse bezüglich der zahlreichen maroden und unbewohnten Häuser. Der Anschein eines rechtsfreien Raumes und völlig neuer Perspektiven zog sowohl Westberliner aus der autonomen Szene als auch nonkonforme ostdeutsche Jugendliche an.

Im Juni 1990 gab es bereits über 120 besetzte Häuser, die als legal galten, im Ostteil der Stadt, auch die Häuser in der Mainzer Straße im Bezirk Friedrichshain. Als zum Ende des Juni ein Stichtag gesetzt wurde, ab dem Neubesetzungen nicht mehr gestattet würden, änderte sich zunächst nicht viel an dieser Situation. Fünf Monate später begann die Stadt jedoch mit Räumungen. Dass die Bewohner_innen die Rücknahme ihrer selbst geschaffenen Freiräume nicht widerstandslos hinnehmen würden, war klar. Trotz der Versuche sowohl der Besetzer_innen als auch der Bürgerbewegung und einiger Politiker, die Situation mit friedlichen Verhandlungen zu klären, wurde die Mainzer Straße im November 1990 gewaltsam geräumt.

Diesen Zeitpunkt nimmt Rothes Film zum Anlass, 20 Jahre später vier der ehemaligen Hausbesetzer aus ihrer Perspektive über die damaligen Ereignisse erzählen zu lassen. Bastian, heute Wissenschaftlicher Assistent, und der Performance‑Künstler Oswaldt kamen aus dem Westen, der Schriftsteller Ahne und Bo, der als Industrie‑Fassaden‑Kletterer vorgestellt wird, aus dem Osten. Alle vier waren aktiv an den Hausbesetzungen beteiligt und haben die Räumungen hautnah miterlebt. Der Film zeigt sie in ihren heutigen Wohnungen und lässt sie abwechselnd zu Wort kommen.

Ebenfalls interviewt wurde die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. Das vollständige Interview mit ihr ist auf der DVD als Bonus‑Track enthalten, im Hauptfilm wurden nur einige Sequenzen davon eingefügt, ebenso wie einzelne Aussagen des Fotografen Harald Hauswald, dessen beeindruckende Aufnahmen der Räumungen als Illustrationen der damaligen Ereignisse dienen. Wortbeiträge gibt es zudem von dem grünen Rechtspolitiker Dirk Behrendt, der als relativ unbeteiligter Zuschauer inhaltlich jedoch wenig zu diesem Film beizutragen vermag. Abgerundet wird die Dokumentation durch kleine Zeichnungen und Zwischentitel, die den Verlauf des Filmes strukturieren.

Lebendig wird das Thema durch die Präsenz und den Tonfall der vier sympathischen Erzähler, von denen jeder einzelne mit seiner Eigenwilligkeit und persönlichen Detailerinnerungen die Geschehnisse von vor zwanzig Jahren wieder aufleben lässt, ebenso wie Bärbel Bohley, die im September 2010, ein halbes Jahr nach den Aufnahmen, verstorben ist. Osswaldt verlor nach der Räumung, die an seinem Geburtstag begann, seine pazifistischen Ideale, Ahne begriff, in welchem Ausmaß eingeschleuste Provokateure zu der gewaltsamen Eskalation beigetragen hatten, für Bo erschien das Vorgehen der Polizei wie eine Kriegstaktik und Bastian brauchte noch lange Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten.

Rothe ist es gelungen, einen, trotz aller thematisierten Gewalt, freundlichen Film über die Ostberliner Hausbesetzerszene zu schaffen, ohne die Dramatik der damaligen Ereignisse herunterzuspielen oder unnötig Nostalgie heraufzubeschwören. Bedauerlich ist nur, dass keine ehemalige Hausbesetzerin zu Wort kam. Insgesamt aber absolut sehenswert, nicht nur für Leute, die damals dabei gewesen sind.

Als weiteren Bonus-Track enthält die DVD den Spielfilm Die Ex bin ich. Das Setting passt zu der obigen Dokumetenation: Wir befinden uns in einem besetzen Haus in Ost‑Berlin zur Nachwende‑Zeit. Die Welt sollte sein wie die riesige, geklaute Disco‑Kugel in Berts Zimmer. Tatsächlich zeigt sich hier kaum noch etwas von dem Glanz des kurzen Sommers der Anarchie im Jahr 1990. Bert, der im Zuge der Häuserräumungen ins Gefängnis kam und danach sein Leben draußen „auf Bewährung“ hätte meistern sollen, hat sich umgebracht.

Diese Nachricht bewirkt das Zusammentreffen seiner drei Exfreundinnen, von denen jede auf ihre Art versucht, Berts Freitod zu bewältigen. Die drei jungen Frauen zeigen plakativ unterschiedliche Charaktere. Die brave, konventionelle Jura-Studentin Sandra (Friederike Kempter) aus West‑Berlin, die versponnene Möchtegern‑Künstlerin und Mit‑Besetzerin Anne (Maria Kwiatkowsky) aus dem Osten und die resolute Kneipenwirtin Britt (Heike Warmuth) aus Hildesheim begegnen sich im besetzten Haus, in dem Bert gewohnt hat. Sie durchsuchen seine Habseligkeiten und versuchen, die Fragen zu klären, die sein unerwarteter Tod aufgeworfen hat.

Rückblenden in Form von Zeichentricksequenzen, in denen Bert quasi aus dem Jenseits und als Ich‑Erzähler die Vorgeschichte aufrollt, die zu seiner Verzweiflungstat geführt hatte, zeigen, wie in der Hausbesetzer‑Szene libertäre Ideale und profane Instandsetzungsrealität aufeinander prallten. Während sich die drei Exfreundinnen in der laufenden Handlung mit Berts Eltern, der Organisation der Beerdigung und nicht zuletzt mit sich selbst auseinandersetzen, erfährt man so nach und nach aus Berts Perspektive eine Innensicht der Szene und der Ereignisse rund um das Jahr 1990 in Ost‑Berlin. Am Ende landet die große Discokugel in Britts Kneipe in Hildesheim, Anne zieht aus dem besetzten Haus aus, das später von der Hausgemeinschaft gekauft wurde, und Sandra geht ihrer wohlgeordneten Wege.

Regisseurin und Drehbuchautorin Katrin Rothe, die bereits mit dem Grimme‑Preis ausgezeichnet wurde und selbst ehemalige Hausbesetzerin ist, zeigt eindringlich und authentisch, wie unvereinbar letztendlich die idealistischen Ansprüche und die jugendliche Aufbruchstimmung mit den Zwängen der bürgerlichen Gesellschaft und den staatlichen Repressionen waren. Die Atmosphäre des Films wird sowohl von dem stimmigen Soundtrack (Feeling B, Bert’z Rache u. a.) getragen als auch durch bissigen Humor und eine Melancholie geprägt, die wohl angemessen ist angesichts der heute kulturell zu Tode sanierten und gentrifizierten Viertel in Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Es wäre schön, wenn man diesen gelungenen Film öfter zu sehen bekäme, als spät nachts im ZDF.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Überzeichnet

Inge Kirsner/Olaf Seydel/Harald Schroeter‑Wittke (Hg.):
Überzeichnet – Religion in Comics
(Reihe: POPKULT 9)
Garamond 2011
256 Seiten
24,90 €

215_0Für den Comicunkundigen eröffnet Jochen Wiedemann den Band mit einer Einführung in das Thema Comic anhand eines Definitionsversuches und einer historischen Einleitung, in der wir z. B. auf die Bildgeschichten von Heiligen oder die Passion Christi in Kirchen aufmerksam gemacht werden, die in den Definitionsbereich Comic fallen, und es werden einige grundlegende Fachbegriffen erklärt. Obwohl es im postmodernen Wissenschaftsbetrieb schon alltäglich ist, dass sich Geisteswissenschaftler mit Popkultur beschäftigen und Medientheoretiker erfolgreiche Romane, Musik oder Filmklassiker analysieren, bleiben Comics in diesem Kontext nach wie vor eine Seltenheit, da ihnen immer noch abgesprochen wird, eine ernstzunehmende Kunst zu sein. Dies gilt besonders, wenn sich Theologen mit Comics in Hinsicht auf Religion beschäftigen. So aber geschehen in dem Sammelband Überzeichnet – Religion in Comics, der das Ergebnis der Jahrestagung 2010 des Arbeitskreises Populäre Kultur und Religion ist. Hier kann man beobachten, was passiert, wenn Theologen Comics lesen.

Weitere Autoren betrachten anschließend einzelne Comicserien genauer. So werden die Qualitäten von Lucky Luke als Verkörperung mancher christlicher Tugenden betrachtet, in Superman die postmoderne Verkörperung von Moses‑ und Messiasvorstellungen der jüdisch‑christlichen Gesellschaft aufgedeckt und die bibelfeste Alltagstheologie der Peanuts (von Charles M. Schulz) analysiert. Aber auch jüngere Comics, wie die Hellsing Mangas und Animés (von Kouta Hirano), die Preacher Comics (Autor: Garth Ennis, Zeichner: Steve Dillon) oder das ungewöhnliche Cages (von Dave McKean) werden besprochen und dadurch eine große Bandbreite verschiedener Stile untersucht. Unterstützt wird dies durch zahlreiche z. T. farbige Abbildungen und ganze Comicstrips. Sie lockern die Texte auf und ermöglichen bei einigen Comics überhaupt erst das Verständnis des Besprochenen.

Abgeschlossen wird durch zwei zusammenfassende Beiträge, die das Vorangegangene noch einmal unter theologisch‑kulturhermeneutischer und religionspädagogischer Perspektive zu betrachten versuchen. Diese weisen wohl die größte wissenschaftliche Tiefe des Bandes auf, denn der Anspruch bzw. Tiefgang der einzelnen Beiträge schwankt. In manchen Aufsätzen, wie dem von Andrea Völkner über Dagobert Duck oder Olaf Seydels über den Preacher, nimmt die Darstellung der Story des behandelten Comics zu viel Platz ein, während die tatsächliche Analyse etwas knapp ausfällt. Andererseits könnten nichtakademische Leser die anspruchsvolleren Beiträge trocken oder langweilig finden. Ob dies beabsichtigt war, um eine breite Zielgruppe anzusprechen, oder es an dem ungewohnten Medium lag, ist schwer zu sagen, aber wahllos sind die einzelnen Beiträge nicht. Die Autoren beziehen sich in ihren Texten aufeinander und erzeugen dadurch eine Geschlossenheit und Zusammengehörigkeit, die nicht in jedem Sammelband zu finden ist.

Zu beachten ist beim Lesen des Bandes, dass die Autoren ausschließlich Theologen sind und die Comics daher aus einem rein christlichen Blickwinkel betrachtet werden. Es ist interessant zu sehen, wie Theologen, die alle ihre Leidenschaft für Comics nicht verbergen, die Verarbeitung der ihnen vertrauten Symbole und Inhalte in den Comics interpretieren oder bewerten. So werden in der Geschichte Supermans zwar christliche Grundmotive gefunden, aber beklagt, dass diese in dem Comic ihre ethische Verbindlichkeit verlieren, oder es werden die stark verzerrte Darstellung von christlichen Institutionen und Lehren in den Hellsing‑Geschichten bemängelt. Leider wird dadurch nur selten betrachtet, was dies über das Christentum und Religion generell in der Gesellschaft und deren Wahrnehmung aussagt. Nichtsdestotrotz können Comicfreunde ihren Spaß an diesem ungewöhnlichen Blickwinkel finden, ebenso wie Religionsinteressierte an diesem noch kaum bearbeiteten Medium.

Florian Klein

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore

Roland Seim/Josef Spiegler (Hg.)
„The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore“ – Tod und Sterben in der Rockmusik
Telos Verlag 2009
267 Seiten
16,80 €

rutcovgrDie kulturwissenschaftliche Studie The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore hat es sich zum Ziel gemacht, dies genauer zu untersuchen und besonders den unterschiedlichen Umgang mit dem Tod in den einzelnen Genres und dem jeweiligen zeithistorischen Kontext herauszuarbeiten. Es ist nach dem 2002 erschienenen Buch über die Zensur in der deutschen Kulturgeschichte das zweite Werk der Herausgeber und Dozenten der Wilhelms‑Universität in Münster Roland Seim und Josef Spiegel. Das Buch ist gleichzeitig der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, welche unter anderem im Rock’n’Popmuseum Gronau zur Schau gestellt wurde. „Der Tod hat viele Gesichter, heißt es. Er schreibt auch viele Geschichten“. Neben der Liebe, der wahrscheinlich ungebrochenen Inspirationsquelle von Musikern und Songschreibern, nimmt der Tod als Thematik einen ebenfalls wichtigen Stellenwert in der Rockmusik ein.

In einer 30‑seitigen Einführung gibt der Autor Roland Seifer einen kurzen gelungenen Abriss des zeitgenössischen Umgangs mit dem Tod anhand von einigen bedeutenden Musikstilen, angefangen von den 1950ern bis zu den 1990er Jahren. Es folgen 17 spezialisierte Beiträge einzelner Autoren zu verschieden Genres wie Psychedelic, Punk, Hardcore, Grunge, New Wave, Gothic, Grindcore sowie diverser neuerer Rockmusik und Hip Hop. Einige Kapitel widmen sich auch ganz dem Schaffen einzelner Bands wie The Doors , The Poison Idea, oder dem Cover‑Künstler William Schaff.

Die Aufsätze sind leicht verständlich geschrieben und ein besonderer Pluspunkt sind die über 200 Coverabbildungen, umfangreichen Quellenangaben und die unzähligen Zitate aus Songtexten. Wegen der zahlreichen Autoren und ihrer unterschiedlichen Beiträge kommt es leider manchmal zu Überschneidungen. Andere kommen ein wenig vom Thema ab, indem sie eher allgemeine Informationen zum Genre oder zu Personen geben, das Todesthema aber nur streifen.

Interessant sein könnte dieses Buch für Pädagogen und Eltern, da es einen Diskurs enthält, ob Musik verantwortlich für gewalttätiges Verhalten Jugendlicher ist. Auch werden Vorkenntnisse über die Rockgeschichte für die Lektüre nicht benötigt, da es selbst einen allgemeinen und guten Überblick über die einzelnen Jugendkulturen und Genres gibt. Ansonsten ist dieses Buch allen zu empfehlen, die Rockmusik, welche sich der düsteren Seite des Lebens widmet, nicht nur hören, sondern auch verstehen wollen.

Franziska Smith

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Metal Matters

Rolf F. Nohr/Herbert Schwaab (Hg.)
Metal Matters – Heavy Metal als Kultur und Welt
Lit Verlag 2011
528 Seiten
34,90 Euro

11086-2NohrZweite.indd„Ein Grund [für die bislang vergleichsweise seltene wissenschaftliche Erforschung des Heavy Metal als Kultur] mag darin zu finden sein, dass Heavy Metal für die Forschenden vage bleibt“, notieren die Herausgeber in ihrer Einleitung. „Heavy Metal entzieht sich eindeutigen Zuschreibungen“. Dass die musikalische Subkultur schwerlich auf widerspruchsfreie Formeln zu reduzieren ist, wird beim Lesen der 28 größtenteils erfreulich fundiert geschriebenen Kapitel deutlich. Angesichts bisheriger pseudo‑soziologischer Arbeiten kann die Zurückhaltung seitens vieler Szenegänger gegenüber Wissenschaftlern und ihren Modellen von sozialer Wirklichkeit kaum verwundern; mit Metal Matters liegt nun ein vielschichtig die Faszination spiegelnder Überblick vor, der vor allem dadurch gefällt, dass die Autoren spannende Details in Augenschein nehmen, anstatt die bekannten Vorurteile zu reproduzieren.In dem schweren Sammelband von Rolf F. Nohr und Herbert Schwaab nähern sich zahlreiche Wissenschaftler dem „unverwüstlichen Metal‑Universum“ mit unterschiedlichen Fokussen. Wie in einem Kaleidoskop entstehen somit verblüffende Perspektiven auf ein komplexes Phänomen, welches in der Tat weit mehr zu bieten hat, als es in Klischees von sich selbst preisgibt. Metal Matters baut auf der gleichnamigen Tagung und Forschungsreihe auf, und nach der Lektüre steht fest, dass dieser Aussage für die Szenegänger eine Substanz innewohnt, die mitunter zur Identitätsbildung und mehr noch zur Stiftung eines Lebenssinns gereicht.

So gelingt es dem Historiker Sören Philipps in einer Analyse von Songtexten nachzuweisen, dass die Erinnerungskultur von geschichtlichen Ereignissen im Heavy Metal keinesfalls nur auf eine Glorifikation von Krieg und männlicher Stärke abzielt, sondern Gemeinschaft stiftend wirken kann, mit der Erinnerungskultur der Gesellschaft kritisch korrespondiert und in zahlreichen Fällen historische Wahrheiten ebenso wie aktuelle Propaganda in Frage stellt. Im Metal geht es um mehr als die Flucht in ein „imaginiertes Walhalla“, so Philipps, es gehe um eine historische Orientierung in unsicheren Zeiten, also um ein Bedürfnis, welches gesamtgesellschaftlich in verschiedenen Bereichen der Populärkultur erkennbar ist. Die widersprüchlichen Geschichtsbilder versteht er somit als für eine jugendliche Szene recht gewöhnliche Beiträge zu einem fortwährenden Verhandlungsprozess der Gesellschaft über ihre „Erinnerungen“ von Vergangenheit.

Dass der in technischer Hinsicht zweifelsohne modernen wie postmodernen Musikform schon immer antimoderne Strömungen innewohnten, die seit den Neunziger Jahren mit einem sprichwörtlichen Heidenaufwand ins rechte Licht gerückt werden, konstatiert der Philosophie-Student Jan Leichsenring unter der bezeichnenden Überschrift „Wir fordern das Unmögliche“; einer Aussage der amerikanischen Band Wolves In The Throne Room, die ihren Black Metal ideologisch mit humanistischen Fragen und menschenverachtenden Ideen keineswegs widerspruchsfrei auflädt. Leichsenring zeigt an konkreten Beispielen auf, durch welche romantischen und neuheidnischen Momente im Metal nahe liegende Anknüpfungspunkte für extrem rechte Ideologien gegeben sind, und dass diese von Teilen der Metal‑Szene als quasi naturgegeben hingenommen werden. Demgegenüber stehen dem Autor zufolge zahlreiche Bands, die in ihrem Metal eine Kultur der Bewahrung und lebendigen Tradierung entwickeln, eine quasi metallische Folklore, in welcher lokale Dialekte, Geschichten und Melodien am Leben gehalten werden.

Mitherausgeber Rolf F. Nohr, Professor für Medienästhetik und Medienkultur, greift John Hartleys Konzept des Transmodernen auf, da der Metal seiner Wahrnehmung nach Elemente verschiedener Epochen aufgreift, verbindet und transzendiert. Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit sind dabei einmal mehr kaum zu erwarten, somit ist Metal einerseits politisch, dann wiederum a‑politisch, einerseits eine große Erzählung und steht andererseits für das Ende aller großen Erzählungen. Was der einzelne daraus macht, bleibt nach Nohr dem Individuum und seiner Entscheidung überlassen, ob es Metal als „Schule des Lebens“ akzeptiert. Die speziellen Vorzüge des Metal liegen dem Medienwissenschaftler zufolge in seinem ungewöhnlichen Erfahrungsangebot und in der Möglichkeit, sich von gängigen Ideen von Konsum, Politik und Leben im Allgemeinen abzugrenzen.

Humorvoll gerät Herbert Schwaabs Blick auf das nicht nur parodistische Werk rund um die zunächst in der gleichnamigen Mock‑Rockumentary auftretende Kunst‑Band Spinal Tap, welche ebenfalls mit Bildern von vergangenen Kulturen spielt und im Song „Stonehenge“ eine Gratwanderung zwischen Verkitschung und Verführung betreibt, welche für die Metal‑Szene als „Community of Imagination“ typisch sei. Der Medienwissenschaftler reflektiert die „kindlich ernste Fantasie“ des Films und erläutert an anschaulichen Beispielen, wie es dem Heavy Metal gelingt, eine eigene Welt (oder zumindest die Vorstellung einer solchen) zu erschaffen. Dass dies dem äußeren Anschein nach auch gelingt, das belegt Andreas Wagenknecht in seinem Beitrag zum Humor im Black Metal bzw. in dessen medialer Aneignung. Wagenknecht zeigt, dass Humor bereits von einem der Gründungsväter des Black Metal genutzt wurde, um eine ironische Distanz zum eigenen Lebenswerk herzustellen, welches in der Folge von anderen Musikern als Inspiration für das quasi ultimativ Böse genannt wurde. „Im Alltag [jedoch] überleben“ kann dem Medienwissenschaftler zu Folge „nur, wer das Böse mit Humor nimmt“ – und dies geschieht nicht selten mit einer bewundernswerten Liebe für jene – in diesem Fall dem Black Metal – eigenen Welten einer scheinbar unberührten Natur, in welcher sich archaische Kriegergestalten mit den Naturkräften verbünden. Diese makellosen Bilder werden vor allem im Internet in mehr oder minder aufwändigen Video‑Parodien so karikiert, dass bei aller Ironie eine grundsätzliche Wertschätzung durchschimmert.

Kurios bemüht wird es allerdings, wenn Birgit Richard und Jan Grünwald die Inszenierungen von Männlichkeit in Black Metal Videos und Photos beleuchten und dabei zu pointierten Beobachtungen kommen: „Der wilde Naturraum […] repräsentiert hier eine Nische für die archaische vormoderne Männlichkeit, der die Naturgewalten ihre Macht verleihen. Die von Caspar David Friedrich oft bemühte Gestalt des Eremiten oder des Mönchs findet sich auch in älteren Präsentationen der Band Gorgoroth. Der ‚große Gaahl‘, ihr früherer Sänger, zeigt sich auf Fotografien […] im Schnee vor einer einsamen Hütte – er erscheint wie Knut der Eisbär auf der Scholle der letzten zu rettenden Männlichkeiten“. Die Autoren haben wohl einen Clown gefrühstückt?!

Doch alles in allem entpuppt sich die Aufsatzsammlung als inspirierende Lektüre mit bemerkenswert ungewöhnlichen Perspektiven, sei es nun auf vermeintlich medial längst erschlossene Themenfelder des Metal, aber auch auf echte gegenkulturelle Bewegungen wie die des Underground Metal in islamischen Ländern.

Entgegen den Befürchtungen einer Tagungs‑Besucherin, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Metal die Freude an der Musik rauben könnte, möchte ich mich Frank Schäfer anschließen, der in seinen anekdotischen „Notes on Metal“ konstatiert: „Ich glaube, hier können wir getrost Entwarnung geben. Die wissenschaftliche Zerlegung des Phänomens Heavy Metal ist meiner unmaßgeblichen Meinung nach ein zusätzlicher Spaß“.

Thor Wanzek

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Halbstarke in der DDR

Wiebke Janssen
Halbstarke in der DDR – Verfolgung und Kriminalisierung einer Jugendkultur
Ch. Links Verlag 2010
320 Seiten
23,90 Euro

9783861535799In ihrer 2009 an der Martin‑Luther‑Universität Halle‑Wittenberg vorgelegten Dissertation mit dem Titel Halbstarke in der DDR widmet sich Wiebke Janssen auf Grundlage von Zeitzeugenberichten und breitem Archivmaterial einem von der Forschung bislang vernachlässigten Phänomen: den Halbstarken in der ehemaligen DDR.

Mussten sich die Halbstarken als erste amerikanisierte Jugendkultur der deutschen Nachkriegszeit in der BRD vor allem mit dem Unverständnis ihrer Elterngeneration auseinandersetzen, trat in der DDR die „unverhältnismäßige Politisierung und ideologische Überfrachtung“ dieser mit dem System nonkonformen Jugendkultur hinzu. Eine Amerikanisierung ließ sich mit der Erziehung zum sozialistischen Menschen nicht vereinbaren, zumal in den 1950er Jahren, als der Aufbaugeist noch nicht vollständig der Ernüchterung Platz gemacht hatte.

Diesen „Erziehungskonflikt“ versucht Janssen nun anhand zweier zentraler Fragen zu ergründen: Welche Formen nahm der Konflikt zwischen Halbstarken und SED an und welche Strategien entwickelten jeweils beide Seiten zur Durchsetzung ihrer Ziele? Zu diesem Zweck nimmt Janssen eine Dreiteilung ihrer Arbeit vor: Zunächst diskutiert sie die sozioökonomischen und politischen Rahmenbedingungen. Es folgt eine umfassende Analyse des Halbstarkenphänomens und seiner subkulturellen Stilelemente. Anhand von drei Fallbeispielen thematisiert sie dabei auch die Halbstarkenkrawalle in der DDR. Mit der Verfolgung und Disziplinierung der Halbstarken durch die Partei- und Sicherheitsorgane endet die Untersuchung.

Dabei wird das Halbstarkenphänomen in größere historische Zusammenhänge eingebettet. Den Betrachtungen zur Überwachung und Kontrolle stellt Janssen einen Exkurs zur Verfolgung informeller Jugendgruppen anhand zweier Fallbeispiele aus der Weimarer Republik und der NS‑Zeit voran. Zudem bettet sie ihre Arbeit in die integrierte deutsche Nachkriegsgeschichte ein.

Neben den sehr ausführlichen Darstellungen bietet die Arbeit auch ein umfangreiches Literaturverzeichnis, das sich hervorragend zur weiteren Recherche eignet. Da es sich um eine Dissertation handelt, ist die Arbeit vorrangig zur vertiefenden Lektüre für wissenschaftliche Vorhaben zu empfehlen. Durch die präzise und logische Gliederung der Arbeit lässt sich durch Querlesen aber auch schnell ein fundierter erster Einblick in das Thema gewinnen.

Jan Sommerfeldt

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Rechtsradikalismus im Internet

Christoph Busch (Hg.)
Rechtsradikalismus im Internet
(Reihe: Medienwissenschaften – Band 11)
Universitätsverlag Siegen – universi 2010
388 Seiten
14,90 €

ResizeDie rasche Entwicklung und Ausbreitung des Internets erleichterte den Handel mit Waren aus dem Umfeld der extremen Rechten. „Rechtsextremes Material, das früher nur mit Insiderwissen und unter der Theke in einschlägigen Läden zu bekommen war, kann heute bequem online bestellt oder von Websites heruntergeladen werden“, stellt Stefan Glaser, einer der Autoren fest. Das Kapitel „New‑Nazi‑Economy“ widmet sich deshalb den Bestelldaten des Onlineshops Aufruhr‑Versand, um einen Überblick über die Kundenstruktur zu geben. Neben der Kategorisierung der Kundschaft nach Geschlecht, der Höhe der Bestellung sowie der Auswertung der zusätzlichen politischen Kommentare am Ende einer Bestellung zeigt die Datenanalyse ein aufschlussreiches Ergebnis: Die Bestellungen sind keineswegs nur in Ostdeutschland zu verorten, sondern erstrecken sich über den gesamtdeutschen Raum.„Das Internet hat die Verbreitung rassistischer Hasstiraden sowie die Vertriebsmöglichkeiten neonazistischer Schriften, CDs und Devotionalien gewissermaßen revolutioniert“. Aus diesem Grund analysieren die AutorInnen des Bandes Rechtsradikalismus im Internet auf knapp 400 Seiten das umfassende, stetig wachsende Onlineangebot der extrem Rechten und stellen Gegenmaßnahmen wie beispielsweise jugendschutz.net und die Freie Selbstkontrolle Multimedia (FSM) vor.

Die Zunahme der Verbote und Indizierungen schränken jedoch die Möglichkeiten eines aus Deutschland betriebenen Versandshops ein. Bereits 2009 nutzten deshalb über fünfzig Prozent der extrem rechten SeitenbetreiberInnen ausländische Dienste, um die Kundschaft in Deutschland weiter mit verbotener Ware zu versorgen. Daran anknüpfend findet sich auch ein Artikel zum Thema Internationalität von extrem rechten Onlineshops in den USA. Die Recherchen weisen deutlich auf die Schattenseiten der globalen Vernetzung durch das Internet hin: Die in Deutschland verbotenen nationalsozialistischen Symbole unterliegen in Amerika der Meinungsfreiheit. Die meisten amerikanischen Onlineshops machen sich dies zu Nutze und präsentieren sich international. So kann der Käufer oder die Käuferin oftmals die Sprache nicht nur auf Deutsch umstellen und die Rechnung in Euro begleichen, sondern auch teilweise Versandkostenrabatte und Hilfestellungen zum erfolgreichen Versand nach Deutschland erhalten.

Neben den Onlineshops spielen auch die Webseiten extrem rechter Bands eine wichtige Rolle, da „junge Menschen für Neonazi‑Agitation in blutleerer Programmform kaum empfänglich sind. Musik berührt die jungen Leute, die von den Politikern nicht erreicht werden“. Die AutorInnen Laura Irsen und Marcel Fischer analysierten deshalb unter anderem die Internetseiten der Rechtsrock‑Bands Endstufe, Spreegeschwader und Oidoxie und stellten fest, dass die Verwendung von lediglich dezenter Symbolik, wie beispielsweise der Farben schwarz, weiß und rot die menschenverachtenden Einstellungen der Bands verschleiern. So zeigt beispielsweise die Aufmachung der Webseite von Endstufe, dass „die Band zur rechtsradikalen Subkultur gehört, aber auch, dass diese sich nicht deutlich als solche präsentiert“. Im Kapitel „Symbolik auf Homepages rechtsradikaler Bands – eine qualitative Untersuchung“ wird darauf hingewiesen, dass bei der Darstellung der Homepages „eine besondere Konzentration auf den Aussagen [liegt], die mit dieser Symbolik getroffen werden“. In dieser Hinsicht ist auch das Kapitel „Zur Ästhetik rechtsextremer Webseiten“, welches Symbole aufführt und erklärt, sehr informativ. So interpretiert Juliana Brunello Bilder von extrem rechten Internetseiten und erläutert die verwendete Symbolik, wie zum Beispiel Runen oder veränderte Abbildungen aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Trotz der Maßnahmen von jugendschutz.net und der FSM gibt es immer wieder neue extrem rechte Webseiten, die nur schwer zu kontrollieren sind. Die Analysen der diversen Angebote im Netz führen somit zu folgendem Ergebnis: „In dem Maße, in dem sich die Agitation modernisiert und professionalisiert, Strafvermeidungs- und Transstrategien zunehmen, stößt rechtsstaatliche Repression an Grenzen – gerade diese Entwicklungen fordern die Aufklärungsarbeit heraus“. Auch wenn es professionelle Webseiten gibt, die sich gezielt mit der Aufklärungsarbeit in Bezug auf extrem rechte Strukturen beschäftigen, könnten sich diese noch mehr an Jugendlichen orientieren. Zu diesem Resultat kamen Alexander Fuchs und Fabian Klein nach Abschluss von Gruppendiskussionen mit Schulklassen zur Qualität von Aufklärungswebseiten. Jedoch ist die Durchführung der Gruppendiskussionen nicht überzeugend. Anstatt die Ergebnisse lediglich niederzuschreiben und eine ideale Webseite zu erarbeiten, sollten konkrete Handlungen folgen, um zur Verbesserung der Aufklärungsarbeit beitragen zu können.

Angesichts der Stellungnahmen und Lösungsansätze von Bündnis 90/Die Grünen, FDP, Die Linke, SPD, sowie CDU/CSU zu extrem rechten Webseiten zeigt sich zudem, dass „die meisten Parteien das Problem Rechtsextremismus im Internet kaum [thematisieren]“. Auch wenn die Autorinnen Andrea Brilka, Urszula Maria Chenczke und Anna Lena Hahmann zu dem Entschluss kommen, dass „alle demokratischen Parteien Rechtsextremismus als Problem wahr[nehmen] und [in der breiten Öffentlichkeit] diskutieren“, fehlt es an konkreten Maßnahmen beziehungsweise an gesetzlichen Möglichkeiten diese umzusetzen. Deshalb werden in „Grenzen und Probleme der Regulierung bei Rechtsradikalismus im Internet“ verbesserte internationale Zusammenarbeit in Bezug auf die Strafverfolgung sowie präventive Maßnahmen, wie beispielsweise die Verbesserung der Medienkompetenz von Jugendlichen gefordert.

Der Band enthält neben den aufgeführten informativen Kapiteln allerdings auch seine Schwächen. So stellt beispielsweise der Artikel „Internet, Demokratie und Neue Soziale Bewegungen“ keinen direkten Bezug zu dem Thema des Bandes Rechtsradikalismus im Internet her. Auch die unterschiedliche Verwendung der Begriffe „Rechtsextremismus“ und/oder „Rechtsradikalismus“ trägt nicht gerade zum Verständnis bei. Obwohl auf dieses Problem bereits in der Einleitung hingewiesen wird, wäre eine einheitliche Definition wünschenswert gewesen.

Luisa Wingerter

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

JPod

Douglas Coupland
JPod
Tropen 2011
528 Seiten
24,95 €

110605_UZ_Coupland_JPod.indd„JPod“ ist eine Abteilung einer Spieldesignfirma, in der ein halbes Dutzend Leute arbeiten, deren Nachname mit J anfängt. Ihr Leben spielt sich zwischen der Entwicklung idiotischer Computerspiele, nihilistischem Konsum, Identitätskrisen und verrückten Mitmenschen ab. Stellenweise ist das zwar originell und lustig, aber ich kann mit solcher Literatur, bei der immer der Anspruch mitschwingt, „Abbild einer Generation“ zu sein, wenig anfangen, und Coupland (Generation X, Generation A) macht es selten darunter und das inzwischen in mehr als einem Dutzend Romane, die sich alle um dieses eine Thema drehen: Junge Menschen aus besseren Kreisen zwischen Konsumwahn und ‑verzweiflung auf der Suche nach ihrer Identität, dem Sinn des Lebens und dem großen Kick. Stilistisch fällt Coupland mit JPod in seine Phase vor Girlfriend in a Coma von 1999 zurück. Eher nervig ist sein Versuch, über Dutzende Seiten – insgesamt rund ein Fünftel des Romans – von sinnlosen Aufzählungen, z. B. reine Zahlenreihen (etwa S. 377‑437, 61 Seiten!) das klassische Romanschema zu brechen, peinlich platt ist sein eigenes Auftreten als bekannter Romanautor erst in den Gesprächen der ProtagonistInnen, schließlich sogar als entscheidende Figur. Über weite Strecken ist JPod nicht schlecht geschrieben, wie eigentlich alle Werke Couplands, aber was bleibt, ist der fade Geschmack von Marshmallows.

Klaus Farin

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Kapitalistischer Realismus

Sighard Neckel (Hg)
Kapitalistischer Realismus – Von der Kunstaktion zur Gesellschaftskritik
Campus-Verlag 2010
308 Seiten
29,90 €

csm_9783593391823_23a493d39bAuch der Kapitalismus ist nicht mehr so, wie er einmal war: Er hat sich verändert, ist vielschichtiger, bunter, lebendiger und vor allem wandlungsfähiger geworden. Der Clou dieses neuen Kapitalismus ist, dass er imstande ist, „Künstlerkritik“, von Künstlern, Kreativen und Intellektuellen geäußerte Kritik, aufzusaugen, sie zu integrieren und anschließend wieder auszuspucken. Auf diese Weise werden Kritik, Widersprüche und Einwände zur neuen Antriebskraft des Kapitalismus, sie befördern dessen Innovation, Flexibilität und Wandlungsfähigkeit. Dies ist die zentrale These, die die Sozialwissenschaftler Ève Chiapello und Luc Boltanski in ihrem epochalen Werk Der neue Geist des Kapitalismus (2003) formulieren.Früher war halt alles besser: Die Rente war sicher, das Wetter im Sommer schöner und die Jugendlichen hatten Besseres zu tun, als Leute zu verprügeln und sich ins Koma zu saufen.

Mit der Wandlungsfähigkeit und Allgegenwärtigkeit des Kapitalismus, seinem Eindringen in alle Lebensbereiche und Nischen beschäftigt sich dieser, aus einer Ringvorlesung an der Universität Wien hervorgegangene Essayband. Die Ringvorlesung zum Thema „Kapitalistischer Realismus. Ethik, Ästhetik und Ökonomie in der Gesellschaft der Gegenwart“ wurde unter dem Eindruck der jüngsten Weltwirtschaftskrise im Jahr 2009 abgehalten und hat bis zum Jahr 2011 nichts an Aktualität eingebüßt.

Den Ausgangspunkt des Essaybandes bildet eine Kunstaktion der Düsseldorfer Künstler Gerhard Richter und Konrad Lueg namens „Leben mit Pop – Eine Demonstration des kapitalistischen Realismus“ aus dem Jahr 1963. Dabei präsentierten die Künstler eine, für die damalige Zeit des Wirtschaftswunders typische, Wohn‑ und Schlafzimmereinrichtung in einem Möbelhaus – eine ästhetische Entlarvung bürgerlicher Konsum‑ und Lebensgewohnheiten. Diese Zurschaustellung deutschen Bürgertums bezog sich jedoch, im Gegensatz zur angloamerikanischen Pop‑Art, nicht auf das Neue, Junge und Glanzvolle dieser Lebenswelt, sondern offenbarte eine gewisse Biederkeit, wenn nicht gar Lächerlichkeit – auch wenn die Intention Richters und Luegs nicht als gesellschaftskritisch, sondern als ironisch verstanden werden wollte.

Fast 50 Jahre später unternimmt die Ringvorlesung eine weitere Analyse kapitalistischer Lebenswelten, diesmal allerdings mit einer klar gesellschaftskritischen Konnotierung. Die 14 Beiträge darin sind punktuelle Beschreibungen und Analysen des kapitalistischen Realismus und entstammen den Disziplinen der Soziologie, Philosophie, Kunsttheorie, Publizistik, den Erziehungswissenschaften, der politischen Ökonomie und der Kulturforschung. Die Themenfelder sind grob in die vier Bereiche Ästhetik, Ökonomisierung, Distinktionen und Konsum gegliedert.

Einleitend beschreibt der Soziologe Sighard Neckel die zentralen Phasen der kapitalistischen Entwicklung sowie Grundzüge des heutigen Kapitalismus. Als erste Phase ist die industrielle Revolution anzusehen, die durch technische Innovationen Massenproduktion und Konsum in einem zuvor ungekannten Ausmaß ermöglichte und einen großen gesellschaftlichen Fortschritt bewirkte. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte die zweite Phase, die durch die hoch spezialisierte Arbeitsteilung des Industriekapitalismus geprägt war und großen Teilen der Bevölkerung materiellen Wohlstand bescherte.

Nun befinden wir uns seit den 1980er Jahren in der dritten Phase, dem „Kapitalismus 3.0“: Die graue, eintönige und standardisierte Arbeitswelt des Industriekapitalismus ist einem flexibilisierten und individualisierten Markt‑ und Netzwerkkapitalismus im Zeichen des „New Management“ gewichen. Sicherheit wurde gegen Freiheit eingetauscht, starre und feste Verhältnisse wurden durch Flexibilität und Befristung ersetzt. Der Beruf dient fortan nicht mehr lediglich dem Broterwerb, sondern soll durch gesteigerte individuelle Eigenverantwortlichkeit Selbstverwirklichung und Befriedigung liefern. Mobilität, Flexibilität, Kreativität und Verfügbarkeit werden zu gesellschaftlichen Imperativen, das ganze Leben wird zu einem „Projekt“, dessen Gestaltung und Erfolg, auch jenseits der Arbeitsverhältnisse, jedem Selbst obliegen. Der Kapitalismus dringt so auch in das Privatleben ein, wird zum dominanten Lebensstil und prägt die gesamte Kultur.

So beschreibt Poptheoretiker Diedrich Diederichsen im Anschluss die so genannte „Nietzsche‑Ökonomie“: Intensität, Steigerung und Verschwendung gewinnen die Oberhand über eine vormals dominierende Kultur der Intention. Auch von einer Ökonomisierung ehemals weitgehend unabhängige Bereiche wie Kunst und Kritik werden vom Markt vereinnahmt, wie Isabelle Graw in ihrem Beitrag über den Kunstmarkt aufzeigt. Kunst und Markt stellen keine unüberbrückbaren Gegensätze mehr dar, sondern sind meist eng miteinander verflochten.

Popmusik spielt in diesem neuen Kapitalismus eine wichtige Rolle. Der Beitrag des Journalisten Robert Misik gibt Aufschluss darüber, wie das Popmusik‑Ethos in Form von Coolness und Kreativität in das Wirtschaftsleben aufgenommen wurde. „Kulturelle Allesfresser“ nennt Michael Parzer die neuen Netzwerkkapitalisten und zeigt anhand des Beispiels des ehemaligen Bundesverteidigungsministers und CSU‑Säulenheiligen, Karl‑Theodor zu Guttenberg, dass sich eine Vorliebe für Mozart und AC/DC nicht ausschließen müssen. Es sei vielmehr von Vorteil, sich in möglichst vielen Genres und Bereichen auszukennen, überall mitreden zu können, Kontakte zu knüpfen und so soziales und kulturelles Kapital zu mehren.

Natürlich werden auch die Ursachen und Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise behandelt, wenn etwa bei Birgit Mahnkopf von der „Satansmühle“ der kapitalistischen Ökonomie die Rede ist. Sie sieht in den Bankenrettungen nur eine weitere Ölung dieser „Satansmühle“ und fordert eine drastischere Regulierung der Märkte und eine Abkehr von der kapitalistischen Wachstumslogik.

Spätestens bei der Abhandlung Andrea Roedigs „Zum Geschlecht des Kapitalismus“ – der kommerziellen Ausschlachtung und Verstärkung geschlechtsspezifischer Stereotype durch das Marketing – und Manfred Prischlings Beschreibung des nach Erlebnis und Konsum hungernden kapitalistischen Subjekts beschleicht einen das dumpfe Gefühl, dass er wohl wirklich überall ist, dieser neue Kapitalismus. Doch gibt es denn kein Entkommen, keine Möglichkeit der Kritik oder gar der Rebellion?

Auf diese Frage versucht Ulrich Bröckling im letzten Beitrag einzugehen, wenn er sich der Möglichkeit „anders anders“ zu sein widmet. Eine solche Kritik könne seiner Meinung nach nicht in der bloßen Verneinung und Abkehr der Verhältnisse liegen, da genau dies ein elementarer Bestandteil des Kapitalismus sei und die Voraussetzung für die geforderte Herstellung von Alleinstellungsmerkmalen und Innovationen darstelle. Es sei vielmehr erforderlich, in bestimmten Momenten „anders anders“ zu sein.

Insgesamt ist der Essayband Kapitalistischer Realismus. Von der Kunstaktion zur Gesellschaftskritik als überaus lesenswertes und wichtiges Buch einzuordnen. Die teils soziologische Sprache macht es vielleicht nicht für jeden leicht verständlich, doch die Lektüre lohnt sich allemal. Wer sich für eine interdisziplinäre und breit gefächerte, wenn auch nicht allumfassende, Beschreibung gegenwärtiger kapitalistischer Verhältnisse interessiert, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen, wenngleich es einen etwas ratlos und leicht verstimmt im kapitalistischen Realismus zurücklässt. Und so bleibt nach der Lektüre dieses Buchs die Frage: War früher vielleicht wirklich alles besser?

Dominik Redemann

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Facetten der Sarah Baartman

Sabine Ritter
Facetten der Sarah Baartman – Repräsentationen und Rekonstruktionen der „Hottentottenvenus“
Racism Analysis, Series A: Studies, Volume 1, edited by Wulf D. Hund
LIT Verlag 2010
280 Seiten
29,90 €

g10950-7Wer sich intensiver mit den historischen Hintergründen von Rassismus beschäftigt, trifft früher oder später auf die Geschichte der Sarah Baartman. Sie lebte um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, stammte aus einem kolonialen Grenzgebiet in Südafrika und wurde 1810 nach England gebracht, mit der Absicht, sie aufgrund ihrer für Europäer beeindruckenden Anatomie als „Hottentot Venus“ auf einem Podest und in einem Käfig auftreten zu lassen. Hier konnten Schaulustige sie nicht nur begaffen, sondern auch berühren, kneifen und pieksen. Wurde sie ob zu grober Behandlung unwillig, trat ein Wärter dazwischen. Die Londoner African Institution warf dem Schausteller vor, sie damit gegen ihren Willen ihrer Menschenwürde zu berauben. Laut Baartmans eigener Aussage war dem jedoch nicht so und der Schausteller wurde freigesprochen. Nach dessen Tod zog sie mit einem neuen Impresario nach Frankreich, wo sie in gleicher Weise präsentiert wurde und damit auch in das Interesse der Wissenschaft geriet. Unter der Leitung des bekannten Anatomen Georges Cuvier wurde sie gezeichnet und vermessen und nach ihrem Tod im Dezember 1815 ausgiebig examiniert. Ein kolorierter Gipsabdruck ihres Körpers und ihr Skelett wurden bis 1982 im Musée de l’homme in Paris ausgestellt. Zudem wurden ihr Gehirn und ihre Genitalien konserviert und im Magazin aufbewahrt. Erst nach hartnäckigen Verhandlungen konnten ihre körperlichen Überreste schließlich im August 2002 nahe Kapstadt beerdigt werden.

Die rassismuskritische Forschung rekurriert weithin auf die „Hottetottenvenus“, deren Erzählungen und deren Bilder als Repräsentationen. Sabine Ritter hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese historisch einzuordnen. Sie untersucht und kontextualisiert die Repräsentationen und Rekonstruktionen der „Hottetottenvenus“, um Wahrnehmungsmuster zu hinterfragen, die oft genug unbeabsichtigt reproduziert werden. Ritters Ziel ist eine „Durchdringung der Facetten Sarah Baartmans […], die im besten Sinn aufklärerisch wirkt und weder Stereotype noch voyeuristische Situationen reformuliert und fortschreibt“.

Für ihre Diskursanalyse zieht sie unterschiedlichste Quellen wie Zeitungsartikel und Karikaturen, Gerichtsunterlagen und wissenschaftliche Untersuchungsberichte, aber auch Theaterstücke, Filme und Kunstwerke heran. Zudem wird der aktuelle Stand der Forschung in die Analyse miteinbezogen. Die Kategorien „race“ und „gender“ bilden die Hauptachsen in den Diskursen um die „Hottentottenvenus“ und sie liefern unter anderem im 19. Jahrhundert die Basis, auf der Differenz konstruiert wurde, um das „Andere“ zur europäischen bürgerlichen Norm zu schaffen, das dann der Diskriminierung ausgesetzt wurde. Im Anschluss an Wulf D. Hund stellt Ritter fest: „Mit ihren wechselseitigen Verknüpfungen und argumentativen Überlappungen stellen Geschlecht, Klasse, Nation, Kultur und Rasse Kategorien dar, innerhalb derer der moderne Rassismus als soziales Herrschaftssystem generiert wurde und wird“. Diese Intersektionalität bildet ebenso wie die zwischen Cultural und Postcolonial Studies verortete interdisziplinäre Herangehensweise die Grundlage der vorliegenden Arbeit.

Gegliedert ist der Band in zwei Hauptteile. Im ersten untersucht Ritter die „Repräsentationen im neunzehnten Jahrhundert“ unter den Aspekten der Konstruktion, Präsentation und Verifikation, im zweiten die wissenschaftlichen, politischen und künstlerischen „Rekonstruktionen im zwanzigsten Jahrhundert“. Am Schluss zieht sie eine kritische Bilanz der diversen Zuschreibungen, denen die „Hottentottenvenus“ seitens der Wissenschaft, Politik und Kunst ausgesetzt war. Letztlich, so Ritter, steckt hinter diesem Stereotyp „ein Mensch […], über dessen Handlungskompetenz und Persönlichkeit nur noch bedingt ein Urteil abgegeben werden kann. […] Schon zu Lebzeiten versteckten Bilder und Zeichen die Person, die heute mythisches Symbol der kolonialen Ausbeutung Afrikas ist“.

In diesem Buch geht es also nicht um die reale Person Sarah Baartmans und deren Biografie, als vielmehr darum, wozu sie in den letzten zwei Jahrhunderten benutzt worden ist. Lesenswert ist es auch für nicht wissenschaftlich Interessierte aufgrund seines beeindruckenden Quellenmaterials und dessen Aufbereitung und kontextueller Einordnung. Zudem schärft es den Blick für eine Auseinandersetzung mit Rassismus und damit, wie dieser auch unbeabsichtigt und gut gemeint immer wieder festgeschrieben wird.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)

Die Ballade der Trockenpflaumen

Pulsatilla
Die Ballade der Trockenpflaumen
Graf Verlag 2011
215 Seiten
14,99 €

9783843700207_coverValeria di Napoli, die Autorin dieses Buches, schreibt unter dem Pseudonym Pulsatilla, lateinisch für ein giftiges Kraut namens Kuhschelle, das gleichwohl ein homöopathisches Heilmittel gegen Boshaftigkeit sein soll. Soweit informiert der Klappentext, aber offenbar hat das Kraut nicht viel geholfen. Ursprünglich als Einträge in ihrem Blog veröffentlicht, widmet sich die junge Italienerin in kurzen Kapiteln allerlei Aspekten des (Frauen‑)Lebens – zumeist denen, die sonst unausgesprochen bleiben – und das in einem bissig-witzigen Tonfall, der erkennen lässt, dass sie in ihrer Jugend nicht gerade auf Rosen gebettet war. Oder doch, aber dass bei ihr die Stiele mit dran geblieben sind.

Ansatzweise chronologisch beginnt der Band mit Pulsatillas Geburt und Kindheit und der Bürde, in einem links‑chaotischen Elternhaus aufzuwachsen. Die Unbillen der Adoleszenz und die Mühen mit zahlreichen Männerbekanntschaften bilden im weiteren Verlauf den Rahmen, auf Details (der weiblichen Pubertät und der männlichen Anatomie) aufmerksam zu machen, die man vielleicht gar nicht so genau wissen wollte, aber die ausreichend Gelegenheit geben, mit viel Spott und Hohn kommentiert zu werden. Zu Beginn ist das ganz amüsant, gelegentlich auch richtig erheiternd, aber nach einer Weile lässt der Spaßfaktor beim Lesen merklich nach.

Im Allgemeinen erhöhen Tabubrüche die Erfolgschancen eines Buches, aber wenn einen oder eine beim Lesen ständig das Gefühl beschleicht, zum Schlüssellochkucken gezwungen zu werden, wird das Ganze auf Dauer etwas fad. Und, was noch schlimmer ist, es hört komplett auf lustig zu sein, wenn sich mit der Zeit nur noch Mitleid mit der Autorin einstellt. Das arme Geschöpf scheint an nichts echte Freude haben zu können, was das (italienische) Frauenleben anscheinend so mit sich bringt, hat aber auch nicht den Mut, dem ganzen Zirkus aus Modeallüren, Schönheitsvorschriften und Männeridealen die rote Karte zu zeigen und sich erst einmal mit sich selbst anzufreunden. So arbeitet sie sich an einer Peinlichkeit nach der anderen ab und am Ende kann man ihr nur von ganzem Herzen wünschen, dass ihr zukünftiges Leben nicht weiter von ständigen Frustrationen gekürt sein wird, die sie nur mit spitzer Zunge bzw. Feder bewältigen kann.

Sicher, wer einen Hang zu Schadenfreude und eben Boshaftigkeit hat, wird sich mit diesem Buch gut amüsieren können. Wer Fußball nicht mag, auch. Ein Roman, von dem man doch eine gewisse Spannung erwartet, ist der vorliegende Band allerdings nicht.

Gabriele Vogel

(Diese Rezension erschien zuerst im Journal der Jugendkulturen #17, Winter 2011)