Slime

Daniel Ryser
Slime – Deutschland muss sterben
Heyne 2013
288 Seiten
19,90 €

Eine Band-Biographie über Slime? Für Fans ein Muss, sollte man meinen. Der spontane Eindruck beim ersten Durchblättern war jedoch gleich etwas enttäuschend. Es ist sehr groß geschrieben, enthält wenige Abbildungen und in der Band-Diskographie sind nicht alle Scheiben mit Cover abgebildet.

Dennoch habe ich es natürlich gelesen. Der Text erinnert an einen Spiegel-Artikel: Er ist faktenreich, journalistisch gut aufgearbeitet und sehr gut lesbar verfasst. Weitgehend chronologisch arbeitet der Autor, ein Journalist aus St. Gallen in der Schweiz, Jahrgang 1979, die ebenfalls 1979 beginnende Band-Geschichte von Slime auf. Er stützt sich dabei vor allem auf nachträglich getätigte Aussagen der (ehemaligen oder immer noch aktiven) Band-Mitglieder sowie von Menschen, die im Laufe ihres Lebens mit Slime in Berührung gekommen waren. Und es ist durchaus reizvoll, Beobachtungen von Musikern wie Schorsch Kamerun, Rocko Schamoni, Jan Delay und zahlreichen anderen zu hören: prominente Musiker, die man nicht automatisch mit Slime in Verbindung gebracht hätte.

Weiterhin interessant ist der Hintergrund zum „Deutschland muss sterben“-Text. Dieser spielt auf das Kriegerdenkmal aus der Nazizeit an, das immer noch in Hamburg steht, obwohl es nach dem Krieg eigentlich hätte geschleift werden sollen. Ebenfalls spannend natürlich die Geschichten zum frühen Punk in Hamburg, der Hamburger Hafenstraße und zum FC St. Pauli: alles Entwicklungen im direkten Umfeld von Slime. Und die Band-Entwicklungsgeschichte selbst: die Ur-Besetzung (zu der weder Dirk Jura noch Stephan Mahler gehörten), die Umbesetzungen, die Indizierungen und darauf folgenden (Selbst-) Zensierungen, der Kommerz-Vorwurf (thematisiert mit dem Album Alle gegen Alle), Hintergründe zur ersten Auflösung 1984 und der legendären „Ansage“ zum Konzert in Berlin/Pankehallen 1984: Mit dieser war also eine Gruppe Nazis gemeint, die sich eingeschlichen hatte. Die Reunion 1992 mit den beiden LPs Viva La Muerte und Schweineherbst und der erneute Split danach. Die erneute Reunion-Tour 2010, bis zur neuen LP mit Texten von Erich Mühsam. Diese Erzählungen bringen interessante Hintergründe zutage, und die Lektüre lässt einen neu überlegen, für was die Band stand.

Daniel Ryser hat die geführten Interviews in einer ansprechenden Form zusammengetragen. Deutlich wird jedoch eine spürbare Distanz zur Band und zu ihrem Umfeld, er dürfte sich keineswegs als Punk oder Linksradikaler begreifen. Ein Satz von ihm mag das auf den Punkt bringen: „Es gibt ein Konzept, man kann es bürgerlich nennen oder einfach nur vernünftig: zuerst eine Ausbildung abschließen und sich dann ordentlich austoben. Dieses Konzept hatte Dirk nicht verinnerlicht.“ (S. 23)

Letztendlich bleibt eine Schwäche des Buches, dass ein außenstehender, deutlich jüngerer Autor die Band-Geschichte von Slime zu schreiben versucht. Es ist nicht zu spüren, dass der Autor ein Gefühl für die Bedeutung der Band in der Punk- sowie der linksradikalen Szene und für die Umstände der Zeit hat. Er schreibt seinen Text aus heutiger Sicht und mit heutigen (bürgerlichen?) Wertungen.

Dieser Blick von außen gibt ihm natürlich auch etwas Besonderes. Interessant sind unter anderem seine Charakterisierungen der Band-Mitglieder (u. a. Dirk Jura als das proletarische Element der Band und Elf als der ewige Rock’n’Roller – schlechter kommt der als unbeständig und selbstherrlich charakterisierte Stephan Mahler weg). Dennoch hätte man sich als Fan einen Band-Biographen gewünscht, der näher an der Zeit und mehr Teil des Geschehens war.

Rein punkhistorisch wäre es auch interessant gewesen, der Frage nachzugehen, wie Slime ihre besondere Stellung in der Punk-Szene erreichen konnte, es gab um 1982 (DER klassischen Deutschpunk-Ära) viele weitere Bands mit radikalen, eindeutigen Texten: Warum wurden Slime bedeutender als Toxoplasma oder Canal Terror? Auch bleibt die direkte Nachfolgeband von Slime, Targets, völlig unerwähnt.

Vor allem auch formal hätte dem Buch eine gute Prise mehr Punk-Spirit gut getan. In den letzten Jahren boomte die Punk-Rückblicksliteratur, deren herausragende Exemplare gerade dadurch bestechen, dass sie Originaldokumente wie Zeitungs- und Fanzineartikel, Flyer, Poster u. ä. dokumentieren. Dies alles fehlt schlicht. Bei genauer Betrachtung fallen auch in der Diskographie schwerwiegende Lücken auf.

So bleibt der Eindruck, dass das Buch etwas schnellfertig abgeschlossen wurde. Die Band (außer Stephan Mahler) scheint mit dem Buch aber zufrieden zu sein, schließlich tourte sie im April mit dem Autor und führte eine Lesereise incl. Akkustik-Set durch. Vorgelesen (übrigens in einem durchaus passenden, da Distanziertheit ausdrückenden, monotonen, aber forschen Ton) entwickeln manche Anekdoten doch einen neuen Reiz.

Im Ganzen bleibt jedoch der Eindruck, es wäre deutlich mehr drin gewesen, bei einer Biographie über die bis heute wichtigste deutsche Punk-Band. Insbesondere stört mich weiterhin die recht lieblose Aufmachung. Und vielleicht ist da in einer eventuellen Neuauflage mehr möglich.

Andreas Kuttner

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