Leck mich am Leben

Frank Willmann (Hrsg.)
Leck mich am Leben – Punk im Osten
Neues Leben 2012
272 Seiten
19,95 €

Braucht es ein weiteres Buch über Punk in der DDR? Diese Frage stellte ich mir, als ich von diesem Buch-Projekt erfuhr. Mit Wir wollen immer artig sein, Auch im Osten trägt man Westen, Punk in der DDR: Too much future? sowie dem 2011 erschienenen Macht aus dem Staat Gurkensalat liegen vier hervorragende und – wie man meinen sollte – erschöpfende Bücher über diesen Themenbereich vor.
Aufhorchen lässt allerdings der Herausgeber. Frank Willmann ist auf jeden Fall einer vom Fach, der in der Vergangenheit bereits – zusammen mit Anne Hahn – ein Buch über den Sänger der sicher herausragendsten DDR-Punk-Band Schleimkeim veröffentlichte und sich auch sonst eingehend mit Subkulturen der DDR (u. a. Fußball-Fans) publizistisch beschäftigte. Weiterhin einen guten ersten Eindruck hinterließen die gelungene Umschlaggestaltung und auch die abgebildeten, bisher zumeist unbekannten Fotos. Frank Willmann gelang es auch, Autorinnen und Autoren zu gewinnen, die sich bereits um die Geschichtsschreibung zu Punk in der DDR einen Namen gemacht haben: Zu nennen sind dabei u. a. Ronald Galenza und Heinz Havemeister, Matthias Baader Holst, Anne Hahn, Henrick Gericke, Dirk Teschner, Bert Papenfuß und Dirk Moldt. Dazu kommt, aus der West-Perspektive, Jan Off.

Aber auch wenn diese Namen „Leck mich am LEben“ adeln, so bringen ihre Artikel letztendlich nichts wirklich Neues. Sicher gibt es auch Lichtblicke in diesem Buch, wie Veit Pätzungs Schilderung aus Sachsen „Moses und The Fickschnitzels“, die Anekdoten-Sammlung „Bankerte“ von Montezuma Sauerbier und persönliche Nachrufe von Frank Willmann und Dirk Moldt. Die reinen Erlebnisgeschichten hat man allerdings schon zu oft in der einen oder anderen Form gelesen. Und es stört nicht einmal groß, dass der (eigentlich ja essentielle!) Themen-Bereich „Sicherheitsorgane“-Repressionen-Gefängnis nur am Rande vorkommt, denn: Man kennt ihn einfach! Und wahrscheinlich sollte man sich einfach damit abfinden, dass die etwas mehr als ein Dutzend Jahre, in denen es Punk in der DDR gab, irgendwann ausgereizt sind und es dazu nichts mehr zu sagen gibt, das nicht schon gesagt wurde.

Hervorragend ist allerdings der sehr gut abrundende Artikel von Anne Hahn am Ende des Buches, der den Forschungsstand zu Punk in der DDR zusammenfasst. Und da blitzt dann auch doch noch ein Thema auf, das bisher unterrepräsentiert scheint: und zwar Punk in der untergehenden und untergegangenen DDR 1989-90. Inwiefern waren Punks an der friedlichen Revolution beteiligt? Wie veränderte sich ihr Leben mit der Öffnung der Grenzen und mit dem Machtverfall der bisherigen Machthaber? Inwiefern taten sich neue Freiräume, aber auch neue Gegner auf? Begrüßten sie „den Westen“, den neuen Staat? Es gibt einzelne Aussagen zu diesen Themen, die aber noch nicht zu einer Gesamtuntersuchung gebündelt wurden. Es besteht also doch noch Forschungsbedarf. Leck mich am LEben begnügt sich leider damit, ein neuer Aufguss von längst Bekanntem zu sein.

Andreas Kuttner

(Diese Rezension erschien erstmals in TRUST Nr. 158, Februar 2013)

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