Generation Ego

Bernhard Heinzlmaier & Philipp Ikrath
Generation Ego – Die Werte der Jugend im 21. Jahrhundert
Promedia 2013
208 Seiten
17,90 €

Der andauernden Diskussion über den Werteverfall der Jugend, ihre Politikverdrossenheit und ihren übertriebenen Egoismus wird mit diesem Buch eine wissenschaftlich fundierte und umfassende Argumentationsgrundlage gegenübergestellt. Die beiden österreichischen Autoren bedienen sich dabei soziologischer Theorien, philosophischer und psychologischer Ansätze sowie der Analyse geschichtlicher Entwicklungen, um nicht nur den tatsächlichen Ist-Zustand abseits der medialen Aufschreie zu beschreiben, sondern auch um herzuleiten, wie es zu der aktuellen Situation kommen konnte. Unter Zuhilfenahme aktueller wissenschaftlicher Studien sowie Klassiker der Theorie wie Marx, Weber, Mead, Bourdieu oder Elias (um nur einige zu nennen) wird so ein kompetentes Bild der jugendlichen Gegenwart gezeichnet, welches sich trotz der Orientierung auf österreichische Jugendliche gleichwohl auch auf die Situation in Deutschland, wenn nicht sogar in Teilen auf ganz Westeuropa beziehen lässt.

Das Buch beginnt mit einer Erläuterung des  Phänomens Jugend, ihres Stellenwerts in der Gesellschaft sowie mit der Entwicklung und Bedeutung von Werten. Jugend ist dabei ein dehnbarer Begriff und wird im Folgenden sowohl für die klassische Jugend der Teens als auch für die Generation der jungen Erwachsenen gebraucht. In Kapitel 2 geben die Autoren eine Einführung in die jugendliche Alltagskultur und den gegenwärtigen Trend zur Individualisierung, welcher vor allem geschichtlich nachvollzogen wird. Es folgt eine Skizzierung der Gegenwart, in welcher dargelegt wird, wie Medien, Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und gesellschaftliche Bedingungen der Beschleunigung sowie der Marktwirtschaft auf die Jugendlichen und jungen Erwachsenen einwirken und ihre moralischen Auffassungen, ihre religiösen Orientierungen sowie ihre Werteorientierungen beeinflussen. Eine umfassende Diskussion über politische Partizipation und Wahrnehmung, eine veränderten Protestkultur und die zunehmende Differenzierung der großen politischen Strömungen umfasst Kapitel 5. Anschließend bearbeiten die Autoren den großen Komplex Bildung, Ausbildung und Arbeitswelt und beschreiben, wie sich die Auffassungen von Arbeit und Freizeit verändern und welche Auswirkungen das neue Dogma des lebenslangen Lernens auf die Arbeitsmarktsituation der Jugend hat. Insbesondere dem Einfluss des Marktes  wird hier umfassend Rechnung getragen. Zudem wird die Rolle des Internets dargelegt, welche den Stellenwert des Egos und der Selbstdarstellung betont und damit die Individualisierung vorantreibt. Doch auch dem Phänomen der digitalen Gemeinschaft und der sozialen Netzwerke wird auf den Grund gegangen. Im abschließenden Kapitel wagen die Autoren einen vorsichtigen Blick in eine mögliche Zukunft, welcher momentane Entwicklungen weiterspinnt und stellenweise als Warnung gelesen werden kann.

Leser_innen zwischen 20 und 35 werden bei der Lektüre sicher oft ihre eigene arbeitsmarktunsichere und strukturell instabile Situation wiedererkennen und zumindest dahingehend getröstet werden, mit diesen Problemen nicht alleine dazustehen, sondern einer systematischen und scheinbar unaufhaltsamen gesellschaftlichen Entwicklung ausgeliefert zu sein. Jüngere Leser_innen werden vor der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung gewarnt und können das Buch als Offenlegung ihrer Handlungsoptionen und –grenzen begreifen. Ältere Leser_innen werden demgegenüber erkennen müssen, dass alles Schimpfen über die heutige Jugend nichts nützt: die Vorherrschaft von Kapitalismus und Marktwirtschaft wurde durch die Lebensweise ihrer Generation weiter vorangetrieben, wobei die Konsequenzen nun von der Jugend getragen werden müssen. Zudem wird ihnen klar werden, dass sie viele Phänomene durch die Allgegenwärtigkeit der neuen Medien und der veränderten Lebensorganisation nicht mehr begreifen können und gut daran täten, die Jugend nicht von Vornherein zu verurteilen. Mit der Lektüre dieses Buches zweier kompetenter Jugendkulturforscher hätten sie jedoch eine große Chance auf Verständnis und Toleranz gegenüber der alltäglichen Realität der nachwachsenden Generation.

Ute Groschoff

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s