Blutsbrüder

Ernst Haffner
Blutsbrüder – Ein Berliner Cliquenroman
Metrolit 2013
260 Seiten
19,99 €

Um die 50.000 arbeitslose Jugendliche lebten Anfang der 1930er Jahre in Berlin, darunter 15.000 obdachlose, meist aus „Fürsorgeanstalten“ entlaufene Jungen. Sie hielten sich als Tagelöhner und Laufburschen über Wasser, aber häufig führte ihr Weg sie auch in die Kriminalität oder Prostitution. Zuflucht fanden sie in selbstorganisierten Cliquen. Davon erzählt der 1932 unter dem Titel „Jugend auf der Landstraße Berlin“ erschienene Roman von Ernst Haffner. Von den Nationalsozialisten 1938 zu den „schädlichen und unerwünschten Büchern“ gezählt, verboten und öffentlich verbrannt, wurde das Buch vergessen und nun, gut 80 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, erneut publiziert.

Ernst Haffner arbeitete zwischen 1925 und 1933 als Journalist und Sozialarbeiter in Berlin. Mit der Machtergreifung der NSDAP verliert sich seine Spur. Der hier vorgestellte Roman blieb seine einzige Buchpublikation. Der Feuilletonist Siegfried Kracauer nannte Haffners Buch in der Frankfurter Zeitung eine „Roman-Reportage“ und trifft damit das Besondere des Textes, der zwischen Milieuschilderung und Abenteuerroman changiert.

Haffner beschreibt darin den Überlebenskampf der „Blutsbrüder“-Gang in einer Welt zwischen Wärmehalle und billigen Schlafquartieren, Kneipen und Bahnhofswartesälen, Flucht und drohendem Gefängnis oder erneute Einweisung in die Fürsorgeanstalt. Es ist die Welt der Arbeitslosen und Prostituierten, der Stricherjungen und Kleinkriminellen, die im Berlin der zweiten und dritten Hinterhöfe zu Hause sind. Der Kampf der „Blutsbrüder“ ums Überleben hat wenig Heroisches. Der Roman schildert Machtkämpfe innerhalb der Clique und Rivalitäten unter ihren Anführern, den „Cliquenbullen“, er beschreibt blutige Rachefeldzüge und dunkle Rituale des Zusammenlebens, doch der Kontrast zu den kleinen Freuden des Alltags, von denen der Roman auch erzählt, könnte nicht größer sein: Sie bestehen in einem Teller warmer Suppe, einem Sitzplatz in der Wärmehalle, genug Geld für Zigaretten oder einen Tag mit einem Mädchen auf dem Rummelplatz. Haffner beobachtet präzise.

Die Blutsbrüder sind das proletarische Gegenbild zu Erich Kästners Emil und die Detektive. Während diese nach bestandenem Abenteuer zum Abendbrot in die (klein-)bürgerlichen Wohnungen ihrer Eltern kehren, erwartet jene ein feuchter Strohsack in einer Kellerabsteige – aber auch das nur, wenn es ihnen tagsüber gelungen ist, die 50 Pfennig Miete dafür aufzutreiben. Emils Detektive stammen aus Wilmersdorf, die Blutsbrüder sind in Mitte zu Hause. West gegen Ost: Schon lange vor dem Bau der Mauer war Berlin gespalten in einen reichen West- und einen proletarischen Ostteil. Und in Haffners Roman wird klar, dass die Kluft zwischen Arm und Reich eine fast ebenso unüberwindliche Grenze darstellte wie später die Mauer. Einmal geraten Ludwig und Wilhelm, die eigentlichen Helden des Romans, nach ihrem Ausstieg bei den Blutsbrüdern in den Westen: „Ihnen ist, als seien sie in einer fremden Stadt. Berlin. Nie war ihnen der Einfall gekommen, einmal in den Berliner Westen zu gehen. Die grauen Straßen mit ihren ersten und zweiten und noch mehr Hinterhöfen, das war ihre Heimat. Hier sind sie, ja wirklich, hier sind sie in der Fremde. In einer reichen, heiteren Fremde, wie es den Anschein hat. Die Menschen haben alle funkelnagelneue Kleider an, als sei heute ein hoher Feiertag und nicht irgendein Mittwoch. Die Läden gleichen Palästen, in denen seine Majestät, der Kunde, gelangweilt nach irgendeiner kostbaren Kleinigkeit sucht. Und die Frauen. Die Damen. Jede, aber auch jede ist so reich gekleidet, riecht so gut, ist so schön.“ In dieser Welt werden Ludwig und Wilhelm schon bald zum Objekt der Begierde pelzbemäntelter Herren, die, „müde der gebadeten und siebenmal gesalbten Körper, flackern nach der weniger sauberen, aber derberen Kost der Proletarierjungen“.

Die beiden waren der Hölle der Fürsorgeanstalten entlaufen, in denen Machtmissbrauch und schwarze Pädagogik an der Tagesordnung waren. Auch darin erweist sich der Roman als erschreckend aktuell: Schon in den 1920er Jahren waren die Missstände in den Erziehungsheimen ein großes Thema, nicht zuletzt, weil es mehrere Aufstände von Zöglingen gegeben hat, die bis zur Schließung ganzer Einrichtungen führten. Ohne Papiere aber haben Jungen wie Ludwig und Wilhelm keine Chance auf legale Arbeit – werden sie von der Polizei aufgegriffen, droht ihnen die Rücküberweisung in die Fürsorgeanstalt. Das einzige Ziel, das diese Jungen vor Augen haben, ist der 21. Geburtstag und damit der Eintritt in die Volljährigkeit, die sie der Zuständigkeit der Fürsorgeanstalten für immer entzieht.

Klaus Farin

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