Hidden Tracks

Thorsten Schüller & Seiler Sascha (Hrsg.)
Hidden Tracks – Das Verborgene, Vergessene und Verschwundene in der Popmusik
Königshausen & Neumann 2012
220 Seiten
29,80 Euro

Hidden Tracks. Das Verborgene, Vergessene und Verschwundene in der Popmusik. € 29,80Auf die Suche nach den versteckten Perlen der Popkultur gehen in diesem Band: Jonas Engelmann, Till Huber, Jakob Christoph Heller, Benjamin Specht, Thorsten Schüller, Magnus Wieland, Ralf Dombrowski&Andreas Schumann, Johannes G. Pankau, Sascha Seiler, Jörg Pottbeckers, Torsten Hoffmann, Timo Obergöker, und Tom Liwa führt mit seinem Beitrag „Auszug aus Alcatraz“ auf poetische Weise den Reigen an.

Wer jemals eine CD bis zum Ende gehört hat und dann nach minutenlanger Stille über die plötzlich wieder einsetzende Musik erschrocken ist, der weiß, was ein „hidden track“ ist – kleine Zugaben, oft auch ganze Songs, die nicht auf dem Cover gelistet und auch in der Nummerierung nicht erkennbar sind. Um diese geht es in dem vorliegenden Band aber nur am Rande – erklärt werden sie erst im Beitrag von Wieland, der sich in erster Linie mit den B-Seiten von Singles auseinandersetzt.

Im ersten großen Abschnitt „Photos of Ghosts“ stehen Musikschaffende im Vordergrund, die sonst eher zu den „verborgenen, vergessenen und verschwundenen Künstlern“ zählen: Engelmann spürt dem mysteriösen Musiker Jandek nach und Huber analysiert das Werk Holger Hillers im Kontext der Neuen Deutschen Welle. Die immer ein bisschen jenseits von schlichtem Punk und hoher Kunst rangierenden unberechenbaren Projekte der Band Die tödliche Doris stehen im Fokus des Beitrags von Heller, bei Specht ist es die Kunstfigur PeterLicht und dessen utopische Texte. Schüller erweitert den Horizont mit seinem Blick auf afrikanische Popsongs und subversive afrikanische Musiker, die „Musik gegen das Vergessen“ kreieren.

Zu Beginn des zweiten großen Abschnitts „Vanishing Act“ erzählt Wieland seine bereits erwähnte „B-Side Story“ von den oft vernachlässigten Songs der Rückseiten alter Single-Vinyl-Schallplatten, die aber auch zum Ort musikalischer Experimente werden konnten. Dombrowski und Schumann beschäftigen sich mit einem weiteren verschwundenen Medium aus der popkulturellen Vergangenheit: In ihrer Auseinandersetzung mit den kurzlebigen artrockigen Konzeptalben der 1970er Jahre schreiben sie diesen letztlich eine konservative und systemerhaltende Haltung zu, die durch Punk attackiert wurde. Und im Anschluss forscht Pankau nach der „verborgenen Gesellschaftskritik in den Songs von Ray Davies und den Kinks“.

Mit dem ersten Beitrag „The Wilderness Downtown“ im dritten großen Abschnitt unter dem Titel „Into the Unknown“ richtet Seiler den Blick auch noch einmal auf ein Konzeptalbum, allerdings der untypischen Art, nämlich The Suburbs von der Band Arcade Fire aus dem Jahr 2010. Zentrale Aspekte sind hier Raum und Erinnerung, konkret bezogen auf das Aufwachsen in einem namenlosen Vorort von Houston und die verdrängte Vergangenheit. Weiter im Band geht es mit den Mutmaßungen über das Liebesleben von Morrissey, die selbst vor dem Hintergrund der kürzlich erschienenen Autobiografie des ehemaligen The Smiths-Sängers nichts an Spannung verlieren, forciert doch der Beitrag „Asexualität und Fetisch“ von Pottbeckers eine Betrachtung des Musikers im Spannungsfeld zwischen Selbstinszenierung und der Inszenierung des lyrischen Ichs. Nachfolgend nimmt Hoffmann sich mit „Du fehlst“ des großen Tabuthemas Tod und der verschiedenen Herangehensweisen in Popsongs an und den Abschluss bildet Obergökers Analyse zur „Darstellung der Shoah im französischen Chanson“ mit der „Songs als Orte kollektiver Erinnerung, Sichtbarmachung“ vorgestellt werden.

Die verschiedenen Beiträge sind, wie einzelne Songs auf einer Compilation-CD, unterschiedlich eingängig und für jede_n Lesende_n wohl auch unterschiedlich interessant. In ihrer gesamten Zusammenstellung bieten sie jedoch vielfältige Einblicke in die Seiten der Popkultur, die, im Gegensatz zur deren offensichtlicher Alltäglichkeit, Facetten aufzeigen, auf die man sonst vielleicht nie gestoßen wäre. Das macht den Reiz dieses Bandes aus und hält die Neugier auf jeden einzelnen Beitrag aufrecht, auch wenn auf den ersten Blick möglicherweise nur ein bestimmtes Thema ins Auge gefallen ist. Wer sich also nicht mit dem allseits Bekannten in den gängigen Musikzeitschriften zufriedengibt und auch seine Plattenkäufe nicht nur anhand der aktuellen Charts tätigt, sollte auch bei diesem Buch zugreifen.

Gabriele Vogel

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