Gerahmter Diskurs

Jonas Engelmann
Gerahmter Diskurs – Gesellschaftsbilder im Independent-Comic
Ventil 2013
336 Seiten
24,90 €

BildEs ist heiß im Kongo. Ein junger Mann betritt mit geschultertem Gewehr und Tropenhelm eine Kirche, in der Afrikaner_innen mit riesigen, verzerrten, knallroten Mündern in gebrochenem Französisch ein Kirchenlied singen. An seiner Seite läuft ein kleiner, weißer Spitz. Comics zeichnen, nicht nur in Hergés Paradebeispiel kolonialistischer und rassistischer Darstellungsmuster (Tim im Kongo von 1931), Stimmungs- und Menschenbilder ihrer Zeit. Doch wie kann eine Comicanalyse aussehen, die über solche Erkenntnisse hinausgeht?

Die Antwort liefert Jonas Engelmann in seiner im Mai 2013 im Ventil Verlag veröffentlichten Dissertation, die bereits jetzt als neues Standartwerk der Comictheorie gefeiert wird. In Gerahmter Diskurs wird der Comic nicht nur als Zeitdokument behandelt, an dem rassistische und reaktionäre Tendenzen aufgezeigt werden können, sondern auch als ein Medium, das aktiv Gesellschaftskritik übt. Engelmann nimmt dabei das subversive Potential des Independent-Comics, der Missstände und Ausgrenzungsmechanismen offenlegt, in den Blick und spannt dabei ein weites Netz aus zeitgenössischen Comicerscheinungen und deren Traditionslinien auf. Die südafrikanischen Bittercomix, die sich die Ästhetik von Tim im Kongo aneignen und eine Reflexion in Manier der Critical Whiteness liefern, legen dabei beispielsweise ihren Finger auf die Wunde der Apartheidsgesellschaft.

Neben dieser Aneignungsstrategie präsentiert Engelmann in drei Themenkomplexen (Rassismus, Krankheit und Religion) ein ästhetisch wie narratologisch breites Spektrum an Verfahren, die von den Autor_innen genutzt werden, um ihre Kritik zu verpacken. Biographische Erzählungen (beispielsweise Marjane Satrapis systemkritischer Comic Persepolis) finden dabei genauso Beachtung wie Inhalte, die auf einer Metaebene thematisiert und zunächst dechiffriert werden müssen.Charles Burns Erzählung Black Hole, in der eine sexuell übertragene Teenageredepedemie zu absurden Mutationen und zum sozialen Ausschluss führt, ist zwar im Raum des Fantastischen angesiedelt, weist aber offensichtliche Parallelen zu dem real-gesellschaftlichen Umgang mit der Krankheit AIDS auf. Burns zitiert dabei zeichnerisch den Stil amerikanischer Horrorcomics der 50er Jahre. Diese griffen einerseits den gesellschaftlichen Diskurs um Moral und Normalität auf, können heute aber auch als Ausdruck einer stark verunsicherten Gesellschaft gelesen werden, die Burns wiederum auf den hysterischen AIDS-Diskurs der 80er Jahre überträgt.

Es sind dabei nicht nur diese interessanten Herleitungen und Bezüge, die Engelmanns Buch so lesenswert machen. Vielmehr arbeitet er akribisch und doch gut nachvollziehbar heraus, inwiefern sich gerade das Medium Comic so gut als Instrument für Gesellschaftskritik eignet. So funktionieren Comics in einem selbstreflexiven, ironischen Modus und reproduzieren gesellschaftlich generierte Bilder, die sie gleichzeitig hinterfragen. Wenn der jüdische Autor Joann Sfar mit stereotypisierten Darstellungen von Juden arbeitet oder die karikaturhafte Diffarmierung von Schwarzen in Tim im Kongo von den Bittercomix übernommen wird, verweist der Comic dabei nicht nur auf Rassismen und Sehgewohnheiten unserer Gesellschaft, sondern auch auf seine eigene, oft auch nicht sehr rosige Geschichte.

Die Comic-typische gegenseitige Durchdringung von Text und Bild liefert zudem vielschichtige Interpretationsmöglichkeiten. So wird im feministischen Comic Dirty Plotte der Kanadierin Julie Doucet, während diese über ihre Herkunft spricht, eine Karte von Quebec neben der eines weiblichen Körpers abgebildet. Dieser Verweis auf körperliche Zuschreibungen durch Schönheitsideale bildet eine “kulturelle Kartographie”, die sich in einer stark sexualisierten Gesellschaft in die Körper von Frauen einschreibt.

Die Liste an spannenden Themen und Diskursfäden, die in Engelmanns Buch aufgegriffen werden, lässt sich unendlich fortsetzen. Fast beiläufig wird dabei noch ein ziemlich guter Abriss über die Comicgeschichte, die in Deutschland ja erst relativ spät wissenschaftliche Beachtung fand, geliefert. Gerahmter Diskurs ist absolut lesenswert, und auch wenn Engelmann sicherlich in dieselbe Kerbe haut, die bereits Ole Frahm in Die Sprache des Comics bearbeitet hat, vertieft er diese jedoch deutlich.

Hannah Zipfel

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