Prügel vom lieben Gott

Alexander Markus Homes
Prügel vom lieben Gott – Eine Heimbiographie
Alibri Verlag 2012 (erweiterte Neuauflage)
141 Seiten
12,50 €

Unmittelbar nach der Erstveröffentlichung 1981 zog das Buch Prügel vom lieben Gott einen jahrzehntelangen Rechtsstreit und Kampf um Glaubwürdigkeit nach sich. Der Autor Alexander Maria Homes skizziert diese Buchkarriere ausführlich auf den ersten 40 Seiten in einem eindringlichen Prolog. Da sein Buch eines der ersten autobiographischen Zeugnisse eines Heimbewohners darstellte, stieß es auf vielerlei Widerstände. Sein damaliger Anwalt Hans Christian Ströbele drückte es 2010 so aus: „Der Fall Homes kam 30 Jahre zu früh, die Gesellschaft war ich [sic] nicht bereit. Zudem war es ein einzelner Heimbewohner, der sich wehrte.“ (Interview 3sat zur Veröffentlichung der Dokumentation Die verlorene Kindheit des Alexander H.). Homes musste sich in zahlreichen Gerichtsverfahren gegen den Vorwurf der Verleumdung und übler Nachrede wehren, angestrebte Strafverfolgungen gegen Heimmitarbeiter wurden wegen Verjährung eingestellt. Die Vehemenz, mit der die Kirche die Veröffentlichungen dieses und weiterer Bücher vereiteln wollte, kritische Fernsehbeiträge an der Ausstrahlung hinderte und den Autor mit einer pädophilen Hetzkampagne überzog, ist erschütternd. Weitere Auflagen dieses Buches wurden nur durch den eingefügten Zusatz möglich, die geschilderten Ereignisse seien „literarisch verarbeitet und verfremdet“.

Vom Prolog angemessen auf die Bedeutung des Buches vorbereitet, findet man auf den folgenden 100 Seiten der Neuauflage die Biographie eines Heimkindes zwischen 1961 und 1975. Aufgrund einer durch den Amtsarzt vollzogenen und quasi willkürlichen Zuordnung als Lernbehinderter wird Homes im schulfähigen Alter von einem Kinderheim in das Sankt Vincenzstift Aulhausen überwiesen, eine Einrichtung für Lernschwache und geistig Behinderte. Es folgen neun traumatische Jahre, die der Autor auf eine schnörkellose, plastische und sehr direkte Weise beschreibt. Lose zusammenhängende Ereignisse geben einen Heimalltag wieder, der von Lieblosigkeit und Angst geprägt ist. Im Namen Gottes werden den Kindern mithilfe von Gewalt und Demütigung absoluter Gehorsam und Gottesfürchtigkeit gelehrt. In Selbstreflexionen wirft Homes interessante Fragen über die Auswirkungen solcher Erziehungsmethoden auf den Glauben und die Psyche eines Kindes auf. Ein Interview mit einer ehemaligen Nonne im Prolog veranschaulicht dabei auch die andere Seite und liefert einen interessanten Beitrag über Schuld und Glauben.

Neben der Rolle des Glaubens und den Konsequenzen gewalttätiger Erziehung geht Homes auch auf den Bereich der Pädophilie ein. Nicht nur der sexuelle Missbrauch durch den Arzt, sondern vor allem das Thema der Zwangshomosexualität erhält einen angemessenen Raum in beiden Teilen des Buches. Homes beschreibt die psychischen Ursachen für seine sexuelle Präferenz für jugendliche Männer und gibt einen authentischen Einblick in die Gefühlswelt eines sexuell verstörten Kindes und Jugendlichen.

Insbesondere die in den letzten Jahren verstärkte Debatte über schwarze Pädagogik in kirchlichen Betreuungsanstalten und die Frage nach Kenntnis und Verantwortung der Beteiligten erhält durch die dreißigjährige, von gerichtlichen Auseinandersetzungen geprägte Existenz dieses Buches eine neue zeitliche Perspektive. Es ist nicht zuletzt auch das Sankt Vincenzstift Aulhausen, welches in der im September 2013 veröffentlichten Studie Behindertenhilfe und Heimerziehung: Das St. Vincenzstift Aulhausen und das Jugendheim Marienhausen (1945 bis 1970) von Bernhard Frings untersucht wurde und als Beispiel für den Willen der Kirche gilt, mit der zögerlichen Verarbeitung ihrer damaligen Heimerziehungspraktiken zu beginnen.

Ute Groschoff

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