Ware Inszenierungen

Dietrich Helms und Thomas Phleps (Hrsg.):
Ware Inszenierungen – Performance, Vermarktung und Authentizität in der populären Musik
transcript 2013
230 Seiten
21,80 €

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Der Arbeitskreis Studium Populärer Musik ASPM veranstaltete im November 2011 eine Tagung „Populäre Inszenierungen / Inszenierungen des Populären in der Musik“, als dessen Ergebnis dieses Buch entstand. Der Band untersucht das Verhältnis von „Echheit“, auch Authentizität genannt, zur Inszenierung, der bewußten Darstellungsweise von Image und Musik.

Philipp Auslander geht in seinem Text z. B. auf das Problem des Live-Erlebnisses bei elektronischer Musik ein, bei der die traditionelle Live-Darbietung einer handwerklich arbeitenden Musikerpersönlichkeit wegen der entweder vorproduzierten Tracks oder des nur mit Knöpfchen versehenen Equipments nicht stattfindet. Dennoch fordert das Publikum eine visuelle Umsetzung der dargebotenen Klänge, auch diese neuartige Musik braucht ein herkömmliches Konzerterlebnis.

Ralf von Appen setzt sich mit dem Verhältnis von Authentizität und Inszenierung auf der Bühne ein. Dabei geht er von vier Dimensionen der Authentizität aus: persönliche Authentizität (d. h. die Künstlerperson verwirklicht sich auch in einer Bühnenshow als kreative Persönlichkeit), sozio-kulturelle Authentizität (die Verkörperung der Werte und Normen der Subkultur, aus der die Künstler_innenkarriere hervorging), handwerkliche Authentizität („reale Musik“ wird von „realen Händen“ gemacht) sowie emotionale Authentizität (echte Gefühle und Emotionen, eigenes Erleben als Grundlage der Darbietung). Im Weiteren legt er dar, mit welchen Strategien diese Authentizität in einer effektiv organisierten und durchgeplanten Realität dargestellt, also inszeniert, wird. So sind spontan auf die Bühne geholtes Publikum und Wohnzimmertourneen der Toten Hosen, Unplugged-Konzerte oder die sorgfältig durchchoreographierten Zufälle in einer Adele-Show Mittel, um dem Publikum die geforderte „Echtheit“ zu präsentieren. Die „Inszenierung authentischer Inauthentizität“ ist da nur eine logische Folge: deutlich und bewusst die Künstlichkeit herauszustellen als Äußerung authentischen Künstlertums. Auf weitere Konzepte des Authentischen und Inauthentischen geht Christoph Jacke ein, insbesondere auf die inszenierte Natürlichkeit bei einigen Interviews mit so inszenierten Stars wie Lady Gaga.

André Doehring schreibt über den Wandel des Begriffs „Independent“ von einer wirtschaftlichen Kategorie über eine Haltung der künstlerischen Produktion bis hin zu einem Musikgenre. Auch die Texte über Pressekonferenz-Strategien (Anja Peltzer) und dokumentarische Strategien der (west)deutschen Populärkultur (Barbara Hornberger) widmen sich immer wieder dem Aspekt der „gemachten“ Echtheit. Besonders deutlich tritt diese Methode des Marketings am Beispiel der Tänzerin und Sängerin Josephine Baker zutage, die es in den Anfangsjahren des vorigen Jahrhunderts vom Tanzstar bis hin zu Sängerin und Filmstar brachte. Dies setzt Christian Diehmer in seiner Abhandlung über einen bewußt zwiespältig gehaltenen Titel der Band „Rammstein“ (Mann gegen Mann) fort: Ist das Authentische inszeniert, ist das eine authentische Inszenierung?

Diese Sammlung thematisiert, was Musik-Kund_innen gewiß nicht gerne hören: es ist harte Arbeit etwas „echt“ klingen zu lassen, es ist Kalkül, unverstellt zu wirken und es ist sorgfältige Inszenierung, eine Band spontan auftreten zu lassen. Diese Authentizitätswirkung ist ein hohes Gut der Rock- und Popmusik und zahlt sich (oft) aus, Horden von Manager_innen und PR-Agent_innen versuchen stets aufs Neue diesen  Eindruck von unverbrauchter Echtheit zu verkaufen. Ich habe jedenfalls meine Schallplatten nach der Lektüre des Buches noch einmal ganz anders gehört: als Produkte der Musikindustrie, und doch mit Schmerz und Wildheit eingespielt.

Peter Auge Lorenz

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