Punk in Deutschland

Philipp Meinert, Martin Seeliger (Hg.)
Punk in Deutschland – Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven 
transcript 2013
300 Seiten
26,99 €

9783837621624_216x1000Nachdem sich die mediale Aufregung über Punk-Kultur, -protagonist_innen und -musik schon seit geraumer Zeit gelegt hat und einige einführende und grundlegende Werke erschienen sind, thematisiert hier nun ein Sammelband diesen zeitlichen und mittlerweile auch emotionalen Abstand. Viele der in diesem Band vertretenen Wissenschaftler_innen haben einen persönlichen Bezug zum Gegenstand, sie sind oder waren Punks, haben in Bands gespielt, Konzerte organisiert, Fanzines herausgegeben.

Nach einem einführenden Artikel der Herausgeber über Vorgeschichte, Entstehung und Entwicklung von Punk in Großbritannien und den USA und der Auswirkung und Entwicklung in Deutschland bis heute wird auf Einzelaspekte des Punk-Phänomens eingegangen. So schreibt Peter Seyferth über die Beziehungen zwischen Punk als Praxis und Anarchismus als Theorie. Die Geschichte der „Organisation“ der Chaostage in Hannover wird von Oliver Herbertz unter dem Aspekt der derzeitigen Einladungs- und Benachrichtigungsmöglichkeiten von z. B. Facebook aufgerollt – die heutigen Möglichkeiten unterscheiden sich stark von denen der 90er Jahre, wo kopierte Zettelchen das Medium der Wahl waren. Angesichts des Booms von Spaß-Parteien wird von Philipp Meinert noch einmal auf die Geschichte der APPD (Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands) eingegangen. Punk in der DDR als „abgeschlossenes Sammelgebiet“ hatte einen starken Rückhalt in der Kirche, auf die heutige Quellen- und Forschungslage geht Anne Hahn in ihrem Beitrag ein. Ein eher privates Problem der Auseinandersetzung mit der Punk-Ethik beschreibt Nejc M. Jakopin in dem Beitrag über die (Un)vereinbarkeit von Punk und Unternehmertum.

Der zweite Teil des Buches stellt seine Fragen eher auf die Gegenwart abzielend. Martin Seeliger untersucht die Adaption von US-amerikanische Skatepunkelementen in der deutschen Szene und stellt im Ergebnis die Internationalisierung dieser Kultur fest. Der interessanteste Artikel dieser Sammlung untersucht die Entstehung eines neuen Stils, des Elektropunk. Julia Lück, Mihaela Davidkova und Bianca Willhauck haben Expert_inneninterviews durchgeführt, Musikvideos analysiert und Texte mittels Feinstrukturanalyse ausgewertet. Elektropunk-Anhänger_innen sind keine Punks, keine Techno-Fans und keine Antifas, haben aber jeweils Elemente oder Attribute übernommen und zu etwas Neuem zusammengesetzt. So konnte eine neue, bislang unerforschte Szene identifiziert werden.

Das Buch ist somit eine Sammlung von Rück- und Ausblicken die sich zwischen Insideransichten und spannenden Neuentdeckungen bewegen (wenn nicht so eklatant viele Druckfehler enthalten wären …).

Peter Auge Lorenz

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