Die aktuelle Situation der Musikindustrie

Die Berlin Music Week ist nun schon einige Tage vorbei, aber hier wie versprochen ein paar der für mich interessanten Erkenntnisse der Konferenz. Dass die meisten Musiker_innen heutzutage mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, ist keine Neuigkeit, wurde bei der BMW aber noch einmal sehr deutlich. Die Veränderung der Gewohnheiten des Musikkonsums, weg von physischen Tonträgern und hin zu MP3s und Streaming, hat große Auswirkungen auf die Verdienstmöglichkeiten von Musiker_innen. Das heißt, es ist mittlerweile für viele Bands gar nicht mehr möglich, von der Musik an sich zu leben. Am deutlichsten wurde in Bezug auf dieses Thema der Journalist Paul Resnikoff aus den USA, dessen Vortrag „The 13 most insidious, perversive lies of the modern music industry“ ein weitestgehend düsteres Bild von der aktuellen Situation zeichnete. Durch die neuen Möglichkeiten des Vertriebs der Musik über das Internet und die Demokratisierung der Produktionsmittel ist keine neue, bessere Zeit für Musiker_innen angebrochen. Es gibt heute zu viel Musik, ein großer Teil der existierenden Songs findet so gut wie keine Hörer_innen – so gibt es laut Resnikoff bei dem Streamingdienst Spotify rund vier Millionen Songs, die noch nie angehört wurden, und nur 5 500 Songs werden in einem nennenswerten Maß angehört. „Too many MCs and not enough listeners“, wie es an anderer Stelle der Radiomoderator Klaus Walter mit einem Zitat des Rappers Beans ausdrückte – ein Zitat übrigens, dass auch schon rund zehn Jahre alt ist. Und auch ansonsten machen 2% der Veröffentlichungen 90% der Verkäufe aus, davon weiterhin vor allem Künstler_innen, die bei den großen Majorlabels unter Vertrag sind. Also alles beim Alten in dieser Hinsicht, nur dass es viel schwieriger geworden ist, überhaupt noch etwas mit Popmusik zu verdienen – der Verdienst durch Streaming ist für Musiker_innen oft kaum messbar und die Abrechnungen sind intransparent (wie es beim Eröffnungspanel Dieter Meier von Yello beklagte).

Dass aber Bands und Musiker_innen stattdessen durch Live-Auftritte Geld verdienen könnten und deshalb das Touren wichtiger geworden wäre, stimmt leider auch nicht. 96% der Bands verdienen nichts durch Touren oder müssen sogar draufzahlen. Auch mit Merchandising verdienen nur die großen Popstars (und ein paar Heavy-Metal-Bands) nennenswertes Geld. Neue Geschäftsmodelle – z. B. Kickstarter-Kampagnen, um ein Album zu finanzieren – funktionieren nur in Ausnahmen und meistens nur bei Acts, die schon eine gewisse Bekanntheit haben. Es gibt also keine Mittelklasse in der Popmusik mehr, Resnikoff nennt die Musikindustrie entsprechend eine „Dritte-Welt-Wirtschaft“ mit ein paar Superreichen und einer Masse an Armen.

Die Zukunft der Musikindustrie liegt aber nun einmal beim Streaming und die Industrie und die Musiker_innen müssen sich damit abfinden und lernen, mit dieser Situation klarzukommen. In manchen Ländern ist Streaming jetzt schon der dominierende Weg, wie Musik konsumiert wird – z. B. in den skandinavischen Ländern und Großbritannien. Die Konsument_innen in Deutschland sind da eher konservativ, hier werden noch vergleichsweise viele physische Tonträger verkauft, auch Vinyl ist weiterhin relativ wichtig, wie beim Panel „Vinyl Comeback“ gezeigt wurde – zwar ist der Schallplattenmarkt eher eine Nische, aber immerhin eine im Moment noch sehr stabile mit in den letzten Jahren sogar ansteigenden Verkaufszahlen. Das gilt aber nicht unbedingt für Jugendliche – hier dominiert schon seit einigen Jahren das Smartphone als wichtigstes Gerät zum Hören von Musik.

Eine mögliche, aber auch fragwürdige Lösung für die Probleme der Musiker_innen wurde auf einem anderen Panel besprochen – Sponsoring und Musiker_innen als Werbeträger. Auf dem Panel saß u. a. Frank Spilker von der Hamburger Band Die Sterne, die vor ein paar Jahren von Jägermeister für Auftritte bei der Jägermeister Rock-Liga bezahlt wurden. Das hat der Band einerseits ermöglicht, sich auf ihre Musik zu konzentrieren, anderseits aber auch zu Vorwürfen von Seiten der Fans geführt. Auf diesem Panel ging es nicht nur um die Finanzierung von Bands durch Firmen, sondern auch die Finanzierung von Musikjournalismus. Aufgrund sinkender Verkaufszahlen ist es für Musikzeitschriften immer schwerer geworden am Markt zu überleben, was z. B. auch das Ende der De:Bug zu Beginn des Jahres zeigt. Auch sind die Möglichkeiten der Zeitschriften immer begrenzter, sie haben beispielsweise kaum Budget für aufwendige Reportagen und ähnliches. Eine Alternative dazu ist „Corporate Publishing“ – eine Zeitschrift wird komplett von einem Konzern finanziert und die Journalist_innen können unbelasteter arbeiten (falls sie einen Konzern finden, der ihnen nicht ins Handwerk pfuscht). Ein Beispiel hierfür ist die Zeitschrift Electronic Beats der Telekom, deren ehemaliger Chefradakteur Max Dax (früher bei der Spex) von diesem Modell schwärmte – durch die Finanzierung durch die Telekom war es möglich, Musiklegenden in aller Welt zu besuchen und qualitativ hochwertigen Journalismus zu betreiben. Dass das aber ein Luxus ist, in dessen Genuss nur sehr wenige Journalist_innen kommen, und die Abhängigkeit von einem Konzern in politischer Hinsicht alles andere als ideal ist, wurde leider nicht wirklich diskutiert.

Wie die Situation für andere Journalist_innen aussieht, wurde dagegen bei dem Gespräch mit Klaus Walter (unter dem Motto „Produktionsbedingungen von Popkultur“) deutlich – der ehemals für den Hessischen Rundfunk tätige Radiomoderator und Musikjournalist kann heute nur noch unter prekären Bedingungen arbeiten. 2008 wurde die Sendung eingestellt und Walter war gezwungen, zum Internetradio ByteFM zu wechseln, wo die Arbeitsbedingungen eher schlecht sind und der Verdienst gering ist. Feuilletonistisches Popmusikradio findet sich heute nur noch punktuell (z. B. bei BR Zündfunk), obwohl öffentlich-rechtliche Sender eigentlich die Plattform sein könnten, abseits vom Markt qualitativ hochwertiges Radio zu machen.

Staatliche Unterstützung für Musiker_innen wurde an manchen Stellen auch angesprochen, hier könnte in Form von z. B. Stipendien Möglichkeiten geschaffen werden, Künstler_innen zu unterstützen. Inwiefern das tatsächlich von Musiker_innen gewünscht ist, ist dabei einen andere Frage, aber noch scheint das Hauptproblem zu sein, dass gerade in Deutschland weiterhin der Unterschied zwischen E- (wie ernsthaft) und U-Musik (wie Unterhaltung) eine wichtige Rolle spielt, wie es der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner bei seinem Eröffnungsvortrag betonte. E-Musik wird gefördert (also klassische Musik, Jazz), während es Popmusik weiterhin schwer hat.

Daniel Schneider

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