Die ersten Tage von Berlin

Ulrich Gutmair
Die ersten Tage von Berlin – Der Sound der Wende
Tropen 2013
256 Seiten
17,95 €

1027_01_SU_Gutmair_TageVonBerlin.inddUnter dem ein wenig großspurigen Titel „Die ersten Tage von Berlin – Der Sound der Wende“ ist im letzten Jahr ein weiteres Buch über die Nachwendezeit und die Ausbreitung subkultureller Szenen im damaligen Berlin erschienen. Der Autor Ulrich Gutmair beschränkt sich dabei nur auf einen recht kleinen, wenn auch durchaus relevanten Teil der damaligen Berliner Szene, stark geprägt von seinen persönlichen Erfahrungen und Sympathien. Er liefert also keinen umfassenden Überblick über möglichst viele Orte und Geschehnisse, was in Anbetracht des mehr versprechenden Titels  einen falschen Eindruck hervorrufen kann, wenn man sich als Leser_in dessen nicht bewusst ist. Ähnlich wie in der Ausstellung „Wir sind hier nicht zum Spaß“, die 2013 im Kunstquartier Bethanien in Berlin-Kreuzberg gezeigt wurde, geht es um den Teil der Szene, der sich um Orte wie das Elektro oder den Tacheles gruppierte. Andere bekannte Clubs wie Tresor oder E-Werk, einflussreiche Personen wie Dimitri Hegemann oder Dr. Motte spielen kaum eine Rolle.

Und auch wenn Gutmair seine Erzählungen in historische Kontexte einbettet, vor allem mit Exkursen zur Stadtteilgeschichte, werden viele Aspekte, die mir beim Lesen als besonders spannend erschienen, nur angerissen – z. B. die Aktivitäten von Investor_innen und Immobilienfirmen, die Rolle der Politik in Bezug auf die Planung der Stadt, die Situation der alteingesessenen Bevölkerung in Ostberlin oder die Präsenz von Neonazis im unmittelbarem Umfeld der hier beschrieben Szene. Es ist zwar sehr angenehm, dass sich das Buch nicht alleine um die Technoszene dreht, sondern durchaus öfters mal über deren Tellerrand schaut, aber hier wären mehr Hintergrundinformationen oder auch ein paar weitere Anekdoten wünschenswert gewesen.

Trotzdem gibt das Buch einen guten Einblick in das Berlin Anfang der 1990er Jahre, ohne dabei allzu verklärend und romantisierend zu sein. Klar, es wird von der Freiheit und den unendlichen Möglichkeiten geschwärmt, davon, dass Menschen aus aller Welt nach Berlin kamen, nur auf Durchreise oder für einen kurzen Besuch, dann aber fasziniert von der Stadt dageblieben sind und etwas aufgebaut haben. Davon, dass viele Menschen einfach so ihr Ding machen konnten, dass die finanziellen Zwänge fehlten und in Bars der Schnaps verschenkt wurde. Die Stadt wird aber auch teilweise als sehr kaputt und ungesund beschrieben und Probleme und Konflikte werden nicht verschwiegen. Immer wieder wird deutlich, dass hier zwar in manchen Augenblicken eine utopische Gesellschaft zu existieren schien, diese aber bei genauerer Betrachtung weder klassenlos noch zukunftsträchtig war. Vielen Akteur_innen war von Anfang an bewusst, dass es sich nur um eine temporäre Situation handelte. Manche hatten wahrscheinlich von Anfang an einen Business-Plan und konnten in dieser Zeit den Grundstein für eine erfolgreiche Karriere legen, wobei die Ausgangslage von Mittelschichtkids eine ganz andere war als die von weniger abgesicherten Menschen. Es dauerte nicht lange, bis die ersten besetzten Häuser wieder geräumt waren, die ersten Clubs wieder verschwanden und historische Gebäude über Nacht demoliert wurden, damit sie nicht mehr unter Denkmalschutz standen und abgerissen werden konnten, um Platz für neue Bürogebäude zu schaffen. Es wird deutlich, wie schnell das legendäre „wilde“ Berlin der Nachwendezeit schon nach kurzer Zeit am verschwinden war, auch wenn es bis heute das Image der Stadt prägt.

Daniel Schneider

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