Black Metal

Dayal Patterson
Black Metal – Evolution Of The Cult
Feral House 2014
484 Seiten
$27.95 (17,95 €)

black-metalGroßkotzig präsentiert der amerikanische Verlag Feral House ein (englischsprachiges) Buch, das als neues Standardwerk in Sachen Black Metal gelten soll. Auf dem Einband ist nicht nur fälschlicherweise von knapp 600 Seiten die Rede, sondern auch davon, dass Black Metal „die extremste Form von Musik ist, die ihre Hörer bei lebendigem Leib verspeist“. Klappern gehört also auch hier zum Handwerk, allerdings widmet sich der Autor Dayal Patterson trotz des fragwürdigen Untertitels mehr als nur einer mythischen Nacherzählung von Krach und Verbrechen im schwarzmetallischen Untergrund.

Der u. a. für Terrorizer und Metal Hammer schreibende Journalist hat zahlreiche Musiker persönlich befragt und liefert in seinem ansprechend strukturierten Wälzer auch unveröffentlichte Interview-Passagen, die es nicht in die jeweiligen Magazine geschafft haben. Das liegt vor allem daran, dass Patterson tatsächlich so sehr ins Detail geht, dass selbst Szene-Kenner mitunter noch staunen mögen. In dieser Hinsicht liefert Black Metal – Evolution Of The Cult zahlreiche Informationen aus erster Hand, wenn auch teilweise im arg mildernd gefärbten Rückblick. Da wird schon mal ein Mord fast damit gerechtfertigt, dass das homosexuelle Opfer den jungen Täter mit seiner Anmache so bedrängt habe, dass sich dieser kaum anders zu helfen wusste als ihm mit 37 Messerstichen und anschließenden Tritten gegen den Kopf das Leben zu nehmen.

Ein Schwerpunkt des Buches liegt auf den hinlänglich bekannten Bands und ihren Umfeldern, wobei gerade Mayhem viel Raum zugestanden wird, doch auch Darkthrone und Burzum werden ausführlich gewürdigt und mit ihnen die Hinwendung zum Achtziger-Metal und -Punk auf der einen, sowie zum Rechtsextremismus auf der anderen Seite. Daneben kommen nicht nur Gründerväter des männlich dominierten Genres zu Wort, sondern auch Vertreter radikaler Interpretationen von Black-Metal-Ethos und -Underground. Patterson vertraut hier auf die kritische Urteilskraft seiner Leser_innen und hält sich mit moralischen Wertungen weitgehend zurück. Dass Black Metal keine Sackgasse für die persönliche und künstlerische Entwicklung darstellen muss, belegen etliche Musiker, die neue Visionen entwickeln und ungewöhnliche Richtungen einschlagen. Hier fehlen allerdings auch markante Protagonisten wie Solefald, welche Black-Metal-Tradition mit dem in der Szene gemeinhin kaum Vorstellbaren verbinden.

Gleichwohl das Buch plakativ in Szene gesetzt wird, reiht es sich nicht in die überflüssigen Veröffentlichungen zur Metal-Geschichtsschreibung ein. Patterson genießt das Vertrauen seiner Gesprächspartner, fragt konkret nach und geht in die Tiefe. Das resultiert nicht zuletzt in Widersprüchen, Plattitüden und ideologischer Propaganda. Es besteht insofern kein Zweifel, dass die Musikszene eine Plattform bleibt, die von Narzissten mit übergroßem Ego ebenso wie von politischen Extremisten für ihre eigenen Zwecke genutzt bzw. missbraucht wird. Andererseits wird auch deutlich, mit welcher humorvollen oder selbstkritischen Wahrnehmungen einige Akteure heuer aufwarten. Wer also vielschichtige Einblicke in die Hintergründe gewinnen möchte, die nicht nur in der Tat Erschreckendes, sondern auch erschreckend Banales und allzu Menschliches beinhalten, der wird hier in epischen Ausmaßen fündig.

Thor Joakimsson

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