Skogtatt

Ulrike Serowy
Skogtatt
Illustrationen von Faith Coloccia
Hablizel 2013
60 Seiten
16,90 Euro

skogtattEs ist im tiefsten Wald. Es ist im tiefsten Winter. Und es ist sehr, sehr kalt. Eine Gruppe Black-Metal-Musiker beendet ihre Bandprobe in einer einsamen Hütte über einem Fjord. Sie verteilen sich auf drei Autos und fahren in getrennten Richtungen davon. Nur der Gitarrist sitzt allein in seinem Wagen und sucht sich seinen Weg durch die verschneite Landschaft. Doch die Strecke ist lang, und noch vor dem nächsten Dorf bleibt das Auto liegen. Als er feststellt, dass auch sein Telefon keinen Empfang hat, beschließt der junge Mann, seinen Weg durch den Winterwald zu Fuß fortzusetzen.

So beginnt Ulrike Serowys Novelle, die kurz, aber eindrucksvoll ein Portrait nicht nur des jungen Musikers und seines Weges in den Wald, sondern auch ein Stimmungsbild des Black Metal entwirft, ohne diesen explizit bei Namen zu nennen. Dass das Buch überhaupt auf sechzig Seiten kommt, liegt zum einen an der zweisprachigen Aufmachung (der Text ist einmal in Deutsch und einmal in Englisch abgedruckt) und zum anderen an den zehn darin enthaltenen, künstlerischen Illustrationen. Ebenso kunstvoll ist der Einband aus grobem und ungebleichtem, geprägtem Karton, der einen Eindruck vom rauen skandinavischen Wald entstehen lässt.

Beeindruckend ist jedoch auch die Sprache, mit der sowohl Landschaft als auch Gedanken dargestellt werden, und die einen Einklang von schroffer Natur und gewaltiger Musik widerspiegelt, wie er sich im Denken des einsamen und immer weiter abdriftenden Wanderers manifestiert. Sinnierend über seine romantisierende Liebe zur Natur und seinen Hass auf die Menschen, deren geistige Fähigkeiten er als unnatürlich empfindet, verstrickt er sich in eine grandiose Unlogik, die ihn vergessen lässt, dass es doch gerade der Geist ist, der Menschen dazu befähigt, Instrumente zu bauen, Musik zu produzieren, und nicht zuletzt auch den Weg aus einem bedrohlichen Wald zu finden.

Wer des Norwegischen mächtig ist, kann sich den Titel des Buches mit „vom Walde genommen“ übersetzen. Hinten im Einband wird der Begriff „skogtatt“ als eine Anlehnung an „bergtatt“ – „verzaubert, gefesselt, gebannt und: von Unterirdischen in den Berg gelockt“ erklärt. Wie sehr die Natur, deren Bilder und Klänge, den Musiker in Bann geschlagen haben, beschreibt die junge Autorin mit messerscharf gesetzten Worten, deren Impressionen ihre Wirkung nicht verfehlen. Das mag für manche zuviel des Guten sein, aber wer sich, unabhängig vom Musikgeschmack, darauf einlassen kann, wird sich auch dem Sog, den dieses Buch ausübt, kaum entziehen können.

Der Schnee, der den Boden bedeckte, leuchtete nicht mehr, sondern war papierweiß, bleichweiß, knochenweiß. Der fallende Schnee fauchte und rauschte und trommelte auf ihn ein, der Frost riss mit aller Gewalt an seiner Haut, Nase und Ohren waren voller dicker weißer Flocken, so dass er zu ersticken glaubte wie in einem zerrissenen Federbett, auch sehen konnte er nichts mehr, kaum noch etwas, nur noch weiß, weiß, und zwischen den fedrigen Stieben hin und wieder die schwarze Schattenwand, auf die er zulief, denn der Weg krümmte sich und führte ihn an einer dichten, dunklen Tannengruppe vorbei, oder mitten hinein?

Letztendlich können Menschen, die Stil und Ästhetik des Black Metal grundsätzlich für bis ins Alberne gehend pathetisch finden, ihre Ansicht in diesem Buch ebenso bestätigt finden wie Anhänger_innen dieser Musik, die das Naturgewaltige und abgrundtief Schöne daraus erklingen hören mögen. Unberührt lässt es eine_n auf keinen Fall.

Gabi Vogel

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