Alexanderplatz

Göran Gnaudschun
Alexanderplatz
Fotohof edition 2014
216 Seiten
39 €

size_200_image4258Der Fernsehturm am Alexanderplatz ist das markanteste Wahrzeichen Berlins, er ist von fast überall in Berlin sichtbar. Er gibt Orientierung und bedeutet für mich immer, wenn ich von woanders nach Berlin zurückkehre und ihn sehe, dass ich wieder daheim bin. Der Platz darunter, das Gebiet zwischen rotem Rathaus und dem Park-Inn-Hotel ist dagegen kein Ort, an dem ich mich wohl fühle – es ist ein Ort des Durchgangs, hier steige ich um, fahre mit dem Rad drüber, aber verweilen möchte ich hier meistens nicht. Für viele Menschen ist diese Gegend aber sowas wie ein Zuhause oder zumindest ein zentraler Treffpunkt, an dem sie Freund_innen treffen und rumhängen können. Punks, Skins, Emos, Skater_innen und Anhänger_innen anderer Szenen halten sich hier auf. Darunter ist auch eine Gruppe an Punks und anderen Straßenkindern, die hier zumindest zeitweise leben – manche sind obdachlos, andere haben zwar eine Wohnung, verbringen aber fast ihre gesamte Zeit hier, wieder andere reisen regelmäßig durch Deutschland und landen zwischen den Reisen immer wieder an diesem Ort.

Der Fotograf Göran Gnaudschun hat diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen mehrere Jahre lang begleitet, er ist jede Woche einmal an den Alex gefahren, hat sich mit ihnen unterhalten, mit ihnen Bier getrunken und sie fotografiert. Der Fotoband Alexanderplatz ist als Ergebnis dieses beeindruckenden, schon ethnographisch zu nennenden Projekts entstanden. Er enthält Portraits der jungen Menschen, Fotografien von alltäglichen Szenen und „Landschafts-“ und Himmelsaufnahmen der Gegend um den Fernsehturm. Am eindrücklichsten sind hierbei die Portraits – sie zeigen die jungen Punks, Skins und andere Protagonist_innen der Alexanderplatzszene in meist stolzer, selbstbewusster Haltung. Die Bilder wirken nicht unbedingt authentisch, man merkt ihnen die Inszenierung sowohl von Seiten der Fotografierten als auch des Fotografen deutlich an. Das beschreibt Gnaudschun auch selbst: „Oft wirken die Menschen auf meinen Portraits völlig anders, als sie mir gegenübertreten.“ Die Portraits sind eine Fiktion, vielleicht auch sowas wie eine Wunschvorstellung der Portraitierten. Ganz anders dagegen die alltäglichen Szenen – hier sind die Punks beim Rumhängen, Schlafen, Saufen, Küssen oder Schnorren zu sehen, hier wird der manchmal sehr triste, manchmal aber auch ganz offensichtlich schöne Alltag der jungen Menschen sichtbar. Die Bilder sind dokumentarischer als die Portraits und bilden einen spannenden Gegensatz zu diesen.

Die Fotografien werden durch Interviews und Tagebucheinträge ergänzt, in denen sich dann Abgründe auftun, die in den Bildern kaum sichtbar sind. In den Interviews erzählen die jungen Menschen von Gewalt, zerrütteten Familien, Leben in Heimen, Gefängnisaufenthalten, psychischen Problemen, Alkohol- und Drogensucht – es sind Geschichten dabei, die kaum auszuhalten sind. Aber es geht auch immer wieder um Liebe, Freundschaft und den Zusammenhalt der Gemeinschaft am Alexanderplatz. Die teilweise sehr kurzen Tagebucheinträge von Gnaudschun beschreiben dagegen Momente, die er am Alex erlebt hat, manche ergänzen die Bilder, andere beschreiben Momente, die nicht fotografierbar gewesen wären, ohne dass die Fotos ins Voyeuristische umgeschlagen wären – Augenblicke krasser Gewalt oder tiefster Verzweiflung genauso wie intime Momente der Freundschaft.

Alexanderplatz bietet einen tiefen, manchmal bestürzenden Einblick in eine Lebenswelt, die die meisten nur durch das Vorbeilaufen kennen und für die sich normalerweise kaum jemand interessiert. Dabei lenkt er nicht nur den Blick auf Menschen, die zu den Verlierern unserer Gesellschaft gehören, sondern auch auf weniger beachtete Bereiche von Jugendkulturen.

Daniel Schneider

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