Berlin Bromley

Bertie Marshall
Berlin Bromley
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Mit einem Vorwort von Boy George
Ventil Verlag 2008
220 Seiten
10 Euro

berlin_bromleyLondon, Mitte der 1970er Jahre: Eine Gruppe Teenager aus Bromley, einem Vorort im Südosten der Stadt, bringt den Punkrock mit ins Rollen. Sie bewegen sich im Dunstkreis von Vivian Westwood, Malcolm McLaren und den Sex Pistols. Einer von ihnen ist der 15-jährige Berlin Bromley, selbstbenannt nach diesem Vorort und Berlin, der Stadt seiner Träume. Seine Vorstellungen von der Stadt Berlin speisen sich aus den Legenden um das 20er-Jahre-Musical „Cabaret“ und seiner Verehrung für David Bowie, der einen seiner Songs nach dem Stadtteil Neukölln benannte. Berlin Bromleys Traumwelt ist ohne Grenzen: Androgynie ist chic, Drogen sind quasi Grundnahrungsmittel und Musik ist allgegenwärtig wie die Luft zum Atmen.

Eine der zentralen Gestalten des „Bromley Contingent“, wie eine Journalistin die Gruppe nennt, ist Siouxsie Sioux, mit der Berlin durch das Londoner Szeneleben schwirrt wie bizarre Nachtfalter auf Speed. Während sie jedoch mit Freund Steve Severin die Band Siouxsie and the Banshees gründet und zur Kultfigur aufsteigt, schlägt der schwule Berlin sich später mehr recht als schlecht als Stricher durch. Von der Schule ist er früh abgegangen, an einen geregelten Job ist nicht zu denken, und für das Nötigste reichte damals noch das Arbeitslosengeld. Und so erzählt er in autobiografischer Manier allerlei skurrile Anekdoten aus seiner Jugendzeit. Beispielsweise wie er, von Siouxsie an eine Leine gelegt und ihr Hündchen spielend, in einem Vorort-Pub aufläuft und letztendlich vom Kneipenbesitzer hinausgeworfen wird. Oder von der Fetisch-Party, die er in seinem biederen Elternhaus veranstaltet, und auf der die Gäste – unter anderem die Sex Pistols – sich nach allen Regeln der Kunst daneben benehmen und die Nachbarn in Angst und Schrecken versetzen. Überhaupt kreuzen viele sonderbare Gestalten seinen Weg und Berlin erlebt die seltsamsten Sex- und Liebesgeschichten, die er offenherzig zum Besten gibt und deren Protagonisten aus einem Buch Jean Genets entsprungen sein könnten. Dabei bleibt Berlin jedoch immer auf eine schüchtern-verträumte und selbstverliebte Art weltfremd, reguliert seine schwankenden Seelenzustände durch abwechselndes Einwerfen von Aufputsch- und Beruhigungsmitteln und weiß seine Chancen einfach nicht zu nutzen.

Mit all seinem extravaganten Make-up, dem eigenwilligen androgynen Styling und seinem Posertum hätte er eine Galionsfigur des aufkommenden New Romantic werden können – eben das schlugen ihm Steve Strange und Rusty Eagan Ende der 1970er vor, als Punk schon nicht mehr neu und aufregend war. Berlin Bromleys lapidare Reaktion dazu: „Ich war in den vorangegangenen drei Jahren jeden Abend aus gewesen … ich dachte, da wird bestimmt nichts draus.“ Seine beiden Freunde sind kurz darauf mit ihrer Band Visage und dem Hit „Fade to grey“ weltberühmt geworden.

Kurz vor Ende des Buches vollzieht der Autor einen unerwarteten Zeitsprung: 25 Jahre später, im Winter 2001, fährt Bertie Marshall (von seinem Pseudonym hatte er sich bereits 1979 verabschiedet) dann doch noch in die Stadt seiner Träume – Berlin. Was er in der Zwischenzeit gemacht hat, bleibt unklar. Gesagt wird nur, dass Marshall zuletzt Texte für Pornos schrieb, eine Zeit lang in New York lebte, dann wieder in London, inzwischen obdachlos geworden war und sich in Berlin einen Neustart erhoffte.

Mit ein paar Dollar in der Tasche und bar jeder Sprachkenntnisse kommt er in Deutschland an, doch Berlin ist kalt und so sperrig, wie es nun mal ist. Kein Glamour, keine schillernde Dekadenz, lediglich ein Friedrichshainer Hausbesetzer erweist sich als hilfreich und nimmt Marshall für eine Weile in seinem schmuddeligen Zimmer mit auf. Schließlich trifft er auf einer Lesung Jon Savage, der ihn auffordert, seine Memoiren zu schreiben, und die Übersetzerin Conny, in deren Wohnung er bleiben kann, und er findet einen Job als Englischlehrer. Aber all das tröstet Marshall nicht über seine zerstörte Illusion hinweg. Er geht wieder nach London zurück und stellt fest. „Ich will nie wieder nach Berlin. Es ist eine kalte, triste und unglamouröse Stadt. Ihr fehlt jedes Charisma und sie ist entsetzlich provinziell.“

Was dieses Buch lesenswert macht, ist seine Glaubwürdigkeit (ohne dass hier über den tatsächlichen Wahrheitsgehalt spekuliert werden soll). Marshall beschreibt sein Leben als Berlin Bromley authentisch und ungekünstelt und doch stellenweise so poetisch, dass man sich beim Lesen genau den stillen, in Musik und alten Büchern aufgehenden und gleichzeitig maßlos exzentrischen Teenager vorstellen kann, der Berlin Bromley war und Bertie Marshall vielleicht bis heute ist. Das Buch beruht, so der Autor, auf seinen damaligen Tagebucheinträgen, und so liest es sich auch weniger wie ein autobiografischer Roman als vielmehr episodenhaft und mit Verweisen auf subkulturelle Ereignisse, von denen die meisten, die mit Punk groß geworden sind, schon einmal gehört haben – wie das berüchtigte Interview der Sex Pistols bei Bill Grundy –, jedoch aus der Perspektive eines Jungen dieser Zeit, der fast immer dabei oder zumindest ganz nah dran war, an den britischen Punk- und New-Wave-Größen. Dass dies aber auch die Geschichte einer von Drogen und Prostitution zerfressenen Jugend ist, sorgt dafür, dass die Erzählung einen etwas bitteren Beigeschmack behält und nie ins Glorifizierende abdriftet. Und eine kleine Warnung zum Abschluss: Aufgrund der expliziten und zum Teil recht drastischen Schilderungen von Sexualpraktiken ist das Buch – wenn auch größtenteils aus der Sicht eines Fünfzehnjährigen geschrieben – nicht uneingeschränkt für Jugendliche und Zartbesaitete zu empfehlen.

Gabi Vogel 

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