The Mamas and the Papas

Annika Mecklenbrauck / Lukas Böckmann (Hg.)
The Mamas and the Papas – Reproduktion, Pop & widerspenstige Verhältnisse
Ventil-Verlag 2013
284 Seiten
14,90 Euro

the_mamas_rgbIn diesem Buch schreiben thirty-somethings über das Leben mit Kindern. Das wäre nichts neues, wenn es sich dabei nicht Autor_innen handeln würde, die im Bermuda-Dreieck von Pop, linker Politik und aktivistischer Kunst zu verorten sind. Wer amüsante oder gar skurrile Berichte aus dem täglichen Wahnsinn erwartet, wird eher enttäuscht werden. Lesenswerte persönliche Berichte von Eltern, sowie theoretische Beiträge zu Familie, Erziehung, vorgeburtlicher Diagnostik oder „Mütterlichkeit“ gibt es dagegen schon. Das Buch hat den Anspruch „über alltägliche Fragen hinauszuweisen“, ob dies gelingt, mag die Leserin selbst beurteilen. Es hat schon einen gewissen Kick, wenn Aktive dieser drei auf Selbstverwirklichung ausgerichteten Milieus dann „Verantwortung“ übernehmen, und nun (Nicht-)Elternschaft aus einer gesellschaftskritischen Perspektive untersuchen.

Die Texte illustrieren auf jeden Fall gut die täglichen Versuche, sich in und zwischen den unterschiedlichen Anforderungen, die Kinder, der prekäre Arbeitsmarkt oder die eigenen Ansprüche an eine_n stellen, nicht aufzureiben – und dabei auch noch darüber zu reflektieren. Eine Autorin beschreibt zum Beispiel, wie die Frauen aus der TV-Werbung (sie nennt prominent die von Jacobs Kaffee) ihr Frauenideal heimlich formten – und wie das dort neuerdings vorgeführte Rollen-Multitasking, das Aktivitätsniveau und der Zwang zur Konkurrenz und Selbstoptimierung auch in subkulturellen politischen und künstlerischen Szenen sehr nützlich, wenn nicht notwendig sind. Ein Roundtable-Gespräch aus einem Berliner Hausprojekt zeigt weiter, wie unterschiedlich die Vorstellungen und Praktiken vom Leben als „Familie“ sein können.

The Mamas and the Papas regt an, darüber nachzudenken, warum so oft die Rede von „Mutterschaft“ ist, dagegen selten von „Elternschaft“ und nie von Vaterschaft gesprochen wird. Oder darüber, dass auch antirassistische und queere Eltern durch ihr anspruchsvolles Tun das Beste fürs (eigene) Kind wollen – und sich darin nicht von ihren eigenen Eltern unterscheiden. Und, klar, alles was gut ist, macht Spaß, aber umgekehrt ist nicht alles, was Spaß macht, gut!

Dieses vielfältige Buch aus dem mittlerweile im Pop-Feld etablierten Mainzer Ventil-Verlag bietet auch praktischen Service. So berichtet es über linke Kinderlieder der 1970er und liefert gleich die dazugehörige Diskografie mit. Es enthält weiter eine Liste nichtnormativer Kinderbücher und eine von Blogs, die Themen wie Stillen und Schwangerschaft aus feministischer und queerer Sicht (S. 59) betrachten. Es berichtet aus einem Alltag der – zumindest in diesen Kreisen – selten öffentlich oder gar schriftlich verhandelt wird, einem Alltag, der doch so bestimmend für das Leben ist. Allein deswegen schon ist es wichtig und spannend zu lesen.

Bernd Hüttner

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