Kraftwerk / Electri_city

David Buckley
Kraftwerk – Die unauthorisierte Biographie
Metrolit 2013
340 Seiten
24,99 Euro

Rüdiger Esch
Electri_City – Elektronische Musik aus Düsseldorf
Suhrkamp 2014
464 Seiten
14,99 Euro

Ende der Sechziger Jahre begannen in einer eigentlich für Business und Modeschickeria bekannten westdeutschen Stadt ein paar junge Leute damit, Musik zu machen. Sie versuchten einen eigenen, weder dem deutschen Schlager noch dem angloamerikanischen Blues, Beat und Rock nachempfundenen, Stil zu erfinden. Sie experimentierten mit repetitiven Strukturen und Harmonien abseits des Dreiklangs, und gründeten ihre Bands teilweise als kollektive Unternehmungen. Einige Bands und Personen aus diesem Umfeld gelten heute als bahnbrechend und sind weltbekannt: Can, Neu!, Kraftwerk oder der Produzent Conny Plank.

kraftwerkcoverneu-1Zwei jüngst erschienene Bücher versuchen, das bislang verstreute und im Fall von Kraftwerk extrem limitiert und kontrolliert veröffentlichte Wissen zu sammeln und zu ordnen. In David Buckleys Buch Kraftwerk – Die unauthorisierte Biographie wird der Lebenslauf der Band anhand der einzelnen Alben gegliedert und trotz der rigiden Informationspolitik Kraftwerks so mancher Mythos hinterfragt – besonders die frühen Zeiten bis zum Album „Autobahn“ unterliegen ja einer Art Informationssperre. Die vielen mit damaligen Mitstreiter_innen (fast ausnahmslos Männer) geführten Interviews lassen diese Zeit plastisch wiederauferstehen.
Damals war nahezu jeder und jede in irgendeiner Form Hippie, nahm Drogen, war auf dem Weg in ein spirituelles Traumland und organisierte sich in Kollektiven. Ralf Hütter und Florian Schneider-Esleben, Söhne aus gutem Hause, wollen anders sein, sie wollen keine Gitarrensoli spielen, sehen sich als Arbeiter und tragen ordentliche Haarschnitte. Provokant geben sie ihren Stücken deutsch klingende Namen und geben sich auf der Bühne emotionslos und spielen übertrieben technisch exakt. Besonders in England und Frankreich bedienen sie sämtliche Deutschen-Klischees und lösen so Erstaunen und faszinierte Begeisterung aus.

Für das Buch hat Buckley zahlreiche Mitmusiker_innen, zeitweilige Bandmitglieder und Personen aus dem Umfeld befragt und zeichnet anhand dieser Interviews nach, wie aus einer Handvoll Leute, die sich mit einer Musik beschäftigten, die kurze Zeit darauf „Krautrock“ heißen sollte, ein straff geführtes Kunstprojekt mit weltweit einzigartigem Sound entstehen konnte. Gut zu beobachten ist, wie aus musikalischer Abenteuerlust ein kalkuliertes  Business wurde, wie die Attitüde immer stärkere Bedeutung gegenüber den Ideen gewann. Die kontrollierte, offizielle Kraftwerk-Geschichtsschreibung verschweigt Weggefährten und ihren kreativen Anteil (zum Beispiel den von Conny Plank) oder auch ganze Schaffensphasen (die Platten „Kraftwerk 1“, „Kraftwerk 2“, „Ralf und Florian“), damit das von der Band in die Welt gesetzte Image nicht gestört wird.

46464Weiter gefasst hat Rüdiger Esch seine oral history über elektronische Musik aus Düsseldorf Electri_City. Hier erfahren wir viel über die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Protagonist_innen dieser Szene. Immer wieder erwähnt wird der Name Conny Plank, der mit seinem Studio, seinem Erfindungsreichtum und seiner Experimentierlust ein nicht unwesentlicher Faktor für die Reifung einer eigenen Muiksprache war. Ausführlich werden nicht nur Düsseldorfer_innen befragt, sondern ebenso Zeugen von Außerhalb, die ebenfalls elektronische Musik machten, wie z. B. OMD.

Das Schaffen von Künstlern wie Klaus Dinger (Neu!, La Düsseldorf) oder Michael Rother (Neu!, Harmonia) findet ausführliche Beachtung, und in dem nach den Jahren 1970 bis 1986 geordneten Buch hat auch die Neue Deutsche Welle mit DAF und Der Plan seinen Platz. Viel ist zu erfahren ist in Electri_City über Konkurrenz, Animositäten und das Musikgeschäft in den 70er und 80er Jahren. Auch die damaligen Labelmacher von Mute, Manager von DAF oder ehemalige Techniklehrlinge aus Conny Planks Studio erzählen ihren Teil der Geschichte. Zum Ende hin ist der zuvor angenehm distanzierte Blick des Autors allerdings etwas getrübt, wohl weil dann Die Krupps – bei denen er selber Mitglied ist einen thematischen Schwerpunkt bilden. Und dass beispielsweise die Düsseldorfer Musikerin Dorothea Raukes nicht einmal erwähnt wird (auch hier kommen fast ausschließlich Männer zu Wort), ist ein Indiz dafür, dass es neben den üblichen Verdächtigen der Düsseldorfer Szene vor allem um das persönliche Umfeld des Autoren geht und weist auf die Lückenhaftigkeit dieses Buches mit weit über 400 Seiten hin.

Peter Auge Lorenz

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