From Gay to Straight?

I am Michael
USA 2015

James Franco als Tausendsassa zu bezeichnen ist sicher keine Untertreibung. So scherzte auch Anke Engelke bei der Eröffnung der 65. Berlinale jetzt nicht ganz zu Unrecht, dass Franco wohl den Weltrekord halten würde, als Schauspieler mit den meisten Filmen. Denn ob vor oder hinter der Kamera, ob in Hollywood-Blockbustern oder Independentproduktionen: Das filmische Schaffen von Franco, mit gerade mal 36 Jahren, ist enorm. Doch Franco nur auf Filme zu reduzieren, würde seinem umtriebigen Wesen nur ansatzweise gerecht werden. Er ist, oder besser gesagt, möchte doch viel mehr sein als nur ein Schauspieler. Seine Ausflüge in die Regiewelt, Literatur und auch sein Tun als Drehbuchautor und Filmproduzent scheinen ihm da jedoch nicht zu genügen. Vor allem die Kunst hat es ihm angetan. So ließ er sich von Marina Abramovic, der berühmten Performance-Künstlerin, zu einer in Blattgold gehüllten Statue umwandeln und macht auch selbst Kunst. Im Rahmen seiner Ausstellung Gay Town, die 2013 in Berlin gezeigt wurde, beschäftigte er sich mit Fragen von Männlichkeit, Homosexualität und Homophobie und den Starkult um seine eigene Person.

Doch trotz seines vielschichtigen Künstlerdaseins ist der Filmstar Franco dabei doch immer noch seine berühmteste Rolle. Und er ist Berlinale Dauergast. Auch in diesem Jahr ist er wieder mit drei Filmen vertreten. Wie so oft bei Franco, bewegt sich auch diesmal einer der Filme im LGBTI-Kosmos. Denn Franco spielte schon des Öfteren homosexuelle Rollen, wie z.B. in Howl oder in Milk. In I am Michael spielt Franco den Gayrights-Aktivisten Michael Glatze, der sich Ende der 1990er Jahre in San Francisco für schwule und lesbische Jugendliche engagiert hat und später die Zeitschrift Young Gay America gründete. Das Spielfilmdebut des Regisseurs Justin Kelly beruht auf einer wahren Begebenheit und zeichnet das Leben und vor allem den Wandel des Michael Glatze nach, von einem durch Queer Theory geprägten Gayrights-Aktivisten hin zu einem christlichen Fundamentalisten, der Homosexualität später radikal ablehnt.

Doch wie kommt es zu dieser widersprüchlichen Metamorphose? Das versucht der Film durch das Gegenüberstellen verschiedener Zeitebenen und Lebensphasen von Michael nachzuzeichnen. Am Anfang sehen wir ihn, wie er einem jungen Mann gegenübersitzt, der ihn fragt: „Warum hat Gott mich schwul gemacht?“. Michaels Antwort: „Es gibt keine Homosexualität, das ist eine falsche Identität. Wenn du zu Gott finden willst, dann kehre auf den Pfad der Heterosexualität zurück“. Eine verstörende Anfangsszene. Danach springt der Film zehn Jahre zurück und zeigt ebendiesen Michael Ende der 1990er Jahre in San Francisco. Er lebt offen schwul mit seinem Freund zusammen, nimmt ab und an andere Männer für einen Dreier mit nach Hause, konsumiert Drogen, feiert ausgelassen in Technoclubs und arbeitet für ein schwules Magazin names XY. Doch brutale Übergriffe auf Homosexuelle bringen ihn dazu, sich gegen Homophobie zu engagieren. Er hält Vorträge an Schulen und startet ein Filmprojekt, in dem er quer durchs Land reist und junge queere Amerikaner_innen porträtiert. Er möchte mit der Dokumentation die „Gay Youth of America“ sichtbar machen, ihr eine Stimme geben und dem ganzen Hass und den Hate Crimes gegenüber Homosexuellen Empowerment und ein Wir-Gefühl gegenüberstellen. Durch seine Leidenschaft, Eloquenz und sein Charisma wird Michael schnell zu einem Vorbild in der Gay Community.

Doch durch plötzlich auftretende, unerklärliche Brustschmerzen, die Panik und existentielle Ängste in ihm hervorrufen, erfolgt ein Bruch in Michaels Leben. Er befürchtet unter demselben genetischen Herzfehler zu leiden, an dem auch sein Vater starb. Ärzte bescheinigen ihm zwar vollkommene Gesundheit, doch Michael ist weiterhin geplagt von Panikattacken und geradezu besessen von die Idee, dass er bald sterben wird. Er zieht sich in seiner Verzweiflung immer mehr zurück, sucht für seinen erschütterten Lebensmut Halt und Antworten in der Bibel, beschäftigt sich mit dem Leben nach dem Tod und beginnt heimlich zu beten. Vor allem die Suche nach seinem wahren Ich treibt ihn fortan um und die Frage, welchen Weg er einschlagen muss, um dieses Ich freizulegen. In dem Spannungsfeld zwischen seiner gelebten Homosexualität und dem immer stärker aufkeimenden Glauben bewegt sich der Film daraufhin und begleitet Michaels Weg in den religiösen Fundamentalismus. Er trennt sich von seinem Freund, versucht mit Frauen zu schlafen und besucht letztlich eine Bibelschule, um Priester zu werden. Er bloggt fortlaufend über seinen Findungsprozess und dem damit verbundenen Ringen um Erkenntnis und verkündet schließlich, sich nicht mehr als schwul zu identifizieren und setzt obendrauf, dass er schon immer „ein heterosexueller Mann war, der nur ein homosexuelles Problem hatte.“

Der Film trifft sehr gezielt in die Magengrube, denn diese atypische Wesensveränderung von Michael Glatze schmerzt in vielerlei Hinsicht. Seine religiösen Aussagen im Film zu Homosexualität verstören und machen fassungslos und wütend, da sie in so großem Kontrast zu dem „alten“ Michael stehen. Tragisch erscheint zudem auf der persönlichen Ebene, wie seine radikalen Entscheidungen viele Menschen in seinem Umfeld verletzen. Es ist ein sehr subjektiver Film, der zugleich liebevoll und schonungslos die bisherigen Lebensphasen des Michael Glatze und die Suche nach seiner sexuellen Identität nachzeichnet. Es ist das Porträt eines extremen, fast schon schizophren wirkenden Einzelfalls und auf gar keinen Fall generalisierbar. Die Figur des Michael wirkt durch den Handlungsverlauf am Ende definitiv nicht mehr als Sympathieträger, doch schafft es der Regisseur zugleich, ihn nicht zu diffamieren. Die Machart des Films lässt hoffen, dass die Gefahr eher gering sein wird, dass er von homophoben Strömungen für ihre Anti-Gay-Agenda instrumentalisiert werden wird.

Auf der Metaebene behandelt der Film zudem Fragen der Identitätsfindung, die uns alle betreffen und bei denen das Verhältnis von Sexualität und Religion zueinander immer wieder neu verhandelt werden muss. Nicht nur unbedingt im Privaten, sondern generell im Kontext des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Denn auch fernab fanatischer religiöser Rhetorik à la „If you are gay you go to hell“, zeigt sich unter anderem in Fragen der rechtlichen Gleichstellung von LGBTI in vielen liberalen Gesellschaften immer noch die stärke Prägung durch ein wertkonservatives, christliches Weltbild.

Der Film ist noch am Samstag auf der Berlinale zu sehen, mit etwas Glück gibt es vielleicht noch Tickets. Der reguläre Filmstart steht noch nicht fest.

I am Michael bei der Internet Movie Database

Giuseppina Lettieri

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