Die Toten Hosen

Philipp Oehmke
Die Toten Hosen – Am Anfang war der Lärm
Rowohlt 2014
384 Seiten
19,95 €

U1_978-3-498-07379-4.inddSeit nun mehr über dreißig Jahren toben Die Toten Hosen über die Bühnen dieser Welt. Dass die Band heute nicht mehr das ist, was sie in den 1980ern war, liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache, sie sind ohne Zweifel schon seit längerer Zeit massentauglich. Als dann Volker Kauder den Song „An Tagen wie diesen“ bei der CDU-Siegesfeier nach den Bundestagswahlen 2013 trunken ins Mikro seines Stehpultes röhrte, waren die Hosen verärgert. Die Kanzlerin höchstpersönlich rief bei „Herrn Campino“ an, um sich dafür zu entschuldigen. Der Düsseldorfer Ex-Punk reagierte seriös und gratulierte ihr sogar zum Wahlsieg.

Dies ist der Ausgangspunkt des knapp 380 Seiten umfassenden Buches über Die Toten Hosen, das auf mehr als hundert Stunden Material aus Gesprächen mit der Band, Verwandten, Freunden, Bekannten und Kritikern aufbaut und die Genese der Düsseldorfer Formation darstellt. So beleuchtet das Buch zunächst die Familienverhältnisse und zeigt wie in den 1980ern die Aufbaugeneration der Hosen-Väter auf die destruktive Punkattitüde trifft. „Man muss nur zehn Jahre nach Strobl am Wolfgangssee fahren. Dann wird man automatisch Punk“, soll Campino mal gesagt haben. Der Punk brachte Unruhe in die eigens zementierte Idylle ehemaliger Kriegsheimkehrer, zu denen die Väter der Hosen gehörten. Die Musik der Hosen, so eine These des Autors, war Ausdruck einer Abwehrbewegung gegen die damaligen Zustände, die sich vor allem durch die Unfähigkeit der Elterngeneration, die eigenen Gefühle auszudrücken, auszeichneten. Doch folgte aus dieser Abwehr keine Überwindung, sondern vielmehr die Fortsetzung der emotionalen Sprachlosigkeit des Elternhauses durch die Hosen selbst.

Die Umstände der Entstehung der Band werden ausgiebig beleuchtet. Es findet sich einiges über die lokale Punkszene um den Ratinger Hof in Düsseldorf und die wichtigen Punkbands der 1980er, aber auch die unterschiedlichen Szenen in Hamburg und Berlin und deren Beziehungen zueinander. Auch über die Punks dieser Zeit in Ostdeutschland wird berichtet: Geheime Konzerte der Band in der DDR, misstrauisch von der Stasi beäugt.

Der Autor beschreibt den Erfolg ebenso wie die Schaffenskrisen und den Umgang mit dem Ausbleiben von Kreativität und dem gelegentlichen Festsitzen in musikalischer Mittelmäßigkeit. Es geht um Brüche, Tragödien und Transformationen der Band. Und wie zu erwarten, wird der hedonistischen Seite auch viel Platz eingeräumt: Saufen, Koksen, Hotelzimmer zerkloppen und so dicht sein, dass man auf der Bühne nichts mehr hinbekommt und ein irritiertes Publikum hinterlässt. Doch in den Exzessen und der Maßlosigkeit lauerten auch die Tragödien, die die Band erschütterten. Roadie Bollock starb an einer Überdosis Heroin. Ein Fan wird auf einem Konzert zu Tode getrampelt – alles ist mehr als einmal zweifelhaft.

Campino war schon immer die zentrale Figur der Band. („Campino gibt die Stimmung in der Band vor.“) Laut und cholerisch kann er sein, bis zu homophoben Austickern in einer Live-Radiosendung Anfang der 1990er, als ihm das Publikum nicht schmeckte. Auch die anderen Bandmitglieder und deren Rollen in der Band werden beschrieben, ebenso wie die Perspektiven des krebskranken Ex-Drummers Wöllie und die der Produzenten als wichtig erachtet werden, um ein differenziertes Bild zu zeichnen.

Das Buch ist über weite Strecken, trotz einiger Redundanzen, sehr spannend. Recht ermüdend sind machmal die vielen Details über Klamotten, Tattoos und Frisuren. Das liegt vielleicht daran, dass der Autor Phillip Oehmke selbst langjähriger Fan und Freund der Hosen ist. Und das Buchcover, dass sich im typischen Toten Hosen-Artwork der „Hosen Cover AG“ präsentiert, weist einmal mehr darauf hin, dass das Buch ein, wenn auch ein gewollt kritisches, Produkt der Band selbst ist. Es trägt aber durchaus dazu bei, das Phänomen „Die Toten Hosen“ zu erklären und den von ihnen zurückgelegten Weg nachzuvollziehen: Von der einstigen, generellen Abwehrhaltung am Rande der alten Bundesrepublik zu massentauglichen Balladen für die Bierzelte, Fanmeilen und Siegesfeiern der CDU im vereinigten Deutschland. Mehr Mitte geht nicht. Und so fragt sich der Rezensent abschließend: Ist der Spießer dem Punk schon immanent und tritt seine Angepasstheit mit zunehmender Reife stetig weiter hervor oder lässt sich das alles mit den Sachzwängen der Kulturindustrie erklären?

Jakob Warnecke

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