Meuten, Swings & Edelweißpiraten

Sascha Lange
Meuten, Swings & Edelweißpiraten – Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus
Ventil 2015
224 Seiten
17 €

meuten_swings_layWährend die Geschwister Scholl und die Weiße Rose durch die mediale Würdigung heute als Ikonen des jugendlichen Widerstands in Dritten Reich gelten und die Edelweißpiraten einen gewissen Ruf als eher unpolitische Rabauken innehaben, ist bislang wenig über jene Jugendlichen berichtet worden, die z. B. im Swing und im Jazz eine Freiheit entdeckten, die sie sich unter allen noch so gefährlichen Umständen bewahren wollten. Das ändert sich mit dem vorliegenden Buch, welches zahlreiche individuelle Einblicke in die Lebenswirklichkeiten so genannter „Meuten“ und „Swings“ zur Zeit des Nationalsozialismus gewährt.

Als „Zwischenbericht“ begreift der Historiker Sascha Lange seine breit gefächerte Übersicht über Jugendsubkulturen, die Oppositionen zur Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus bildeten. Die ungemein lesenswerten Berichte reflektieren nicht nur die Vielfalt jugendlicher Bestrebungen, Alternativen zum Einheitsdrill von HJ und BDM zu verwirklichen, sondern auch die häufig naiven wie beherzten Formen von Opposition und Widerstand, die nicht selten drakonisch sanktioniert wurden.

Sascha Lange stellt in seinem Buch Rückblicke ehemaliger Mitglieder von Jugendbanden neben Protokollausschnitte von Polizei, HJ, SS sowie Gestapo und skizziert regionale Entwicklungen nuanciert, jedoch ohne Pathos. Diese Darstellung ermöglicht facettenreiche Einblicke in eine Zeit, in der junge Menschen Kopf und Kragen riskierten, wenn sie sich ihre Leidenschaften und die Liebe zum Leben nicht verleiden lassen wollten.

So veranschaulicht z. B. der Bericht eines Mitglieds des HJ-Streifendienstes über eine Swing-Veranstaltung in Hamburg die im NS forcierte Wahrnehmung: „Der Anblick der etwa 300 tanzenden Personen war verheerend. (…) Bei manchen konnte man ernsthaft an deren Geisteszustand zweifeln, derartige Szenen spielten sich auf der Swingfläche ab. In Hysterie geratene Neger bei Kriegstänzen sind mit dem zu vergleichen, was sich dort abspielte.“ Heinrich Himmler sprach sich angesichts solch vermeintlicher Exzesse für Prügel und Arbeit „in schärfster Form“ aus, um „diese Burschen und diese nichtsnutzigen Mädchen“ einzunorden. Doch viele Jugendliche fühlten sich nicht nur in ihrer Freiheit beschnitten, sondern auch in ihrem Mut und ihrer Kreativität herausgefordert. So wurden Liedtexte entweder umgedichtet oder Lieder auf Konzerten unter falschem Titel angekündigt, Musikabende wurden vom Tanzsaal in Privatwohnungen oder per tragbarem Grammophon gleich in die Natur verlagert. Zahlreiche Anekdoten von Zeitzeugen spiegeln jugendlichen Freiheitsdrang ohne tiefere politische Motive.

Doch nicht alle eigenwillige junge Menschen beließen es bei diesen Formen oppositionellen Handelns. In etlichen Städten führten Banden einen mehr oder minder organisierten Straßenkampf gegen die HJ und überfielen deren Mitglieder. Manche Jugendliche trafen sich heimlich, um ihre eigenen politischen Ideen zu diskutieren, Flugblätter gegen die Nazis zu produzieren und Widerstand zu formieren. Viele bezahlten dafür mit ihrem Leben, wie der Autor schlaglichartig dokumentiert. Sein Buch regt hier zweifelsohne zu weiterer Recherche an.

Meuten, Swings & Edelweißpiraten entwirft in kurzen Kapiteln und im sachlichen Tonfall ein mosaikförmiges Bild von jugendlicher Opposition im Dritten Reich, das bereits in dieser skizzenhaften Form fasziniert. Zahlreiche Fotos künden von Begeisterung für Musik, von Ausflügen in die Natur und vom offensichtlichen Wunsch, dem uniformierten Zeitgeist etwas Eigenes entgegen zu setzen. Dass dieser Wunsch nach Freiheit letztlich oft brutal beantwortet wurde, geht aus den Notizen klar hervor. Nicht nur deshalb bietet sich Sascha Langes Zwischenbericht für den Geschichtsunterricht an – und inspiriert hoffentlich viele Menschen, einzelnen Geschichten z. B. in ihrer Heimat nachzuspüren.

Thor Joakimsson

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