Kein Bremen ohne Buchte

Kein Bremen ohne Buchte – Ein Haus schreibt Geschichte(n). 1974-2014 – 40 Jahre „Buchtstraße“
224 Seiten
Bezug über Tel 0421/32 60 22 oder www.die-buchte.de (Richtpreis ca. 10 bis 15 € plus Versand)

Buchte-CoverAls vor einigen Jahren nach dem endlich geglückten Kauf des Gebäudes „Buchtstrasse 14/15“ in Bremen die Grundsanierung mit einem großen Entrümpeln begann, stand die Frage im Raum, was an Dokumenten aus der Geschichte des Hauses aufbewahrt werden sollte. Die Idee eines Buches war schnell geboren. Wer heute das großformatige Buch zur Geschichte von 1974 bis 2014 in den Händen hält, und die vielen unterschiedlichen Beiträge liest, spürt die Kraft, die solch ein Haus hervorrufen kann. Die Buchte hat in Bremen viele geprägt, wenn nicht verändert.

Das Grundkonzept des formal von der Naturfreundejugend Bremen getragenen Hauses blieb über die Generationen gleich: Kinder- und Jugendarbeit, Party, Konzerte, daneben Raum für politische Gruppen. Es sollte ein Platz für Selbstorganisation, ein Ort zum Gestalten, zum Ausprobieren und Lernen sein. Viele, die sich in der Buchte engagierten, spürten, dass ihr Tun Sinn machte, dass sie gebraucht wurden und dass dort in der Regel interessante Leute mit spannenden Ideen anzutreffen waren. Dass es immer ziemlich vollgemüllt aussah und die Haustreffen manchmal ätzend waren, spielte für sie nur eine untergeordnete Rolle. Dies war in den 1970ern, als in der Buchte über sozialistische Erziehung diskutiert, auf einer eigenen Maschine gedruckt und aus dem Haus heraus die ersten „alternativen Betriebe“ gegründet wurden, nicht anders, als in den 1990ern. In dieser Phase firmierte die Buchte unter dem Namen „3. Welt-Haus“, im obersten Stockwerk wurde eine kleine internationalistische Zeitschrift produziert und über Rüstungsexporte informiert. Die Teestube im Erdgeschoß gab es immer, Partys und Konzerte zuerst im 1987 abgerissenen Saal, dann im weit kleineren im Keller. Parallel dazu Kinderfreizeiten, feministische Walpurgisnachtfeiern, die erste Impro-Theatergruppe Bremens, Aktivitäten von Autonomen und antifaschistischen Fußballultras: Diskutieren und Handanlegen, Schreiben und demonstrieren, Feiern und Putzen, das gehörte und gehört in der Buchte zusammen.

Die Herausgeber_innen ermöglichen mit ihrem Buch einen beispielhaften Blick in die Geschichte Bremens. Sie bieten Einblicke in die Welt eines „selbstverwalteten“ Jugendhauses und leisten damit einen lesenswerten Beitrag zur Bewahrung der Geschichte alternativer Räume und Bewegungen. Eines Hauses, das, obwohl es vergleichsweise klein ist, immer mehr war als ein Jugendhaus.

Das durchweg vierfarbige Buch wirkt authentisch, kommt ohne Weinerlichkeit und die für solche Produkte typische, falsche Nostalgie aus. Bo Beckmann hat es sehr ansprechend gestaltet. Deshalb ihnen ein „Danke“ – und ebenso an alle, die das Haus mit ihrem Engagement getragen haben: Hut ab! Ohne die Buchte wäre Bremen (noch) ärmer.

Bernd Hüttner

Anmerkung des Rezensenten: Vergleichbare Bücher sind das zur walli in Lübeck (alternative e.V. (Hrsg.): 30 Jahre alternative! Das Buch; Lübeck 2008, 258 Seiten) zum AJZ in Bielefeld (AutorInnenkollektiv (Hrsg): AUTONOM und SELBSTVERWALTET. Eine Dokumentation über das ArbeiterInnen-Jugend-Zentrum, Bielefeld 2003, 435 Seiten) oder das zur Reitschule in Bern/Schweiz (Hansdampf (Hrsg.): Reithalle Bern – Autonomie und Kultur im Zentrum, Rotpunkt Verlag, Zürich 1998) – auch wenn die dort beschriebenen Häuser strukturell und von der Größe ganz andere sind.

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