Punk Is Dead

Richard Cabut, Andrew Gallix (Hg.)
Punk Is Dead – Modernity Killed Every Night
Zero Books, 2017
337 S.
19,99 €

Dieser Beitrag ist im Rahmen des Lektüreseminars „40 Jahre Punk“ an der Universität Oldenburg unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Binas-Preisendörfer enstanden.

Das Cover des Buchs "Punk is Dead"40 Jahre Punk! Anlässlich dieses Jubiläums im im letzten Jahr, sind wieder diverse Bücher erschienen. Dazu gehört auch die Anthologie „Punk is Dead – Modernity Killed Every Night“. Im Sammelband kommen Autor*innen zu Wort, die, wie die beiden Herausgeber, Richard Cabut und Andrew Gallix, selbst Teil der britischen Punk-Szene waren, noch bevor diese überhaupt „Punk“ genannt wurde. Sie vertreten die Position, dass Punk mit seiner Benennung gestorben sei. Es geht also weniger um die These, dass Punk heute tot ist, sondern eher darum, dass er einhergehend mit der begrifflichen Fixierung aufgehört habe zu existieren. Das Buch unternimmt den Versuch, Punk als Kaleidoskop verschiedener Perspektiven abzubilden, sich ihm also in seiner Multidimensionalität zu nähern.

Das Besondere an diesen Essays, Interviews und historischen Dokumenten ist, dass sie meist subjektive, persönliche und einander widersprechende Eindrücke des britischen Punk der 1970er Jahre schildern. Punk lässt sich, das legt der Sammelband nahe, nur in seinem vielfältigen Wirken und nicht durch eine einheitliche Charakterisierung greifen. Damit lässt sich erklären, warum beispielsweise Simon Reynolds 1986 von der Allgegenwärtigkeit des Punk in der Popmusik schreibt, Andy Blade hingegen bereits 1977 das Ende des Punks postuliert. Es kommen nicht nur Autor*innen zu Wort, die sich auf Malcom McLaren – Manager der Sex Pistols und Besitzer des Ladens SEX – und seinen Einfluss auf Mode, Musik und Punk als Kunst konzentrieren, sondern auch solche, für die dieser keinerlei Bedeutung hat. Für letztere, darunter Penny Rimbaud, ist Punk beispielsweise von Bedeutung, weil er totale Anarchie meint.

Es ist augenscheinlich, dass es in diesem Buch weniger um die Musik als vielmehr um die britische Szene der Punks in ihrer Gesamtheit geht. Dabei spielt Musik in den meisten Fällen eine Nebenrolle, ist eher ein Teil eines Ganzen, wie es zum Beispiel Rimbaud, ehemaliger Schlagzeuger der Band „Crass“, beschreibt:
Punk isn’t about music, it’s a way of life, a way of thought. Punk isn’t a fashion, it’s a way of being, it‘s anarchy in the UK, USA, wherever, and that isn’t tuned guitars and pretty lyrics (S. 178).
Weitere dargestellte, zentrale Bestandteile der Szene sind Mode, Medien, Kunst sowie der Raum (das Roxy, SEX, besetzte Häuser). Mal wird sich auf den Situationismus (Situationist International) und King Mob als Grundlage für die Ideen des ehemaligen Kunst-Studenten Malcom McLaren konzentriert, mal auf die politische Rebellion oder den Ruf nach Anarchie als Grundlage jugendlichen Handelns.

Die Anthologie ist nicht als eine weitere, neue Geschichtsschreibung zu lesen. Eher handelt es sich hier um eine, im wahrsten Sinne des Wortes, „eindrucksvolle“ Ergänzung der bisherigen Literatur über Punk. Zu den Autor*innen zählen neben den erwähnten Penny Rimbaud und Simon Reynolds, der 2005 ein Buch zum Post-Punk veröffentlichte, unter anderem auch der ehemalige Fanzine-Autor Jon Savage, der Autor des ersten Sex-Pistols-Interviews Jonh Ingham, der Journalist und Autor Barney Hoskyns und Paul Gorman, der 2019 eine Biographie über Malcom McLaren veröffentlichen wird. Unter den insgesamt 21 Autorinnen und Autoren befinden sich auch zwei Frauen: Judy Nylon, die 1970 aus Amerika nach London kam und dort unter anderem die Band „Snatch“ gründete, und Dorothy Max Prior, ehemalige Go-Go-Tänzerin, mittlerweile Performance-Künstlerin. Die Tatsache, dass lediglich zwei weibliche Ex-Punks zu Wort kommen, führt unweigerlich zu der Frage, ob Punk eine männlich dominierte Szene war, oder bisher meist aus männlicher Perspektive erzählt wurde.

Schließlich ist festzustellen, dass sich dieses Buch nur bedingt als Einstieg in die Beschäftigung mit dem weiten Feld Punk eignet, da sehr viel Hintergrundwissen über die britische Punk-Szene vorausgesetzt wird. So wird von Personen und Treffpunkten berichtet, die allerdings nicht weiter erläutert werden. Auch sind die Texte weniger wissenschaftlich als eher subjektiv und essayistisch gestaltet. Die dabei oftmals Verwendung findende Umgangssprache kann bei Nicht-Muttersprachlern durchaus zu Verwirrungen führen. Jedoch birgt dieser Sammelband auch die Chance, Themenfelder zu entdecken, die bisher noch nicht erschöpfend erforscht sind.

Veronika Volbers

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