Heavy Metal in der DDR

Wolf-Georg Zaddach
Heavy Metal in der DDR. Szene, Akteure, Praktiken.
transcript, 2018
S. 369
39,99€

Heavy Metal in der DDR, dass sich dahinter mehr verbirgt, als die Bands Formel 1, Macbeth und Merlin beweist Musikwissenschaftler Wolf-Georg Zaddach in seiner Promotionsarbeit, die der transcript Verlag Ende 2018 für ein breiteres Publikum veröffentlicht hat. Die*der geneigte Leser*in muss sich, wie für eine Promotion nun mal üblich, zunächst durch einige Seiten theoretischer Einordnung kämpfen, ehe Zaddach zu einer anspruchsvoll und dennoch unterhaltsam geschriebenen Abhandlung über die Heavy Metal Szene der DDR kommt.

In drei groben Kapiteln arbeitet er sich von allgemeineren Betrachtungen über Jugendkulturen in der DDR (I), zu einer Betrachtung der DDR-Metal-Szene vor (II), deren Praktiken er dann in Kapitel III näher untersucht. Dabei betrachtet er Geschlechter- und Bildungsverhältnisse ebenso, wie die deutsch-englische Sprachbarriere, DDR-Fanzines, Tauschnetzwerke, Konzerterlaubnisse oder die Beschaffung von Musikinstrumenten vor der Wende. Wie ein muffiger Dunst scheint über alle den behandelten Fan- und Band-Praktiken eine ständige Bewertung und Beobachtung durch das Ministerium für Staatssicherheit zu schweben.

Zaddach arbeitet auf, wie noch zu Beginn der 80er Jahren Bands, wie die Erfurter Band Macbeth, nicht nur ein Auftrittsverbot bekamen, die Band wurde von offizieller Stelle „liquidiert“ und mit einem fünfstelligen Bußgeld belegt. Ein Mitglied der Hallenser Band Panther wurde sogar inhaftiert. Doch, so schreibt Zaddach: „Mit 1987 änderte sich einiges. Die Konsequenzen des Zionskirchen-Skandals betrafen auch die Metal-Szene in Form der ‚kulturellen Umarmung‘ als neue Strategie der SED im Umgang mit ursprünglich westlichen Jugendkulturen. Es scheint kein Zufall zu sein, dass die Szene in den letzten beiden Jahren vor dem Mauerfall bis dahin nicht geahnte Möglichkeiten und Freiräume erlebte.“ Ende der 80er Jahre hatte auch der Staatsapparat verstanden, dass Heavy Metal unwiderruflich im Mainstream angekommen war.

Gespickt mit einer Vielzahl von Interviewauszügen, Zitaten aus akribisch aufgearbeiteten Stasi-Akten und Illustrationen, erzählt Zaddach die Geschichte der ostdeutschen „Heavies“ von den späten Siebzigern bis zur Wende. Er lässt Fans, Musiker*innen und Journalist*innen gleichermaßen zu Wort kommen, gibt dem Ganzen aber einen fundierten wissenschaftlich-theoretischen Rahmen. Heavy Metal in der DDR ist sicher keine leichte Feierabendlektüre, aber für alle, die Nachholbedarf in Sachen ostdeutscher Metalgeschichte haben, mehr als lesenswert.

Lisa Schug

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