Hyper! A Journey into Art and Music

Es sind (zumindest für Berliner Clubgänger*innen) bekannte Gesichter, die die Besucher*innen gleich zu Beginn der Ausstellung Hyper! in den Hamburger Deichtorhallen begrüßen: auf großformatigen Portraits von Fotograf und Berghain-Türsteher Sven Marquardt sind seine Türsteherkolleg*innen zu sehen. Dieser Einstieg ist programmatisch, denn bei der Ausstellung spielt Clubkultur als Bezugspunkt für Kunst und Musik eine große Rolle. Das Berghain selbst verbindet schon seit Jahren unterschiedliche kulturelle Sphären miteinander – es ist nicht nur ein Technoclub, sondern Ort für experimentelle Musik, bildende Kunst, Tanztheater und vieles mehr. Auch deshalb finden sich wohl immer wieder Verbindungen zum Berghain: neben Marquardts Portraits ist ein Korkmodell des Berliner Clubs von Philip Topolavac ausgestellt, es sind Arbeiten der Fotografin Frederike von Rauch zu sehen, die in Zusammenarbeit mit dem Berghain-Resident Marcel Dettmann entstanden sind. Von Wolfgang Tillmanns, von dem auch Fotografien in den Räumen des Berliner Clubs zu sehen sind, wird eine breite Auswahl an Musiker*innenportraits gezeigt, darunter Techno-DJs genauso wie Mainstream-Popstars. Es sind viele weitere Bezüge zur Technoszene zu entdecken – von den von Scooter inspirierten Malereien von Albert Oehlen, Fotoarbeiten des Kölner Techno-Urgesteins Wolfgang Voigt (hier das erste Mal in einer Ausstellung zu sehen) bis zu einer großformatigen Fotographie von Andreas Gursky aus dem ehemaligen Frankfurter Technoclub Cocoon.

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Philip Topolovac: I’ve Never Been to Berghain, 2016 © Philip Topolovac/VG Bild-Kunst Bonn, 2019

Clubkultur und Techno sind allerdings nicht die einzigen Bezugspunkte, es findet sich eine große Breite an unterschiedlichen Stilen – u.a. Mainstream-Pop, (Post)-Punk, experimentelle Musik, Klassik und Noise. Sie repräsentieren die persönlichen Perspektiven des Kurators Max Dax, der in der Vergangenheit auch Chefredakteur der Spex und des von der Telekom herausgegebenen Electronic Beats Magazins war. Langjährige Leser*innen dieser (mittlerweile beide als Printmagazine eingestellten) Zeitschriften finden entsprechend vieles wieder, was in diesen diskurspoppigen Magazinen thematisiert wurde. Dazu gehören z. B. Arbeiten von Kim Gordon (Sonic Youth), Michaela Melián (FSK), Wolfgang Müller (Die Tödliche Doris), Christof Schlingensief (Thema ist seine Beschäftigung mit Richard Wagner) oder K Foundation (The KLF). Auch Plattencover (bzw. Material, das für Plattencover genutzt wurde) von u.a. Daniel Richter (für die Goldenen Zitronen), Emil Schult (für Kraftwerk), Thomas Ruff (für Family*5), Cosima von Bonin (für Moritz von Oswald Trio) oder Rosemarie Trockel (für Kreidler) werden gezeigt. Auch wenn sehr unterschiedliche künstlerische und musikalische Kontexte nebeneinander stehen, beliebig wirkt die Auswahl nicht. Die Ausstellung verbindet Pop, sogenannte Hochkultur, Avantgarde und subkulturellen Untergrund und macht deutlich, wie sehr diese kulturellen Bereiche miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig bedingen – und wie produktiv es sein kann, die Grenzen zwischen solchen Kategorien auch in einer Ausstellung zu sprengen.

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Rutherford Chang: We Buy White Albums, 2013 – 2019 © Rutherford Chang

Zu den vielen Highlights der Ausstellung gehört z. B. das Werk „We Collect White Albums“, für das der Künstler Rutherford Chang mehr als 2.000 gebrauchte Exemplare des White Albums der Beatles zusammengetragen hat. Die Alben sind durch den Gebrauch durch die ehemaligen Besitzer*innen zu Einzelstücken geworden, das Kunstwerk spielt mit der Spannung der im Pop üblichen Massenproduktion von Tonträgern und dem in der Kunst zentralen Rolle des einzigartigen Originals. Beeindruckend sind mehrere Videoarbeiten – neben Cyprien Gaillards hypnotisierendem „Nightlife“  und Mark Leckeys Collage subkultureller Tanzstile „Fiorucci made me Hardcore“ insbesondere APEX von Arthur Jafa, in dem der afroamerikanische Künstler im Sekundentakt Hip-Hop-Plattencover, Bilder von Aliens oder auch schwer zu ertragene Bilder von gelynchten Schwarzen aneinander geschnitten hat. Jafa will eine alternative, afroamerikanische (Pop)Kulturgeschichte schreiben, als Soundtrack läuft der brachiale Minimal-Techno-Track „Minus“ des Detroiter Techno-Produzenten Robert Hood von 1994 – ein Track, der bis heute auch im Berghain gespielt wird und eine überraschende Verbindung zum Beginn der Ausstellung schlägt.

9783864422836_0.jpgDer bei Snoeck erschienene Katalog zur Ausstellung enthält Interviews, die Kurator Max Dax mit einem Großteil der vertretenen Künstler*innen geführt hat, und reichhaltiges Bildmaterial. Als Reader und Dokumentation der Ausstellung, die noch bis zum 4. August gezeigt wird, ist er wunderbar geeignet, tiefer in die Verbindungen zwischen Kunst und Musik einzutauchen.

Eine weitere Ausstellung, die sich an der Schnittstelle zwischen Musik und Kunst bewegt, ist im Augenblick in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main zu sehen. In „Big Orchestra“ werden Werke gezeigt, die auch als Musikinstrumente im weitesten Sinne funktionieren. Hier lohnt es sich, auf das Begleitprogramm zu schauen, da diese Werke erst dann wirklich verständlich sind, wenn sie auch genutzt werden können (was im regulären Ausstellungsbetrieb nur vereinzelt möglich ist). Deutlich weniger stark sind hier die Bezüge auf Pop und Subkultur, aber ein bisschen experimenteller Techno ist mit der Installation von Carsten Nicolai vertreten. Auf vier Plattenspieler können auf spezielle Platten gepresste Loops abgespielt und miteinander kombiniert werden. Im Berghain ist Nicolai übrigens auch schon einige Male aufgetreten.

Hyper! A Journey into Art and Music. Deichtorhallen, Hamburg. bis zum 4.8.2019

Big Orchestra. Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main, bis 8.9.2019

Max Dax und Dirk Luckow
Ausstellungskatalog Hyper! 
Snoeck 2019
288 Seiten
49,80€
In Deutsch und Englisch erhältlich.

Daniel Schneider

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