Wildes Düsseldorf

ar/gee gleim / Xao Seffcheque & Edmund Labonté (Hrsg.)
Geschichte wird gemacht. Deutscher Underground in den Achtzigern
Heyne Hardcore 2019
244 Seiten, inklusive CD mit 7 Songs
30€

Prolog:
Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran!
Spacelabs fallen auf Inseln, vergessen macht sich breit, es geht voran!
Berge explodieren, Schuld hat der Präsident, es geht voran!
Graue B-Film-Helden regieren bald die Welt, es geht voran! 
(Fehlfarben – Ein Jahr, es geht voran)

Acover.jpgr/gee gleim wurde 1941 in Düsseldorf unter dem Namen Richard Gleim geboren, bekannt wurde der gelernte Gärtner vor allem für seine Fotografien, die ab Ende der 1970er Jahre im Umfeld der aufkeimenden deutschen Punk- und New-Wave-Szene entstanden.

„Ich habe mal eine Ausstellung namens ‚Wildes Düsseldorf’ gemacht, in der ich Bilder von ausschließlich wild vorkommenden Pflanzen in der Stadt gezeigt habe. Doch das Publikum hat nur Blümchen gesehen und dem Aussteller war das nicht politisch genug. Immer wieder dasselbe. (…) Als Gärtner steht man außerhalb dieses Schlachtfeldes und versucht, ein Verständnis für die Vielfalt und Größe des Daseins zu vermitteln. (…). Also bin ich nach wie vor Gärtner und das vor dem Fotografen.“

Die Herausgeber von Geschichte wird gemacht, Xao Seffcheque und Edmund Labonte,  waren selbst in den 1980er Jahren im und um den Düsseldorfer Ratinger Hof – dem Zentrum der Punk- und New-Wave-Szene der Modestadt – aktiv. Ein Besuch beim größten Bücherversand der Welt gibt uns erste Orientierung, um was es hier gehen könnte:

18. März 2019 2,0 von 5 Sternen Hier sehen die frühen 80er langweiliger aus, als sie waren!

8. März 2019 1,0 von 5 Sternen Gefällt mir nicht  Das Cover finde ich nicht ansprechend. Hätte mir mehr Farben gewünscht.

244 Seiten ermöglichen dem Rezensenten 122 mal umzublättern. Dabei begegnen ihm 200 imposante und teilweise zuvor unveröffentlichte Schwarzweiß-Fotos aus dem Ouevre von ar/gee. Er selbst unterstützt die Bilder mit kleinen Anekdoten. Er erinnert sich in kurzen, fotografisch anmutenden Blitzlichtern an seine nicht-heimlichen Aufnahmen der vermeintlichen Residents am Bahnhof in Frankfurt, an Aufnahmen von Nico, Julie Jigsaw und Johnny Thunders. Ar/gee war dabei nicht nur in seiner Heimatstadt Düsseldorf unterwegs, auch in Wuppertal, Hamburg und Berlin fungierte er als Kronzeuge des nahenden Untergangs – die Achtziger, No Future, der Rest ist Geschichte. Bilder von frühen Auftritten der Ärzte und der Toten Hosen wechseln mit wirklich eindrücklichen Bildern vom Auftritt der amerikanischen Skandal-Band The Plasmatics im Metropol Berlin 1982. Geschichte wird gemacht und schon geht es weiter mit Aufnahmen von Östro 430, Abwärts, S.Y.P.H. oder den Einstürzende Neubauten. Dazwischen zeigen Bilder vom gelangweilten oder erstaunten Publikum im Ratinger Hof oder beim Hagener New Wave Festival 1980, dass die Szene nicht nur aus den neuen Stars auf der Bühne bestand.

Zwischen den Fotographien Spalten voller Buchstaben: 15 Essays von Musiker*innen, Journalist*innen und Autor*innen erzählen ganz eigene Geschichten von einem jeweils ganz eigenen Universum. Zeitzeugen wie Peter Hein (Fehlfarben / Family*5) und Hans Nieswandt wechseln sich ab mit später geborenen wie Miriam Spies, Katja Kullmann und Hendrik Otremba (Messer). Der Blick wechselt mit jedem Essay, aber die Message bleibt gleich. Es ist immer eine Zeitreise ins eigene Ich, die die Autoren unternehmen. Eine sehr persönliche Reise zum Erweckungsmoment, dem Jahr der Kontaktaufnahme oder dem Culture-Clash mit der „normalen“ Welt.

„In Friedrichshafen kam der Punk so richtig im Jahr 1979 an. (…) Ohne die Fotos von ar/gee und anderen (…) hätten wir gar nicht gewusst was wir anziehen sollen“ beginnt Hans Nieswandt seinen Essay über Kleidungs- und Haarfragen. Wolfgang Zechner bringt es für sich so auf den Punkt: „DAF haben den Schalter in meinem Kopf umgelegt, haben mein Gehirn neu formatiert“. Hendrik Otremba, Mastermind der neu-modernen Münsteraner Band Messer widmet sich dagegen Genesis P-Orridges dunklen Künsten. P-Orridges Band Throbbing Gristle („pochender Knorpel“, in der Umgangssprache von Yorkshire die Bezeichnung für einen erigierten Penis) war stilbildend für das spätere Genre Industrial. Katja Kullmann wiederum geht in eine Art Gespräch mit sich, dem Auftraggeber Seffcheque und dem Publikum. Ganz anders wird es wieder bei Frank Spilker, Sänger von Die Sterne. Spilker erinnert sich an sein ganz eigenes 1982 und seine enttäuschende Feststellung zu spät geboren zu sein: „Wir sind die, die es nicht mehr genauso machen können, wie die, die uns fünf Jahre zuvorgekommen sind. Wir sind gezwungen etwas neues zu machen.“

Am Ende dieser Geschichte gibt es dann den Soundtrack unserer Vergangenheit. Die Ärzte, Family*5, Palais Schaumburg, Andreas Dorau, Östro 430, Der Plan und The Wirtschaftswunder finden sich mit jeweils einem Titel auf einer beiliegenden CD. Stilecht wäre dagegen wohl eine 7“Single gewesen.

Am 16. Juli diesen Jahres ist ar/gee in Düsseldorf gestorben und dieser Fotoband wirkt nun wie sein Vermächtnis. Ich danke Xao Seffcheque, Edmod Labonte und vor allem ar/gee für dieses Buch.

Aber lassen wir ar/gee doch selbst sprechen:

Gnogongo.de: Publiziert am 22. März 2019 von ar/gee: Mir fällt auf, dass in fast allen Rezensionen zum Buch der Ratinger Hof im Mittelpunkt steht. Dabei ist nicht mal ein Viertel der Bilder dort entstanden. Auch damals war die Welt größer.

Epilog:
Bilder von früher
Um ganz ehrlich zu sein
Bitte zeigt sie mir nicht mehr
Menschen machen Fotos gegenseitig
Zu beweisen dass sie wirklich existierten
Auf Nummer sicher zu gehen dass sie da sind

(Goldene Zitronen – Menschen machen Fotos gegenseitig)

Jimi NoMore

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