„Viva Boumann‘s, Boumann‘s viva viva“

Jakob Warnecke
„Wir können auch anders“.  Entstehung, Wandel und Niedergang der Hausbesetzungen in Potsdam in den 1980er und 1990er Jahren
Be.bra 2019
286 Seiten
34€

Wann immer sich die legendäre und mittlerweile aufgelöste Potsdamer Band „Lex Barker Experience“ für eines ihrer seltenen Revival-Konzerte noch einmal zusammentut, macht sich im Publikum eine nostalgische Stimmung breit, die vor allem beim Song „Viva Boumanns“ ihren Höhepunkt erreicht. „‚Wir können auch anders‘ – Entstehung, Wandel und Niedergang der Hausbesetzungen in Potsdam in den 1980er und 1990er Jahren“ von Jakob Warnecke hilft zu verstehen, was es damit auf sich hat.

In seiner in Buchform erschienenen Dissertation geht Jakob Warnecke den Hintergründen und Entwicklungen der Hausbesetzer*innenszene in Potsdam von seinen Anfängen in den 1980er Jahren bis zum Niedergang ab den 1990er Jahren nach. Dafür hat er unter anderem auch im Archiv der Jugendkulturen recherchiert. Die Wurzeln der Bewegung sieht er in schon zu DDR-Zeiten illegal genutzten Wohnungen und in der alternativen und oppositionellen Szene der DDR. Besonders spannend sind dabei unter anderem die Überschneidungen mit politischen und jugendkulturellen Gruppen und (Sub-)Kulturen: So wurde die erste öffentliche Hausbesetzung im Dezember 1989 von der Antifa Potsdam initiiert. Diese hatte sich bereits 1987 als Reaktion auf den Überfall von Neonazis auf ein Konzert in der Berliner Zionskirche gegründet. Überscheidungen ergaben sich aber auch mit der örtlichen Punk- und Gothicszene, Fußballfans des Vereins Babelsberg 03 und der „Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär“. Die Hausbesetzer*innenszene war darüber hinaus aber auch Spiegel gesellschaftlicher Problemlagen, beschreibt Warnecke: Die Zusammenarbeit zwischen den ost- und westdeutschen Besetzer*innen war nicht immer konfliktfrei, das Geschlechterverhältnis unausgewogen. Als Reaktion auf den szeneinternen Sexismus versuchte im Juni 1995 eine „Lesben/Frauen-Gruppe“ ein reines Frauenprojekt zu gründen, scheiterte jedoch an der städtischen Politik und einem Angriff von Neonazis.

Insgesamt zeigt Warnecke, dass die Hausbesetzungen immer auch Ausdruck und Mittel einer Auseinandersetzung um Raumaneignung und -definition darstellten. Die besetzen Häuser waren dabei einerseits Zielobjekte von und Schutzräume vor Neonazis, die vor allem zu Beginn der 1990er Jahre versuchten die Potsdamer Innenstadt zu dominieren. Gleichzeitig stießen die Besetzer*innen immer wieder Diskussion rund um die Frage an, wem eigentlich die Stadt gehöre. Da große Teile der Verantwortlichen in der Politik vor allem daran interessiert waren die „Barockstadt“ Potsdam für Investor*innen attraktiv zu machen. Es kam zu einer systematischen Verdrängung alternativer Kultur- und Wohnprojekte aus der Innenstadt. Gleichzeitig galt Potsdam in den 1990er Jahren mit über 70 Hausbesetzungen seit 1989 und zeitweise bis zu 30 besetzen Häusern gleichzeitig als „Hauptstadt der Hausbesetzer*innen“.

Und doch: Als die Bewohner*innen des „Boumann’s“ im Juni 2000 wegen eines Zimmerbrandes ihr Haus verließen, hinderte die Polizei sie daran das Objekt nach der Löschung wieder zu betreten. Mit dem Boumann’s verschwand damit nicht nur ein seit 16 Jahren existierendes Projekt, sondern auch das letzte öffentliche Hausprojekt mit Kneipe und Konzertbetrieb aus der Innenstadt. Noch einmal kam es zu einer großen Protestwelle, in dessen Folge bis zu 150.000 DM Sachschaden entstanden und „Lex Barker Experience“ ihren Protest mit „Viva Boumann’s“ vertonte. Doch der Protest scheiterte genauso wie die Bemühungen der Besetzer*innen das Haus zu kaufen. Ein Kapitel der alternativen Szene Potsdams schloss sich.

Jakob Warneckes Buch zeichnet kenntnisreich und detailliert die Geschichte der Potsdamer Hausbesetzer*innen nach. Einzig der akademische Sprachstil und der, für eine wissenschaftliche Arbeit obligatorische Theorieteil zu Beginn des Buches erschweren den Lesefluss an einigen Stellen. Übrigens: Auch heute lassen sich in Potsdam noch Spuren der „Hauptstadt der Hausbesetzer*innen“ finden: Einstige Ausweichprojekte brechen bis heute in ihrer Fassadengestaltung mit dem barocken Pastellgelb der sie umgebenen Häuser oder tragen über Transparente politische Botschaften in den Stadtraum. Im „Archiv“ finden bis heute Punk-Konzerte statt, auch wenn die angrenzende Speicherstadt Luxus-Eigentumswohnungen beherbergt. Das „Waschhaus“ hat sich von einem besetzen Haus zu einem etablierten Kulturstandort entwickelt. Und auch heute noch werden in Potsdam (größtenteils erfolglos) Häuser besetzt. An vielen anderen Stellen finden sich jedoch keine Erinnerungen mehr an die bewegte Geschichte der Häuser: Wo einst buntes Chaos blühte, herrscht heute barockes Pastellgelb.

Almut D.

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