Die Macht der Nacht

Westbam
Die Macht der Nacht
Ullstein 2015
320 Seiten
18 €

51JARG28CDL._SX312_BO1,204,203,200_Westbam überall. Bücher, Filme, Podiumsgespräche. Es passt allerdings auch alles sehr gut zusammen – zu seinem 50. Geburtstag ist dieses Jahr seine Biographie „Die Macht der Nacht“ erschienen, die wiederum perfekt zum ganzen Westberlin-Subkultur-Mauerfall-Einheit-Techno-Rummel der letzten Jahre passt, in dessen Kontext er auch schon regelmäßig auftauchte. Denn Maximilian Lenz, so Westbams bürgerlicher Name, war irgendwie immer mitten drin in diesen Szenen und kannte anscheinend alle, die wichtig waren. Und zwar schon ab Ende der 70er Jahre, als er Punk entdeckte und selber zu einem wurde – und in den darauffolgenden Jahren verschiedene wichtige Protagonist_innen der deutschen Szene, von den Toten Hosen über DAF, Mania D/Malaria! bis zu den Einstürzenden Neubauten, kennenlernte. Das lag u. a. auch an seinem gut vernetztem Freund und späteren Manager William Röttger, der schon früh davon überzeugt war, dass Maximilian ein großes Talent sei. Dieser nannte sich als Punk „Frank Xerox“ und spielte dann auch schon 1981 mit seiner Band „Kriegsschauplatz Tempodrom“ beim „Festival Genialer Dilletanten“ in Berlin, das als eine Art Startpunkt für die Westberliner Szene gilt.

Nachdem Lenz 1982 schon ein halbes Jahr in Berlin zur Schule gegangen war (als eine Art „Auslandsaufenthalt“ und erstaunliche „Bildungsreise ins Nachtleben“) zog er nach seinem Abitur endgültig von Münster nach Berlin und fing an, im Metropol aufzulegen. Es folgen turbulente Jahre, in denen Lenz ein Pionier der elektronischen Tanzmusik wird, nicht nur als DJ, sondern auch als Theoretiker – 1984 verfasste er den Artikel „Was ist Record Art?“, der der erste deutschsprachige Text zum neuen Phänomen des DJings war.

In die „Macht der Nacht“ – benannt nach einer Partyreihe in einem Zirkuszelt, einer Art Rave, bevor es Raves gab – erzählt Lenz seine Geschichte von seiner Kindheit in den 1970ern bis Mitte der 1990er Jahre, als Techno zur größten deutschen Jugendkultur wurde. Die Biografie ist eine unterhaltsame, manchmal sogar äußerst komische Lektüre, in einzelnen Momenten aber auch schrecklich traurig (tragische Todesfälle gehören zu solch einer Geschichte dazu), und sie zeigt sehr anschaulich, wie sich Techno in Berlin u. a. aus der Punk- und New Wave-Szene und der schwulen Partykultur heraus entwickelt hat. Das alles ist also auch ein lesenswertes Stück Musikgeschichte und eine Dokument über den Aufstieg von Techno zur Massenkultur, zu dem Westbam mit seiner Beteiligung an Veranstaltungen wie der Loveparade und der Mayday sowie durch die chartstaugliche Musik seines Plattenlabels Low Spirit einen bedeutenden Beitrag geleistet hat. Dafür wurde er oft angefeindet, da ihn Techno als reine Untergrundkultur nicht interessierte, und hat ihm teilweise das Image eines rein kommerziell denkenden Großraumdisko-DJs einbrachte – was so nicht stimmt, das Buch ist auch von einer überzeugenden Liebe zur Musik geprägt und voll nerdigem Wissen über tolle Platten.

Nach dem Größenwahn Mitte der 1990er, als Westbam, Dr. Motte und Jürgen Laarmann (Frontpage) von der Raving Society träumten und die Loveparade jedes Jahr größer wurde, kommt aber leider nur noch sehr wenig. All das, was ab Ende der 1990er passierte, hat bis auf ein paar wenige Episoden anscheinend nicht mehr ins Buch gepasst. Es wäre bestimmt spannend gewesen, wie z. B. der Aufstieg von Minimaltechno (kurz bringt er das mit 9/11 in Verbindung, der seiner Meinung auch in der Technoszene zu einer neuen Zurückhaltung geführt habe) oder die Bedeutung des Berghains (auf einem Podiumsgespräch bei der Heinrich-Böll-Stiftung sprach er diesbezüglich von der Suche nach der Hochkultur) aus Westbams Sicht einzuschätzen sind. Vielleicht fehlen diese Themen auch deshalb, weil sich Westbam hier nicht mehr wohl gefühlt hat, er deutet das an, in dem er darüber schreibt, dass er sich in dieser Zeit manchmal „unpassend“ gefühlt habe. Aber auch die weitere Karriere von Westbam selbst, von seiner erfolgreichen Zusammenarbeit mit Nena (Oldschool, Baby 2002) bis zur Katastrophe auf der Loveparade in Duisburg 2010, auf der er sein letztes Set auf einer Loveparade überhaupt spielen wollte, fehlt fast komplett.

mailEin klein wenig mehr über Westbams Sicht auf die Gegenwart erfährt man im neu verfassten Nachwort zur vor kurzem erschienen Neuauflage von Ulf Porscharts „DJ Culture“, das gerne als Standartwerk zum Thema bezeichnet wird. Hier schreibt Westbam u. a. über Laptop-DJs und digitale Musikkultur, oder auch den Aufstieg der Superstar-DJs, die vor riesigen Menschenmassen auftreten und Millionen verdienen, aber teilweise gar nicht selber mixen können. Er selbst hat nie diesen Status des absoluten Superstar-DJs erreicht – ein Phänomen, das vor allem im Kontext von EDM in den USA ganz neue Blüten treibt – vielleicht, weil er doch trotz allem irgendwie immer mit einem Fuß im Untergrund verwurzelt geblieben ist und am totalen Ausverkauf kein Interesse hatte.

Als gute Ergänzung zu „Die Macht der Nacht“ läuft im Moment in der Mediathek von Arte die Dokumentation „Bäm Bäm Westbam!“, in der noch einmal wesentliche Episoden der Biografie thematisiert werden und auch einige der Protagonisten zu Wort kommen. Westbam unterhält sich hier mit Gabi Delgado von DAF, der Berliner DJ-Legende Fetisch und seinem Kollegen Hardy Hard. Seltsamerweise taucht auch Sven Regner auf, der die elektronische Tanzmusik als Rache der Keyboarder am Rock’n’Roll bezeichnet (weil nun endlich nicht mehr die Leute mit den Gitarren im Mittelpunkt stehen). Das ist alles durchaus sehenswert und ebenfalls ziemlich unterhaltsam, allerdings teilweise großspuriger erzählt als es notwendig gewesen wäre, z. B. wenn in den Kommentaren Westbams Rolle auf übertriebene Weise gepriesen wird, nervt das ziemlich – Westbam ist zwar kein bescheidener Mensch und hat auch keinen Grund dazu, seine Biografie liest sich aber auch deshalb so angenehm, weil er mit einer gewissen ironischen Distanz auf seine Karriere blickt.

Aktuell ist neben „Bäm Bäm Westbam!“ auch „B-Movie“ bei Arte +7 zu sehen, die Dokumentation über die Westberliner Subkultur – selbstverständlich ebenfalls mit Westbam.

Daniel Schneider

Alltag Einheit

10caf999a0Ein Ausstellungstipp für (mal wieder) alle aus Berlin bzw. alle Leute, die im Laufe des Jahres Berlin besuchen: Alltag Einheit – Porträt einer Übergangsgesellschaft im Deutschen Historischen Museum.

In der Ausstellung wird die Zeit nach dem Fall der Mauer beleuchtet, mit Schwerpunkt auf den Osten Deutschlands, da hier die Veränderungen am stärksten waren. Es geht dabei – wie der Titel schon sagt – vor allem um die Veränderungen des Alltags der Menschen, darum, wie sich beispielsweise die Arbeitswelt oder die kulturelle Landschaft wandelten. Die Ausstellung thematisiert dabei auch manche Schattenseiten der Zeit nach 1990, was am deutlichsten an der Stelle wird, wo der Jubel über die gewonnene Fußballweltmeisterschaft von 1990 direkt den rassistischen Pogromen und Brandanschlägen in u. a. Mölln und Rostock-Lichtenhagen (1992) gegenübergestellt wird. Dass es hier einen direkten Zusammenhang geben könnte wird zwar nicht angesprochen, aber dadurch dass das Trikot der deutschen Nationalmannschaft auf beiden Seiten zu sehen ist, wird diese Sichtweise zumindest nahegelegt.

Auch Materialien aus dem Bestand des Archivs der Jugendkulturen werden gezeigt, u. a. Flyer und Plakate aus der Anfangsphase der Berliner Technoszene und der Loveparade. Die Materialien stammen alle aus dem sich im AdJ befindenden Nachlass des 2011 verstorbenen Ralf Regitz, dem ehemaligen Geschäftsführer der Planetcom.

Ein weiteres Thema sind Hausbesetzungen, u. a. wird an einem Computerterminal die von Mitarbeiter_innen des Archivs mitentwickelte Webseite Berlin Besetzt mit interaktivem Stadtplan und digitalem Archiv zu besetzten Häusern in Berlin und Potsdam gezeigt.

Alltag Einheit (bis 3. Januar 2016)
Deutsches Historisches Museum
Unter den Linden 2
10117 Berlin
Öffnungszeiten: täglich 10 – 18h
Eintritt (für das gesamte Museum): 8 €, ermäßigt 4 €,
bis 18 Jahre frei

Die Toten Hosen

Philipp Oehmke
Die Toten Hosen – Am Anfang war der Lärm
Rowohlt 2014
384 Seiten
19,95 €

U1_978-3-498-07379-4.inddSeit nun mehr über dreißig Jahren toben Die Toten Hosen über die Bühnen dieser Welt. Dass die Band heute nicht mehr das ist, was sie in den 1980ern war, liegt wahrscheinlich in der Natur der Sache, sie sind ohne Zweifel schon seit längerer Zeit massentauglich. Als dann Volker Kauder den Song „An Tagen wie diesen“ bei der CDU-Siegesfeier nach den Bundestagswahlen 2013 trunken ins Mikro seines Stehpultes röhrte, waren die Hosen verärgert. Die Kanzlerin höchstpersönlich rief bei „Herrn Campino“ an, um sich dafür zu entschuldigen. Der Düsseldorfer Ex-Punk reagierte seriös und gratulierte ihr sogar zum Wahlsieg.

Dies ist der Ausgangspunkt des knapp 380 Seiten umfassenden Buches über Die Toten Hosen, das auf mehr als hundert Stunden Material aus Gesprächen mit der Band, Verwandten, Freunden, Bekannten und Kritikern aufbaut und die Genese der Düsseldorfer Formation darstellt. So beleuchtet das Buch zunächst die Familienverhältnisse und zeigt wie in den 1980ern die Aufbaugeneration der Hosen-Väter auf die destruktive Punkattitüde trifft. „Man muss nur zehn Jahre nach Strobl am Wolfgangssee fahren. Dann wird man automatisch Punk“, soll Campino mal gesagt haben. Der Punk brachte Unruhe in die eigens zementierte Idylle ehemaliger Kriegsheimkehrer, zu denen die Väter der Hosen gehörten. Die Musik der Hosen, so eine These des Autors, war Ausdruck einer Abwehrbewegung gegen die damaligen Zustände, die sich vor allem durch die Unfähigkeit der Elterngeneration, die eigenen Gefühle auszudrücken, auszeichneten. Doch folgte aus dieser Abwehr keine Überwindung, sondern vielmehr die Fortsetzung der emotionalen Sprachlosigkeit des Elternhauses durch die Hosen selbst.

Die Umstände der Entstehung der Band werden ausgiebig beleuchtet. Es findet sich einiges über die lokale Punkszene um den Ratinger Hof in Düsseldorf und die wichtigen Punkbands der 1980er, aber auch die unterschiedlichen Szenen in Hamburg und Berlin und deren Beziehungen zueinander. Auch über die Punks dieser Zeit in Ostdeutschland wird berichtet: Geheime Konzerte der Band in der DDR, misstrauisch von der Stasi beäugt.

Der Autor beschreibt den Erfolg ebenso wie die Schaffenskrisen und den Umgang mit dem Ausbleiben von Kreativität und dem gelegentlichen Festsitzen in musikalischer Mittelmäßigkeit. Es geht um Brüche, Tragödien und Transformationen der Band. Und wie zu erwarten, wird der hedonistischen Seite auch viel Platz eingeräumt: Saufen, Koksen, Hotelzimmer zerkloppen und so dicht sein, dass man auf der Bühne nichts mehr hinbekommt und ein irritiertes Publikum hinterlässt. Doch in den Exzessen und der Maßlosigkeit lauerten auch die Tragödien, die die Band erschütterten. Roadie Bollock starb an einer Überdosis Heroin. Ein Fan wird auf einem Konzert zu Tode getrampelt – alles ist mehr als einmal zweifelhaft.

Campino war schon immer die zentrale Figur der Band. („Campino gibt die Stimmung in der Band vor.“) Laut und cholerisch kann er sein, bis zu homophoben Austickern in einer Live-Radiosendung Anfang der 1990er, als ihm das Publikum nicht schmeckte. Auch die anderen Bandmitglieder und deren Rollen in der Band werden beschrieben, ebenso wie die Perspektiven des krebskranken Ex-Drummers Wöllie und die der Produzenten als wichtig erachtet werden, um ein differenziertes Bild zu zeichnen.

Das Buch ist über weite Strecken, trotz einiger Redundanzen, sehr spannend. Recht ermüdend sind machmal die vielen Details über Klamotten, Tattoos und Frisuren. Das liegt vielleicht daran, dass der Autor Phillip Oehmke selbst langjähriger Fan und Freund der Hosen ist. Und das Buchcover, dass sich im typischen Toten Hosen-Artwork der „Hosen Cover AG“ präsentiert, weist einmal mehr darauf hin, dass das Buch ein, wenn auch ein gewollt kritisches, Produkt der Band selbst ist. Es trägt aber durchaus dazu bei, das Phänomen „Die Toten Hosen“ zu erklären und den von ihnen zurückgelegten Weg nachzuvollziehen: Von der einstigen, generellen Abwehrhaltung am Rande der alten Bundesrepublik zu massentauglichen Balladen für die Bierzelte, Fanmeilen und Siegesfeiern der CDU im vereinigten Deutschland. Mehr Mitte geht nicht. Und so fragt sich der Rezensent abschließend: Ist der Spießer dem Punk schon immanent und tritt seine Angepasstheit mit zunehmender Reife stetig weiter hervor oder lässt sich das alles mit den Sachzwängen der Kulturindustrie erklären?

Jakob Warnecke

Ein Mixtape von Kurt Cobain

Kurt Cobain. Montage of Heck

USA 2015

Der amerikanische Privatsender HBO ist vielen Serienfans vor allem durch so großartige und komplexe Fernsehproduktionen wie The Sopranos, The Wire oder True Detective bekannt. Doch auch im Feld der Dokumentationen hat sich HBO bereits einen Namen gemacht und zeichnet in einer ihrer aktuellen Produktionen das Leben des Nirvana-Sängers Kurt Cobain nach. Kurt Cobain. Montage of Heck wurde auf der schon etwas hinter uns liegenden Berlinale gezeigt und ist die erste voll autorisierte Dokumentation über das Nirvana-Mastermind. Sie verwebt original Super-8-Aufnahmen aus Cobains Kindheit und intime Filmaufnahmen aus seinem Familienleben mit Ehefrau Courtney Love und Tochter Frances Bean mit persönlichen Aufzeichnungen und Zeichnungen Cobains, die hauptsächlich seinen Tagebüchern entnommen sind. Durch Interviews mit Familienangehörigen und Freunden sowie animierten Filmsequenzen à la Waltz with Bashir wird dem Publikum zudem ein intimer Einblick in das Gefühlsleben, die Gedankenwelt und die Zerrissenheit dieses Sprachrohrs einer Generation geliefert – ein Sprachrohr, dass er bekanntlich nie sein wollte, zu dem er aber vor allem durch die Medien immer wieder gemacht wurde.

Der Titel dieser Dokumentation – Montage of Heck – geht zurück auf ein Mixtape Cobains aus dem Jahr 1986. Leider versäumt es die Dokumentation im späteren Verlauf näher auf dieses Mixtape einzugehen und aus ihm Rückschlüsse in Bezug auf Cobains musikalischer Sozialisation zu ziehen, so dass die Titelgebung doch etwas kontextlos wirkt. Stattdessen stellt der Regisseur Brett Morgan die Privatperson und das musikalische Genie Cobains und seine Punkrocksozialisation in den Vordergrund. Worin liegt jedoch der Mehrwert dieser Dokumentation, mehr als 20 Jahre nach seinem Tod? Denn über Kurt Cobain und Nirvana wurde schon viel geschrieben, gesagt und auch in Filmen wiedergegeben: sei es in Gus Van Sants fiktivem Spielfilm Last Days oder in Dokumenationen wie About A Son und Kurt & Courtney, um nur ein paar der vielen zu nennen.

Die Dokumentation wählt die chronlogische Erzählweise und zeigt neben den Etappen seines Privatlebens – Kindheit, Jugend und Familienleben – vor allem auch den Rockstar Cobain, von den Anfängen seiner musikalischen Karriere bis zum Durchbruch mit Nirvana. Nach dem Durchbruch geriet wiederum sein Privatleben in die Schlagzeilen, seine Drogensucht, die turbulente Ehe mit Courtney Love und der Sorgerechtsstreit mit der Stadt San Francisco nach der Geburt von Frances Bean Cobain schlugen sich enorm in den Medien nieder. Alles Facetten seines kurzen Lebens, die die Ambivalenz zwischen seinem Wunsch, auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen, und dem verzweifelten Kampf darum, sein Privatleben vor sensationsgierigen Medien zu schützen, widergespiegelt.

Der Film beginnt mit fragmentarischen Interviewpassagen seiner Eltern und seiner Schwester. Die Kindheit und Jugend von Kurt Cobain wird als glücklich, aber auch sehr schwierig beschrieben. Durch seine Hyperaktivität und Unangepassheit wird er innerhalb der Familie herumgereicht, lebt abwechselnd bei seiner Mutter und seinem Vater, die sich früh trennen, sowie verschiedenen Tanten und Onkeln. Doch ein wirkliches Zuhause findet er nicht. Die Musik wird zu seinem einzigen Zufluchtsort und bildet eine der wenigen Konstanten seines Lebens. Über sie findet er sein Medium, um seine Gefühle der Ablehnung, Zurückweisung und Entwurzelung zu verarbeiten. Viele seiner Songs sind davon durchgezogen, wie u. a. „Heart Shaped Box“ oder „Something in the Way“:

Neben der Musik ist es vor allem das Kiffen, dass Kurt in seiner Jugend, sicher nicht untypisch für einen Jugendlichen, runterbringt. Visualisiert wird diese Phase durch Tagebucheinträge und Skizzen Cobains. Durch die vom Regisseur gewählte Machart, diese Einträge und Bilder zu animieren, wird das Gefühl vermittelt, direkt bei dem Aufschreiben der teilweise verqueren Gedanken und Gefühle Cobains dabei zu sein. Drogen, vor allem sein  selbstzerstörerischer Heroinkonsum, spielen auch im weiteren Verlauf eine entscheidende Rolle in dieser Dokumentation.

Viele Weggefährten kommen zu Wort. Seine Exfreundin Tracy Marander aus seinen Aberdeen-Tagen, Krist Novoselic, der früh mit Kurt in der Band spielte, die später als Nirvana berühmt werden sollte, und natürlich auch Courtney Love, seine Witwe und Frontfrau der Band Hole. Dave Grohl, der spätere Drummer von Nirvana und seit vielen Jahren Frontmann der Foo Fighters, taucht erstaunlicherweise nicht auf, und auch Frances Bean, die immerhin die Dokumentation mitproduziert hat, will anscheinend immer noch nicht vor die Kamera, um etwas über ihren Vater zu sagen. Verständlich, sowohl von Grohl, der sich vor Jahren mit Courtney Love überworfen hat, als auch von Frances Bean, die das Schicksal vieler teilt, die als Kind berühmter Eltern von Geburt an im Interesse der Öffentlichkeit stehen. Das Verhältnis von Grohl und Love hat sich jedoch kürzlich wieder etwas entspannt, was bei der Aufnahme von Nirvana in die Rock and Roll Hall of Fame im Oktober 2014 einem breiten Publikum deutlich wurde. 

Obwohl nicht wirklich neue Dinge ans Tageslicht kommen, berührt diese Dokumentation doch auf eine ganz eigene Weise. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich, wie sicher viele andere auch, an die 1990er Jahre erinnere, in denen Grunge regelrecht explodierte und über alles in der Musikwelt hinwegfegte. Eine riesige Hypeblase entstand. Seattle wurde zum Mekka der Grungebewegung. Nirvana wurden zum „The next big thing“ erklärt und Kurt Cobain und Courtney Love waren für die Klatschpresse die Grungeversion von John Lennon und Yoko Ono. Kombiniert mit dem frühen Tod Cobains mit 27 Jahren, ergibt sich ein höchst explosiver Stoff, aus dem schon viel gestrickt wurde. Doch Brett Morgan schafft es, sich nicht mit Verschwörungstheorien um den Tod Cobains aufzuhalten, verpasst es allerdings einen wichtigen Aspekt seiner Persönlichkeit stärker herauszustellen, denn nur in wenigen Momenten scheint in dieser Dokumentation Cobains feministische Grundhaltung durch.

Die gegenseitige Beeinflussung von Grunge und der Riot-Grrrl-Bewegung sowie die Freundschaft zwischen Kurt Cobain und der Riot-Grrrl-Ikone Kathleen Hanna wird mit keinem Wort erwähnt. Der Grund dürfte darin liegen, dass Courtney Love neben anderen Familienmitgliedern sicher Einfluss auf die Auswahl der Inhalte und Schwerpunkte dieser Dokumentation genommen hat. Und es ist durchaus bekannt, dass sich Kathleen Hanna und Courtney Love nicht unbedingt gut verstehen. Legendär ist das Zusammentreffen von Love und Hanna bei dem Musikfestival Lollapalozza 1995.  Wer wissen möchte, wie eng Kurt Cobain mit der Riot-Grrrl-Bewegung sowohl ideell als auch persönlich verbunden war und welche Rolle Kathleen Hanna bei Nirvanas Meilenstein „Smells like teen spirit gespielt hat, sollte sich daher die Kathleen Hanna Dokumentation The Punk Singer anschauen.

Kurt Cobain. Montage of Heck läuft ab dem 09. April in den deutschen Kinos.

Offizieller Trailer zum Film:

Giuseppina Lettieri

Die ersten Tage von Berlin

Ulrich Gutmair
Die ersten Tage von Berlin – Der Sound der Wende
Tropen 2013
256 Seiten
17,95 €

1027_01_SU_Gutmair_TageVonBerlin.inddUnter dem ein wenig großspurigen Titel „Die ersten Tage von Berlin – Der Sound der Wende“ ist im letzten Jahr ein weiteres Buch über die Nachwendezeit und die Ausbreitung subkultureller Szenen im damaligen Berlin erschienen. Der Autor Ulrich Gutmair beschränkt sich dabei nur auf einen recht kleinen, wenn auch durchaus relevanten Teil der damaligen Berliner Szene, stark geprägt von seinen persönlichen Erfahrungen und Sympathien. Er liefert also keinen umfassenden Überblick über möglichst viele Orte und Geschehnisse, was in Anbetracht des mehr versprechenden Titels  einen falschen Eindruck hervorrufen kann, wenn man sich als Leser_in dessen nicht bewusst ist. Ähnlich wie in der Ausstellung „Wir sind hier nicht zum Spaß“, die 2013 im Kunstquartier Bethanien in Berlin-Kreuzberg gezeigt wurde, geht es um den Teil der Szene, der sich um Orte wie das Elektro oder den Tacheles gruppierte. Andere bekannte Clubs wie Tresor oder E-Werk, einflussreiche Personen wie Dimitri Hegemann oder Dr. Motte spielen kaum eine Rolle.

Und auch wenn Gutmair seine Erzählungen in historische Kontexte einbettet, vor allem mit Exkursen zur Stadtteilgeschichte, werden viele Aspekte, die mir beim Lesen als besonders spannend erschienen, nur angerissen – z. B. die Aktivitäten von Investor_innen und Immobilienfirmen, die Rolle der Politik in Bezug auf die Planung der Stadt, die Situation der alteingesessenen Bevölkerung in Ostberlin oder die Präsenz von Neonazis im unmittelbarem Umfeld der hier beschrieben Szene. Es ist zwar sehr angenehm, dass sich das Buch nicht alleine um die Technoszene dreht, sondern durchaus öfters mal über deren Tellerrand schaut, aber hier wären mehr Hintergrundinformationen oder auch ein paar weitere Anekdoten wünschenswert gewesen.

Trotzdem gibt das Buch einen guten Einblick in das Berlin Anfang der 1990er Jahre, ohne dabei allzu verklärend und romantisierend zu sein. Klar, es wird von der Freiheit und den unendlichen Möglichkeiten geschwärmt, davon, dass Menschen aus aller Welt nach Berlin kamen, nur auf Durchreise oder für einen kurzen Besuch, dann aber fasziniert von der Stadt dageblieben sind und etwas aufgebaut haben. Davon, dass viele Menschen einfach so ihr Ding machen konnten, dass die finanziellen Zwänge fehlten und in Bars der Schnaps verschenkt wurde. Die Stadt wird aber auch teilweise als sehr kaputt und ungesund beschrieben und Probleme und Konflikte werden nicht verschwiegen. Immer wieder wird deutlich, dass hier zwar in manchen Augenblicken eine utopische Gesellschaft zu existieren schien, diese aber bei genauerer Betrachtung weder klassenlos noch zukunftsträchtig war. Vielen Akteur_innen war von Anfang an bewusst, dass es sich nur um eine temporäre Situation handelte. Manche hatten wahrscheinlich von Anfang an einen Business-Plan und konnten in dieser Zeit den Grundstein für eine erfolgreiche Karriere legen, wobei die Ausgangslage von Mittelschichtkids eine ganz andere war als die von weniger abgesicherten Menschen. Es dauerte nicht lange, bis die ersten besetzten Häuser wieder geräumt waren, die ersten Clubs wieder verschwanden und historische Gebäude über Nacht demoliert wurden, damit sie nicht mehr unter Denkmalschutz standen und abgerissen werden konnten, um Platz für neue Bürogebäude zu schaffen. Es wird deutlich, wie schnell das legendäre „wilde“ Berlin der Nachwendezeit schon nach kurzer Zeit am verschwinden war, auch wenn es bis heute das Image der Stadt prägt.

Daniel Schneider

Kurzmitteilung

Summer of the 90s

An dieser Stelle mal ein Programmhinweis, auch ein wenig in eigener Sache: Auf Arte läuft vom 19. Juli bis zum 24. August die Reihe Summer of the 90s. Eine Flut an Sendungen über Mode, Pop- und Jugendkultur in den 90er Jahren, u. a. die neuproduzierte Dokuserie Welcome to the 90s, in denen verschiedene Expert_innen zu Wort kommen, darunter auch Gabi Rohmann vom Archiv der Jugendkulturen.

Vielversprechende Sendungen in diesem Zeitraum sind beispielweise die Dokumentationen Too Young To Die über Kurt Cobain (19. Juli, 21:55), Dance Culture (26. Juli, 21:40) und Willkommen im Club! (26. Juli, 22:45) über Techno und House. Als weitere spannende Themen stehen Boybands und Girlgroups (2. August), Riot Grrrls und andere subkulturelle Szenen (9. August), Hip Hop (16. August) und Brit Pop (23. August) auf dem Programm.