Zine of the Week: Bullenpest #5

Es ist International Zine Month! Zeit für einen Einblick in die Fanzinesammlung des Archivs der Jugendkulturen, in der sich inzwischen mehr als 20.000 Einzelhefte befinden. Heute rezensiert Almut, Praktikantin im Team PopSub.

Unter dem programmatischen Namen „bullenpest“ erscheint in den 1980er Jahren ein linksautonomes Blättchen in Göttingen. Laut den Macher*innen handelt es sich um ein „ex-gö-punx-blatt“ und eine „zeitung zur billigung von straftaten“. Die anonymen Redakteur*innen „saustall“ und „radikalinski circus“ weisen im Impressum darauf hin, dass die „verkäufer der bullenpest […] mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit nicht der redaktion“ angehören.

Die fünfte Ausgabe der bullenpest beginnt mit einem Vorwort, das von den alltäglichen Schwierigkeiten des Zinemachens erzählt. Texte werden nicht oder erst kurz vor Redaktionsschluss eingereicht, beim Schneiden gehen wichtige Teile versehentlich verloren, der Hefter gibt den Geist auf und dann auch noch die Razzia im Jugendzentrum. Das Fazit: „ES HAT MAL WIEDER ALLES NICHT GEKLAPPT“. Optisch folgt das Zine dem Schnipsel-Look, wie wir ihn auch aus Punk-Fanzines kennen: Zeitungsartikel werden mit (ausgedachten) Überschriften, Bildern, Zeichnungen und eigenen Texten oder Kommentaren vermischt. Auffällig ist die extrem kleine Schriftgröße, für die sich die Macher*innen im Heft mehrmals entschuldigen.

Inhaltlich geht es zunächst um „Standardthemen“ der Autonomen. Es gibt Solidaritätsbekundungen mit der ETA, Berichte über Häuserkämpfe, Aktionen gegen das Sachleistungsprinzip für Geflüchtete und Aufrufe zum Umtausch von Wertgutscheinen in Bargeld. Neben einem Verriss des Films „Stammheim“ (mit einem Drehbuch von Stefan Aust) finden sich im Heft auch Bekennerschreiben unter anderem zu einem (Brand-)Anschlag auf das vorführende Kino in Göttingen.

Interessant sind aber vor allem die Artikel, die sich mit den Protesten gegen Atomkraft beschäftigen. Das vermutlich im Herbst 1986 erschienene Heft steht dabei noch im Zeichen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Einige Artikel behandeln das breite Protestbündnis vom bürgerlichen bis linksautonomen Spektrum gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf und die massive Gewalt von Seiten der eingesetzten Polizei. In anderen geht es um das AKW Brokdorf, dass im Oktober 1986 nur wenige Monate nach Tschernobyl in Betrieb genommen wird.

Zusätzlich enthält die Ausgabe einen Erlebnisbericht vom Anti-WAAhnsinns-Festival, das 1986 im bayrischen Burglengenfeld mit bis zu 100.000 Besuchenden stattfindet und auch als deutsches Woodstock Bekanntheit erlangt. Dort positionierten sich renommierte (internationale) Künstler*innen gegen die WAA in Wackersdorf. Der*die anonyme Autor*in übt jedoch scharfe Kritik an der fehlenden politischen Schärfe der dortigen Inhalte und den Abgrenzungsbemühungen vieler Künstler*innen zum militanten Protest und stellt darüber hinaus die Frage nach der Sinnhaftigkeit gewaltfreier Protestformen. Trotz allem trägt dieser Protest in seinen verschiedenen Formen dazu bei, dass der Bau in Wackersdorf drei Jahre später eingestellt wird, die Wiederaufbereitung abgebrannter Brennstäbe aus Kernreaktoren in Deutschland findet nun in Frankreich (La Hague) und Großbritannien (Windscale/Sellafield) statt.

Almut D.

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