Don’t Spotify your Life – Die Nischen auf der Berlin Music Week

„Betrug“ und „Skandal“, so hallt es am 1. Konferenztag der Berlin Music Week (BMW) durch den Postbahnhof. Dieter Meier (Yello) sitzt auf dem Eröffnungspodium der WORD! -Konferenz und macht erst mal alle Anwesenden richtig wach. Streaming, der neuer Streif am Horizont des sich jahrelang immer mehr verdüsternden Musikindustriehimmels? Sind Musikstreamingportale wie Spotify eine neue Möglichkeit für Künstler_innen endlich wieder Geld mit ihrer Musik zu verdienen? Nicht für Dieter Meier. Denn auch mit Streamingzahlen im Millionenbereich wird man bei Spotify mit so wenig Geld abgespeist, dass „es kaum reicht die Wasserrechnung zu zahlen“, so Meier. Die Intransparenz, was Zahlen, Abrechnungsmodi und faire prozentuale Beteiligung der Musiker_innen angeht, prangert er dabei weniger in Bezug auf seine Person an, schließlich habe er das Glück gehabt mit Yello mehrere Millionen (physische) Tonträger verkauft zu haben, sondern vor allem stellvertretend für junge Künstler_innen, die in der „Ära nach der CD“ auf neue Absatzmöglichkeiten angewiesen sind.

Da sind wir dann schon mitten im Themenschwerpunkt der fünften BMW angekommen: Digitalisierung und Streaming. Ein wenig abseits finden sich aber interessante Nischen, die pop- und jugendkulturelle Entwicklungen in den Fokus nehmen. Da gibt es dann Fragen zur Indie- Ästhetik heute, ein bisschen Popfeminismus- und Diversitydiskurs und als Glasur noch Bestandsaufnahmen zu DIY-Strukturen im urbanen Raum und politischen Haltungsfragen im Pop obendrauf.

Von DIY zu DIT

Wie in DIY-Strukturen professionell arbeiten? Dieser Frage stellen sich verschiedene Akteur_innen, die seit vielen Jahren in der Berliner und Hamburger Club- und Labelandschaft (u.a. Schokoladen, about blank, Audiolith) als DIY-Booker_innen, Veranstalter_innen und Labelbetreiber_innen aktiv sind. Zugegeben, ein etwas widersprüchliches Unterfangen bei DIY überhaupt in Chiffren von Professionalität zu denken. Der Ausgangsfrage wird im Gespräch dann auch nur wenig Raum gegeben. Es geht vielmehr um Aspekte wie Authentizität, den Kollektivgedanken, Fairness im Umgang mit Bands, Spaß bei der Sache und natürlich um die Liebe zur Musik an sich. Hauptsache keinen Job machen, den man hasst und schon gar nicht in Abhängigkeit arbeiten, so das Credo. Da verwundert es dann auch nicht, dass alle in die Empowerment-Hymne einstimmen und „denen da draußen“ als Ratschlag auf den Weg geben, sich und ihre Ideen einfach auszuprobieren. Und das natürlich am besten nicht alleine, sondern in einem Netzwerk ähnlich interessierter Menschen, am besten Freund_innen, um im Sinne einer Bottom-up-Strategie gemeinsam Nischen für selbstverwaltete Freiräume und Veranstaltungen zu besetzen. Denn der Sinn hinter „Do it yourself“ (DIY) soll weniger als ein „Mach alles alleine“, sondern eher als ein gemeinsames Tun, ein „Do it together“ (DIT) verstanden und gelebt werden. Wie leicht es heute noch ist in einem immer stärker spekulationsverseuchten Berlin solche Freiräume zu etablieren und aufrechtzuerhalten, das sollen sich „die da draußen“ dann aber doch lieber selbst beantworten.

Did we make any progress? 20 Jahre nach dem Riot Grrrl Manifest

„Revolution Girl Style Now“. Mehr als 20 Jahre nach der so betitelten Bikini-Kill-Platte und dem Riot Grrrl Manifest, erstaunt mich, dass mir 2014 ein Panel mit diesem Titel ins Auge springt, um auf den zweiten Blick zu fragen, wie es um die Rolle und Sichtbarkeit von Frauen im Musikgeschäft heute bestellt ist.

Sonja Eismann (Missy Magazin) deprimiert dann gleich zu Anfang. Das hat weniger mit ihrer Moderationsleistung zu tun, als vielmehr mit den ernüchternden Zahlen, die sie zum Diskussionseinstieg liefert. Denn auch die Musikindustrie, welch Wunder, ist ein Abziehbild der Gesamtgesellschaft. Auch hier greifen und perpetuieren sich Mechanismen und Strukturen der Ungleichbehandlung von Männern und Frauen. So verdienen Frauen auch in der Musikindustrie deutlich weniger als Männer, findet man in den Führungsetagen der Labels eher selten eine Frau und auch bei der Produktion von Musik überflügeln Männer Frauen um Längen.

Dem Impuls aufzustehen und mich lieber in die Sonne zu setzen, widerstehe ich nur knapp, denn Eismann beteuert „We are not here to complain“. Doch die Frage, ob sich in den vergangenen Jahren eine sichtbare Entwicklung zum Besseren ausmachen lässt, wird wenn nur zaghaft positiv beantwortet. Die Rede ist da von mehr „Awareness“ dem Thema gegenüber (Electric Indigo/ Female Pressure). Es wird also mehr darüber diskutiert, was sich jedoch immer noch viel zu wenig in der Praxis bemerkbar macht. Jetzt bin ich nicht mehr nur deprimiert, sondern fast schon desillusioniert. Doch: ein Lichtblick. So recht weiß zwar keiner warum, aber das Berghain hat im vergangenen Jahr mehr weibliche DJs gebucht als jemals zuvor. Momentaufnahme oder doch ein erstes Aufbrechen verkrusteter Entscheidungsstrukturen im Zuge der Female Pressure Studie 2013?

Aber eine wirkliche Revolution à la Girl Style muss doch anders aussehen? Mehr Empowerment. Natürlich! Etablierte Musikerinnen sollen ihre Vorbild- und Mentoringfunktion für Nachwuchskünstlerinnen stärker wahrnehmen. Absolut! Bei Quotenregelungen und speziellen Musikawards für Künstlerinnen gehen die Meinungen dann doch stärker auseinander. Vor allem in Bezug auf die Wirkung und Symbolkraft dieser Instrumente, die in der öffentlichen Wahrnehmung auch mal nach hinten losgehen kann und Geschlecht eher als unterscheidendes Merkmal manifestiert, als diese Kategorie obsolet zu machen. Das zeigt nicht zuletzt die jahrelang geführte Debatte über die Einführungen von Frauenquoten in anderen gesellschaftlichen Teilsystemen.

Am Ende bleibt: Alles keine schlechten Ideen, aber irgendwie schon tausendmal gehört. Wirklich revolutionäre Lösungsansätze sucht man vergebens. Ich muss an eine Textzeile aus dem Song „Rebel Girl“ (Bikini Kill) denken: „When she talks, I hear the revolution“ singt Kathleen Hanna. So ein Rebel Girl hätte diesem Panel sicher auch ganz gut getan.

Die neue Indieästehtik ist Hi-Tech

Adam Harper reißt mich dann mit seinen Vortrag „Indie goes Hi-Tech“ aus meiner 90er-Jahre-Nostalgie. Obwohl er mit einer Szene aus Portlandia, einer amerikanischen Comedyserie mit Fred Armisen (Saturday Night Live) und Carrie Brownstein (Sleater Kinney, Wild Flag) beginnt. „We put a bird on it“ heißt es da und „The Dream of the 90s is alive in Portland“. Doch wer sich jetzt in sicheren Gefilden wähnt, was Stile, Referenzen und Codes der heutigen Indie-Kultur angeht, den duscht Harper schon gleich im nächsten Augenblick wieder kalt ab. Seiner Meinung nach gehört die in Portlandia zelebrierte Indie-Ästhetik schon längst der Vergangenheit an und ist nur noch was für Nostalgiker_innen, die in den 80ern groß geworden sind. Autsch, getroffen.

Das naiv verspielte, oftmals charmant rohe und selbstgemachte ist vielmehr einer unterkühlten, dekadent anmutenden, modernen Bildsprache in Videos, Plattencovern und Visuals gewichen. Vor allem in der elektronischen Musik verweben sich minimalistische Musikstile mit reduzierten, futuristischen Bildwelten und Motiven. Spannende Vertreter_innen dieser neuen pasticheartigen Indieästhetik sind neben James Ferraro vor allem auch viele Künstlerinnen, wie Fatima al Quadiri, FKA Twigs, Laurel Halo und auch queere Acts wie Le1f und Mykki Blanco. Die neuen Musikgenres heißen Vaporwave oder Cuteness und sind in ihrer Ästhetik auch stark vom Manga-Stil beeinflusst, oft gefährlich nah an klischeehaften Darstellungen, die in Exotismus abzugleiten drohen. Das findet man sicher nicht mehr auf den Parties im Jugendzentrum um die Ecke. Also alle Nostalgie über Board. Jugendliche und Künstler_innen entwerfen ihre Idee von Indie-Ästhetik neu, und diese wird, wie so vieles, von den Möglichkeiten digitaler Technik bestimmt.

We are the Teenagers

Um Jugendliche und technischen Fortschritt geht es auch bei dem „When Teenage Music Fans are your Audience“-Panel. Genauer gesagt, um deren Hörgewohnheiten und Musikkonsumverhalten. In der vorgestellten Studie zeigt sich, dass mittlerweile 90% der Jugendlichen ein Smartphone besitzen und dieses zum Musik hören nutzen. Das tun sie hauptsächlich über Youtube und noch recht verhalten über Spotify (20%). Und nur noch knapp 14% besitzen überhaupt ein Gerät mit dem man CDs abspielen kann.

Wie Jugendliche Musik hören und konsumieren hat sich im Vergleich zu den Vorgängergenerationen somit gravierend verändert. Physische Tonträger (Kassetten, Vinylplatten und CDs) spielen bei Ihnen kaum eine Rolle. In Zeiten von MP3s und der Verbreitung von Musik über das Internet bedeutet das auch, dass ein Großteil der Jugendlichen in ihrer musikalischen Sozialisation nie für das Hören von Musik bezahlt haben und die Frage, die sich daran anschließt und nicht nur die Musikindustrie umtreibt, ist: Warum sollten sie es dann als Erwachsene tun?

Schlechte Haltungsnoten im Pop

Mit schwierigen Fragen startet auch mein letztes Panel „Pop + Politik = Haltung ?“ der BMW. Hat Popmusik heute noch gesellschaftspolitische Relevanz? Was ist Haltung für euch?

Was dann eine gute Stunde lang folgt ist ein diffuses Potpourri aus Gedankenfetzen und Beiträgen, die immer wieder um die sicher nicht einfache Begriffsdefinition Haltung kreisen. Sookee, Rapperin aus Berlin, nähert sich dem Begriff Haltung mit der Unterscheidung zwischen Dogmen („anstrengend“) und Prinzipien („wichtig“). Stoppok, deutscher Rockmusiker, findet, dass heutzutage „eh alle eine Meise haben, die noch Plattenverträge bei Majorlabels unterschreiben“ und Labelbetreiber Gregor (Sounds of Subterannia) übernimmt in der Runde die Rolle des Kulturpessimisten, der in die „früher war alles besser“-Attitüde verfällt und fragt, wo sich heute noch Bands finden lassen, wie es sie in den 70ern gab?

Wie Sookee dann richtig einwendet, wird es nicht nur für Künstler_innen, sondern für alle in Zeiten von Globalisierung und zunehmend fragmentierten Teilöffentlichkeiten immer schwerer sich klar zu positionieren. Die Komplexität mancher Themen tut dazu ihr übriges. Samsa wünscht sich eine strikte Trennung zwischen Meinung („haben ziemlich viele Menschen“) und Haltung („lässt sich bei Bands auch immer weniger finden“). Woran er das festmacht?  U. a. an der Crowdfundigkampagne von Marcus Wiebusch (But Alive, Kettcar), der für die Produktion seines Musikvideos „Der Tag wird kommen“ (zum Thema Homophobie im Fußball) 50.000 Euro gesammelt hat. Samsa fragt sich und in die Runde, warum Wiebusch das Geld nicht lieber dafür verwendet, um es direkt Initiativen gegen Homophobie zur Verfügung zu stellen? Die fragwürdige Instrumentalisierung von Themen wie Homophobie aus Imagegründen, soll Wiebusch an dieser Stelle zwar nicht unterstellt werden, etwas mulmig ist mir bei dieser Art von „Awareness-Rising“ aber schon.

Leider fehlt durch die generell sehr zerfahrene Diskussion, Raum für viele weitere spannende Fragen zu Jugendkulturen, die im Vorfeld angekündigt waren. Stattdessen macht Sookee ungeniert Eigenwerbung für ihr Label, dass „wie kein anderes fernab kapitalistischer Verwertungslogiken arbeitet“. Aber gut, auch Sympathieträgerinnen haben mal einen nicht so guten Tag. Und Stoppok rühmt sich dafür in seiner gut 40jährigen Karriere, auch ohne Majorlabel im Rücken, die Hallen gefüllt zu haben. Ärgert sich aber trotzdem, so mein Eindruck, darüber, dass er nie bei „Wetten dass..?“ eingeladen wurde. Da macht es dann am Ende auch fast gar nichts, dass Sookee nicht weiß, wer Marcus Wiebusch ist.

Um Distinktion bemüht

Dass sich angeblich 3.5000 Delegierte auf der Konferenz tummeln sollen merkt man bei der BMW zu keinem Zeitpunkt. Weder bei den Panels, an den Bars oder vor den Toiletten bilden sich nennenswerte Schlangen. Das mag zwar schlecht für die BMW sein, deren Relevanz ja schon seit Bestehen in Frage gestellt wird, für mich bedeutet das eine sehr entspannte Konferenzatmosphäre. Selbiges lässt sich auch über die Konzerte im Rahmen von First We Take Berlin sagen. Ob nun im YAAM bei Zugezogen Maskulin, in der Berghain Kantine bei Ballet School oder im Astra bei Zoot Woman. Reindrängeln muss man sich nirgends. Bei den Musikevents wird aber noch stärker deutlich, wie wenig es der BMW gelingt, sich vom dem üblichen Partyangebot Berlins distinktiv abzuheben.

Mit einer Überraschung wartet dann der Abschlußevent der BMW, der New Music Award, auf. Newcomer findet man unter den Bands im Wettbewerb zwar kaum, denn fast alle haben schon einen Plattenvertrag in der Tasche und auch der Blick ins Programmheft manifestiert eher, was beim Panel zu Frauen und Vielfalt im Musikbusiness schon schlechte Laune machte: In einem Meer von Indierock- und Hip-Hop Acts, viele mit einer Art Casper-Clon in ihren Reihen, finden sich gerade mal drei Künstlerinnen im Wettbewerb wieder. Doch worin besteht dann die Überraschung? Dass am Ende eine von ihnen, nämlich die Berliner Musikerin Lary den NMA gewinnt. Es bleibt also die vage Hoffnung, dass sich musikalisches Talent, ob im Mainstream oder Underground, immer wieder durchsetzen kann und wir vielleicht schon bei der kommenden BMW nicht mehr über spezielle Awards zur Förderung von Musikerinnen nachdenken müssen.

Giuseppina Lettieri

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Die aktuelle Situation der Musikindustrie

Die Berlin Music Week ist nun schon einige Tage vorbei, aber hier wie versprochen ein paar der für mich interessanten Erkenntnisse der Konferenz. Dass die meisten Musiker_innen heutzutage mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, ist keine Neuigkeit, wurde bei der BMW aber noch einmal sehr deutlich. Die Veränderung der Gewohnheiten des Musikkonsums, weg von physischen Tonträgern und hin zu MP3s und Streaming, hat große Auswirkungen auf die Verdienstmöglichkeiten von Musiker_innen. Das heißt, es ist mittlerweile für viele Bands gar nicht mehr möglich, von der Musik an sich zu leben. Am deutlichsten wurde in Bezug auf dieses Thema der Journalist Paul Resnikoff aus den USA, dessen Vortrag „The 13 most insidious, perversive lies of the modern music industry“ ein weitestgehend düsteres Bild von der aktuellen Situation zeichnete. Durch die neuen Möglichkeiten des Vertriebs der Musik über das Internet und die Demokratisierung der Produktionsmittel ist keine neue, bessere Zeit für Musiker_innen angebrochen. Es gibt heute zu viel Musik, ein großer Teil der existierenden Songs findet so gut wie keine Hörer_innen – so gibt es laut Resnikoff bei dem Streamingdienst Spotify rund vier Millionen Songs, die noch nie angehört wurden, und nur 5 500 Songs werden in einem nennenswerten Maß angehört. „Too many MCs and not enough listeners“, wie es an anderer Stelle der Radiomoderator Klaus Walter mit einem Zitat des Rappers Beans ausdrückte – ein Zitat übrigens, dass auch schon rund zehn Jahre alt ist. Und auch ansonsten machen 2% der Veröffentlichungen 90% der Verkäufe aus, davon weiterhin vor allem Künstler_innen, die bei den großen Majorlabels unter Vertrag sind. Also alles beim Alten in dieser Hinsicht, nur dass es viel schwieriger geworden ist, überhaupt noch etwas mit Popmusik zu verdienen – der Verdienst durch Streaming ist für Musiker_innen oft kaum messbar und die Abrechnungen sind intransparent (wie es beim Eröffnungspanel Dieter Meier von Yello beklagte).

Dass aber Bands und Musiker_innen stattdessen durch Live-Auftritte Geld verdienen könnten und deshalb das Touren wichtiger geworden wäre, stimmt leider auch nicht. 96% der Bands verdienen nichts durch Touren oder müssen sogar draufzahlen. Auch mit Merchandising verdienen nur die großen Popstars (und ein paar Heavy-Metal-Bands) nennenswertes Geld. Neue Geschäftsmodelle – z. B. Kickstarter-Kampagnen, um ein Album zu finanzieren – funktionieren nur in Ausnahmen und meistens nur bei Acts, die schon eine gewisse Bekanntheit haben. Es gibt also keine Mittelklasse in der Popmusik mehr, Resnikoff nennt die Musikindustrie entsprechend eine „Dritte-Welt-Wirtschaft“ mit ein paar Superreichen und einer Masse an Armen.

Die Zukunft der Musikindustrie liegt aber nun einmal beim Streaming und die Industrie und die Musiker_innen müssen sich damit abfinden und lernen, mit dieser Situation klarzukommen. In manchen Ländern ist Streaming jetzt schon der dominierende Weg, wie Musik konsumiert wird – z. B. in den skandinavischen Ländern und Großbritannien. Die Konsument_innen in Deutschland sind da eher konservativ, hier werden noch vergleichsweise viele physische Tonträger verkauft, auch Vinyl ist weiterhin relativ wichtig, wie beim Panel „Vinyl Comeback“ gezeigt wurde – zwar ist der Schallplattenmarkt eher eine Nische, aber immerhin eine im Moment noch sehr stabile mit in den letzten Jahren sogar ansteigenden Verkaufszahlen. Das gilt aber nicht unbedingt für Jugendliche – hier dominiert schon seit einigen Jahren das Smartphone als wichtigstes Gerät zum Hören von Musik.

Eine mögliche, aber auch fragwürdige Lösung für die Probleme der Musiker_innen wurde auf einem anderen Panel besprochen – Sponsoring und Musiker_innen als Werbeträger. Auf dem Panel saß u. a. Frank Spilker von der Hamburger Band Die Sterne, die vor ein paar Jahren von Jägermeister für Auftritte bei der Jägermeister Rock-Liga bezahlt wurden. Das hat der Band einerseits ermöglicht, sich auf ihre Musik zu konzentrieren, anderseits aber auch zu Vorwürfen von Seiten der Fans geführt. Auf diesem Panel ging es nicht nur um die Finanzierung von Bands durch Firmen, sondern auch die Finanzierung von Musikjournalismus. Aufgrund sinkender Verkaufszahlen ist es für Musikzeitschriften immer schwerer geworden am Markt zu überleben, was z. B. auch das Ende der De:Bug zu Beginn des Jahres zeigt. Auch sind die Möglichkeiten der Zeitschriften immer begrenzter, sie haben beispielsweise kaum Budget für aufwendige Reportagen und ähnliches. Eine Alternative dazu ist „Corporate Publishing“ – eine Zeitschrift wird komplett von einem Konzern finanziert und die Journalist_innen können unbelasteter arbeiten (falls sie einen Konzern finden, der ihnen nicht ins Handwerk pfuscht). Ein Beispiel hierfür ist die Zeitschrift Electronic Beats der Telekom, deren ehemaliger Chefradakteur Max Dax (früher bei der Spex) von diesem Modell schwärmte – durch die Finanzierung durch die Telekom war es möglich, Musiklegenden in aller Welt zu besuchen und qualitativ hochwertigen Journalismus zu betreiben. Dass das aber ein Luxus ist, in dessen Genuss nur sehr wenige Journalist_innen kommen, und die Abhängigkeit von einem Konzern in politischer Hinsicht alles andere als ideal ist, wurde leider nicht wirklich diskutiert.

Wie die Situation für andere Journalist_innen aussieht, wurde dagegen bei dem Gespräch mit Klaus Walter (unter dem Motto „Produktionsbedingungen von Popkultur“) deutlich – der ehemals für den Hessischen Rundfunk tätige Radiomoderator und Musikjournalist kann heute nur noch unter prekären Bedingungen arbeiten. 2008 wurde die Sendung eingestellt und Walter war gezwungen, zum Internetradio ByteFM zu wechseln, wo die Arbeitsbedingungen eher schlecht sind und der Verdienst gering ist. Feuilletonistisches Popmusikradio findet sich heute nur noch punktuell (z. B. bei BR Zündfunk), obwohl öffentlich-rechtliche Sender eigentlich die Plattform sein könnten, abseits vom Markt qualitativ hochwertiges Radio zu machen.

Staatliche Unterstützung für Musiker_innen wurde an manchen Stellen auch angesprochen, hier könnte in Form von z. B. Stipendien Möglichkeiten geschaffen werden, Künstler_innen zu unterstützen. Inwiefern das tatsächlich von Musiker_innen gewünscht ist, ist dabei einen andere Frage, aber noch scheint das Hauptproblem zu sein, dass gerade in Deutschland weiterhin der Unterschied zwischen E- (wie ernsthaft) und U-Musik (wie Unterhaltung) eine wichtige Rolle spielt, wie es der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner bei seinem Eröffnungsvortrag betonte. E-Musik wird gefördert (also klassische Musik, Jazz), während es Popmusik weiterhin schwer hat.

Daniel Schneider

Berlin Music Week 2014, 2. Tag

Der zweite Tag der Konferenz ist vorbei, heute haben wir uns wieder einige vielversprechende Panels angeschaut – es war aber diesmal ziemlich durchwachsen und dafür, dass hier 3 500 Delegierte sein sollen, überall erstaunlich leer. Woran das liegen mag, wissen wir nicht wirklich – ein Kollege, der sich besser mit dem Business auskennt, meinte dazu, dass die Relevanz der Music Week für die Branche nicht besonders hoch wäre und deshalb von vielen gemieden würde. Nun gut, es kann ja trotzdem interessante Diskussionen und spannende Vorträge geben, was heute nur sporadisch der Fall war.

Die Themen des heutigen Tages: Lügen über die Musikindustrie, Produktionsbedingungen von Popkulturjournalismus, Charts in Echtzeit, der Afrikanische Musikmarkt, Indie goes Hi-Tech und Pop und Politik. Die interessanten Sachen werden wir – wie gestern schon angekündigt – in den kommenden Tagen noch etwas genauer betrachten.

Was auf uns noch zukommt: heute Abend wieder ein paar Konzerte und am Sonntag noch der New Music Award im Admiralspalast.

Giuseppina Lettieri & Daniel Schneider

Berlin Music Week 2014, 1. Tag

So, das erste Mal, dass hier so halbwegs „live“ gebloggt wird – wir sitzen gerade auf der „Terrace“ vom Postbahnhof bei der Berlin Music Week und sprechen über unsere Eindrücke des ersten Tages. Die zentralen Themen der Konferenz sind „Veränderungen durch Digitalisierung und Technisierung, Perspektiven der Recorded Industry, Diversity und Produktionsbedingungen der Popkultur“. Uns haben dabei nicht so sehr die rein wirtschaftlichen Themen interessiert – auch wenn es hier immer irgendwie um diese Aspekte der Popmusik geht – sondern eher die Themen, bei denen es auch um Politik oder kulturelle Entwicklungen geht.

Nach dem Konferenz-Opening mit u. a. Dieter Meier (Yello) und einem „Impulsvortrag“ von Tim Renner (Staatssekretär für Kultur Berlin) haben wir uns die Panels herausgesucht, die sich am wenigsten nach rein ökonomischen Fragestellungen anhörten. Darunter D.I.Y.-Strukturen im Popmusikgeschäft, Teenager als Popmusikkonsument_innen, das Comeback von Vinyl, Diversity und die Rolle von Frauen im Musikgeschäft und Sponsoring von Musiker_innen.

Da waren einige spannende Sachen dabei, über die wir aber noch ein wenig nachdenken müssen, deshalb an dieser Stelle erstmal nicht mehr dazu. Außerdem zieht gerade eine Brass-Band am Gebäude vorbei und erinnert uns daran, dass da draußen noch ein ganzes Musikfestival auf uns wartet. Da gehen wir jetzt erstmal hin und kommen dann morgen wieder hierher.

Giuseppina Lettieri & Daniel Schneider