Zine of the Day: Sideburns #8 (Österreich)

Der Juli ist wieder International Zine Month (IZM). Aus diesem Anlass stellen wir euch auch dieses Jahr wieder einige aus unserer Sicht interessante Hefte aus der Fanzine-Sammlung des Archivs der Jugendkulturen als „Zine of the Day“ vor…

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Sideburns #8 mit Filmdose als „Umschlag“

Manche Zines sind mehr als bloße Medien. Ihre Gestaltung macht sie zu regelrechten Kleinoden. Das Sideburns #8 von Andi Dvorak aus Wien ist für mich ein solches Schmuckstück. Dieses „Heft“ erschien irgendwann Mitte der 2000er Jahre und ist streng genommen gar kein Heft, sondern sprengt das typische Zeitschriften-Format, das die allermeisten Fanzines adaptieren. Im Gegensatz dazu erschien Sideburns #8 als Papierrolle in der Größe einer Filmrolle, die zusammen mit einem jeweils unterschiedlichen Gimmick (z. B. der Kugel einer hölzernen Perlen-Kette oder dem Säbel einer Lego–Piratenfigur) in einer entsprechenden Plastik-Filmdose mit Deckel. Die etwas mehr als eineinhalb Meter lange Papierrolle besteht aus acht beidseitig kopierten und mit Tesafilm aneinander gefügten Papierstreifen. Auf der Filmdose befinden sich zwei schmale Klebestreifen, einer mit dem Titel und der Nummer des Zines und ein anderer mit dem Zusatz: „The past can’t be undone“. Ich frage mich, wie lange Andi wohl gebraucht hat, um ein Exemplar von Sideburns #8 fertigzustellen, wie hoch wohl die Auflage dieser Ausgabe war und wie viel Arbeit es gemacht hat, die Filmdosen zu organisieren und sie zu bekleben, die Gimmicks in der passenden Größe zusammen zu tragen, die Kopiervorlagen für die Papierrolle herzustellen, sie beidseitig auf ein DIN A4-Blatt zu kopieren, sie zurechtzuschneiden, zu sortieren, in der richtigen Reihenfolge aneinanderzukleben und aufzurollen und das fertige Zine dann schließlich in diesem ungewöhnlichen Format zu verschicken. Sofort wird klar: Hier steckt enorm viel Herzblut und Leidenschaft drin! Das hier unterscheidet sich von den Kiosk-Magazinen und selbst den allermeisten Fanzines. Das hier ist augenscheinlich etwas sehr Persönliches.

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Sideburns #8 – gerollt und nicht geheftet!

Inhaltlich geht es in Sideburns #8 auch tatsächlich um etwas sehr Persönliches: um zwischenmenschliche Beziehungen, um Liebe, Freundschaft und Vertrauen, aber auch um Enttäuschung, Herzschmerz und Trennung. Andi verarbeitet seine kürzlich gemachten Erfahrungen mit all dem in knappen handschriftlichen Notizen und kurzen Comic-Strip-artigen Zeichnungen. Seine in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder und Texte sind wie blitzlichtartige Moment-Aufnahmen aus dem Leben eines Unbekannten. Auch wenn sie sich auf konkrete Erlebnisse beziehen, deuten sie vieles bloß an, bleiben unscharf, uneindeutig und unvollständig. Gerade dadurch provozieren sie, die eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mit den Höhen und Tiefen zwischenmenschlicher Beziehungen mit denen von Andi abzugleichen. Im Sideburns #8 zu lesen ist, als würde man durch das Fotoalbum eines unbekannten Menschen blättern und sich auf manchen Bildern selbst zu erkennen.

Insofern ist die Aufmachung dieses Zines mit seiner Analogie zu einer Filmrolle nicht bloß Spielerei. Der Inhalt findet hier auch seine Entsprechung in der Form und das Medium selbst wird Mittel des Ausdrucks. Im Gegensatz zu vielen Art Zines, denen das ebenfalls gelingt, fehlt Sideburns #8 allerdings jegliche Zurschaustellung eines arty farty-Unterbaus. Stattdessen kommt es völlig unspektakulär im Gestus von D.I.Y. daher und wirkt gerade deshalb extrem sympathisch. All das macht das Sideburns #8 für mich zu einem tatsächlichen Kleinod in unserer Zine-Sammlung.

Andi ist heute immer noch in Sachen D.I.Y. aktiv. Mit seinem Label Fettkakao veröffentlicht er neben Platten auch weiterhin eigene Fanzines.

Christian

Mehr Infos zum International Zine Month (IZM) sind hier zu finden.

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